Sandra Navidi im Interview: Hat Trump den Zenit seiner Macht überschritten? “Im Gegenteil” | ABC-Z

Sandra Navidi im InterviewHat Trump den Zenit seiner Macht überschritten? “Im Gegenteil”
20.02.2026, 19:54 Uhr
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Schlappe für US-Präsident Trump: Der Supreme Court der USA kippt einen Teil seiner Zölle. Doch Expertin Sandra Navidi warnt im Interview: Ein Ende des Handelskriegs sei nicht in Sicht. Trump werde versuchen, die Abgaben auf anderem Wege durchzudrücken. Das Vertrauen in die Rechtssicherheit der USA bleibe tief erschüttert.
ntv.de: Der Oberste Gerichtshof der USA hat die von Präsident Donald Trump verhängten Zölle gekippt. Welche ökonomische Tragweite hat die Entscheidung?
Sandra Navidi: Die Zölle, die auf dem IEEPA-Gesetz fußen, sind rechtswidrig und fallen weg. IEEPA verleiht dem Präsidenten bei Ausnahmezuständen zwar weitreichende Befugnisse, aber nicht das Recht, Zölle zu erheben. Dieses Recht gehört zu den Kernkompetenzen des Kongresses. Trump hatte argumentiert, dass Handelsdefizite ein nationaler Notstand seien, genau wie Drogen und der Rückgang der inländischen Industrieproduktion. Damit sind die reziproken Zölle, die Trump seit April 2025 auf fast alle US-Handelspartner verhängt hatte, ungültig. Zölle, die auf anderen rechtlichen Grundlagen basieren, wie Maßnahmen gegen Stahl- und Aluminiumimporte, bleiben bestehen.
Muss Trump seine Zölle jetzt kassieren?
Es wird sich nicht sehr viel ändern, außer, dass aufgrund von Rechtsstreitigkeiten und zusätzlicher Ungewissheit noch größeres Chaos entsteht. Die Trump-Administration hat schon angekündigt, die Zölle bei Ungültigkeit auf andere Rechtsgrundlagen zu stützen. Dies ist möglich, aber für die Administration ein umständlicherer Prozess, der einen größeren Zeitaufwand kostet. Trumps Zollpolitik ist einer der Grundpfeiler der “America First”-Politik. Darauf basieren viele andere seiner Versprechen. Nicht umsonst sagte der Finanzminister Scott Bessent schon vor Monaten, dass der Supreme Court die Zölle nicht kippen könne, weil dies eine “diplomatische Blamage” für Trump darstellen würde.
Die angeschlagenen Handelsbeziehungen werden sich durch das Urteil auch nicht wieder schlagartig bessern, oder?
Das Vertrauen ist zerstört. Die Handelspartner der USA haben realisiert, dass Strafzölle und andere Zwangsmaßnahmen nicht nur unberechenbar sind, sondern auch rational nicht nachvollziehbar. Es gab nie detaillierte Beispielrechnungen oder Analysen, die die USA schon aus eigenem Interesse erstellt hätten. Außerdem hat das Beispiel der Schweiz gezeigt, wie sehr die Zölle von Trumps persönlichem Gutdünken abhängen: Erst legt Trump der Schweiz einen Rekordzoll von 39 Prozent auf, einer der höchsten Sätze in seinem globalen Zollpaket. Dann gefällt ihm der Tonfall der ehemaligen Präsidentin Keller-Sutter nicht, und zur Strafe haut er noch einmal 9 Prozent drauf. Als eine Schweizer Delegation daraufhin mit einer speziell angefertigten Rolex-Tischuhr und einem personalisierten Goldbarren aufgelaufen ist, hat er die Zölle zur Belohnung auf 15 Prozent reduziert.
Werden deutsche Hersteller nach dem Urteil wieder verstärkt auf die USA setzen? Oder ist das Vertrauen in den Standort nachhaltig zerstört?
Die USA sind einer der größten und profitabelsten Märkte der Welt. Deshalb sind so viele Unternehmen auf den US-Markt geströmt. Aber für viele rechnet sich eine US-Produktion angesichts der Zölle kaum noch. Wir haben in den vergangenen Monaten auch immer weniger deutsche Unternehmen gesehen, die auf den US-Markt geströmt sind. Sollten viele dieser Zölle jetzt wegfallen, würde das die Situation verbessern. Sicherlich würden Unternehmen versuchen, Risiken vertraglich abzusichern. Grundsätzlich bleibt aber das ungute Gefühl, dass es mit der Rechtssicherheit in den USA nicht mehr so weit her ist. Letztlich muss jedes einzelne Unternehmen für sich seine Risiko-Gewinnrechnung anstellen.
Öffentlich haben große Konzerne Trumps Zölle nicht kritisiert. Was hören Sie jetzt als Reaktion von Wall-Street-Managern?
Die Wall Street hatte mit diesem Urteil gerechnet. Die Rechtslage sprach eindeutig gegen Trumps Ermächtigung auf der Grundlage des IEEPA-Gesetzes. Mehrere Verfassungsrichter hatten sich dazu vor Monaten offen kritisch geäußert. Nach Trumps Schimpferei auf das Verfassungsgericht zu urteilen, sind diese Signale auch bei der Regierung angekommen. Teilweise kann die Wall Street die Unsicherheit ja auch zu Geld machen, beispielsweise bei Trades. Aber auch auf dem Gebiet der Beratung und M&A besteht Potenzial.
Hat Trump damit jetzt den Zenit seiner Macht überschritten?
Im Gegenteil: In den vergangenen Monaten hat Trump immer mehr Macht an sich gerissen und zunehmend mehr Stellen mit Loyalisten besetzt. Wall-Street-Größen und Unternehmenschefs fügen sich seinem Druck aus Angst vor den Konsequenzen. Und im Hinblick auf das Urteil des Supreme Courts: Angesichts dieser Schmach wird Trump erst recht versuchen, seine Zölle durchzusetzen und/oder mit anderen Repressalien aufzuwarten.
Ökonomen schätzen, dass 175 Milliarden US-Dollar zurückgezahlt werden müssen. Wie realistisch ist es, dass das passiert?
Der Supreme Court hat keine Anordnung zur Erstattung der Zölle getroffen. Damit liegt die Ausgestaltung bei den unteren Gerichten und der Zollverwaltung. Es wird also vermutlich weitere Gerichtsverfahren und Verwaltungsakte geben. Grundsätzlich ist mit einem riesigen juristischen und bürokratischen Chaos zu rechnen. Es gibt ja bereits unzählige Klagen gegen die Zölle, aber im Wettrennen um die Erstattung werden jetzt noch viel mehr Probleme hinzukommen. Der Finanzminister Scott Bessent sagte bereits, dass die Regierung das Geld überhaupt nicht erstatten könne, weil sie es nicht habe. Aber so leicht kann sie sich natürlich nicht aus der Verantwortung stehlen.
Mit Sandra Navidi sprach Juliane Kipper





















