Sammler versteigert Fotos – und beißt auf Granit | ABC-Z

Es war eine der berüchtigtsten Gräueltaten der deutschen Besatzer in Griechenland: Am 1. Mai 1944 ermordeten Soldaten der Wehrmacht in Athen 200 griechische Widerstandskämpfer. 82 Jahre später wird das Grauen auf verstörende Weise wieder präsent: Ein belgischer Sammler bot Fotos der Hinrichtung auf eBay an.
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Dass diese historischen Dokumente meistbietend versteigert werden sollten, löste in großen Teilen der griechischen Öffentlichkeit Empörung aus. Auch die Politik reagierte alarmiert. Die Bilder seien „keine Handelsware“, sagte ein Oppositionspolitiker. Die Regierung bemüht sich nun, die historisch bedeutsamen Aufnahmen zu sichern.

Griechenland: Denkmal am Kaisariani-Schießstand in Athen.
© AFP | Angelos Tzortzinis
Griechenland: Belgischer Sammler bietet Massaker-Fotos auf eBay an
Die Fotos zeigen, wie die Widerstandskämpfer in Gruppen zu je 20 Männern auf dem Schießstand im Athener Arbeiterviertel Kaisariani zur Hinrichtung geführt werden. Sie dokumentieren ihre letzten Momente – erstmals sind damit Bilder dieses Massakers aufgetaucht. Gefunden wurden sie in einem Album, das dem deutschen Feldwebel Hermann Hoyer zugeschrieben wird, der 1944 mit seiner Einheit nördlich von Athen stationiert war. Wer die Aufnahmen machte, ist unbekannt. An ihrer Echtheit bestehen keine Zweifel: Hinterbliebene identifizierten diese Woche mehrere der abgebildeten Männer.
Angeboten wurden die Fotos von dem belgischen Sammler Tim de Craene. Nach wachsender Kritik stoppte er die Auktion. Der Zeitung „Kathimerini“ sagte Craene, er verstehe, „dass diese Fotos von sensibler historischer Natur sind“, und wolle einen „konstruktiven Dialog“ mit den griechischen Behörden führen.
Historische Aufnahmen sollen für Griechenland bewahrt werden
Das Kulturministerium erklärte, man bemühe sich, die Aufnahmen für historische und dokumentarische Zwecke zu sichern. Der Vorsitzende der linken Oppositionspartei Syriza, Sokrates Famellos, sprach von einem „historischen Erbe des gesamten griechischen Volkes“. Die Bilder seien „keine Handelsware, sie sind unsere Geschichte“, schrieb er.

Die Hinrichtung vom 1. Mai 1944 zählt zu den schwersten Verbrechen der nationalsozialistischen deutschen Besatzung in Griechenland. Die meisten Ermordeten waren politische Gefangene, viele aus dem Konzentrationslager Haidari in Athen. Die Wehrmacht deklarierte die Erschießung als „Sühnemaßnahme“ für den Tod des deutschen Generalmajors Franz Krech und vier weiterer Offiziere. Partisanen hatten die deutschen Soldaten am 27. April 1944 bei der Ortschaft Molaoi auf der Peloponnes in einen Hinterhalt gelockt und getötet.
Nationalsozialisten richteten Widerstandskämpfer am Tag der Arbeit hin
Dass die Besatzer den 1. Mai – den internationalen Tag der Arbeit – und Kaisariani als Ort wählten, war kein Zufall. Das seit den 1920er Jahren von Flüchtlingen aus Kleinasien geprägte Viertel galt als Hochburg der Linken. Während der deutschen Besatzung wurde Kaisariani zu einem Zentrum der Widerstandsbewegung EAM und ihrer militärischen Organisation ELAS. Viele der Hingerichteten waren Kommunisten, die schon unter dem Regime des griechischen Diktators Ioannis Metaxas zwischen 1936 und 1941 inhaftiert waren.
Beigesetzt wurden die Opfer auf dem 3. Athener Friedhof im Stadtteil Nikea. Dort befinden sich die Gräber zahlreicher Widerstandskämpfer gegen die Metaxas-Diktatur und die deutschen Besatzer. Ein 1980 errichtetes Denkmal erinnert dort an den nationalen Widerstand gegen die deutsche Okkupation.

Skopeftirio-Park im Stadtteil Kaisariani in Athen.
© Orestis Panagiotou/dpa | Orestis Panagiotou
Das Massaker vom Maifeiertag 1944 war kein Einzelfall: Während der Besatzungszeit exekutierten die Deutschen in Kaisariani etwa 600 Widerstandskämpfer. Das jüngste bekannte Opfer war der 14-jährige Andreas Likourinos, erschossen am 5. September 1943.
Griechenland: Deutsche haben Wehrmacht-Verbrechen lange verdrängt
Die Verbrechen von Wehrmacht und SS in Griechenland wurden in Deutschland lange verdrängt. Ortsnamen wie Kaisariani, Kalavryta oder Distomo, Schauplätze von Massakern, blieben vielen unbekannt. Erst seit den 1980er Jahren setzte eine breitere Auseinandersetzung ein.

Im Juli 2022 gedachte Kulturstaatsministerin Claudia Roth in Kaisariani der Opfer und sprach von einem „blinden Fleck“ der Erinnerungskultur. Bereits 1987 hatten Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Gedenkstätte besucht. Von Weizsäcker sagte damals: „Bewegten Herzens stehe ich heute an diesem Ort.“
Aufgearbeitet ist die Vergangenheit dennoch nicht. Griechische Reparationsforderungen für die Verbrechen der Besatzungszeit stehen weiter im Raum. 1960 zahlte die Bundesrepublik 115 Millionen D-Mark als Entschädigung und betrachtete damit weitere Ansprüche als abgegolten. Athen hingegen sieht die Reparationsfrage weiterhin als offen. Ein Gutachten des griechischen Rechnungshofes von 2019 beziffert die Forderungen auf 309,5 Milliarden Euro.





















