Luftqualität in Berlin: Vorbelastete Luft aus dem Osten | ABC-Z

Kommen wir zum Wetter. Nordöstlich der Elbe, in Berlin, Brandenburg, Teilen Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns ist die Luftqualität nach Angaben des Umweltbundesamtes „schlecht“. In der Hauptstadt besonders problematisch ist nach Informationen des UBA die Luft im Prenzlauer Berg mit über 70 Mikrogramm Schadstoffen pro Kubikmeter, aber auch in Neukölln und am Verkehrshotspot Leipziger Straße. Unbedenklich ist die Luft nur an einzelnen Standorten am Stadtrand um Marienfelde im Süden und Frohnau im Norden.
Die Belastung für die Gesundheit ist akut. Für Risikogruppen sind seit einigen Tagen Grenzwerte überschritten. Betroffen sind vor allem Asthma- und COPD-Patient:innen, alte Menschen und Kleinkinder. Die Behörden empfehlen in diesen Fällen, keine intensiven Aktivitäten im Außenraum vorzunehmen, oder einfach gleich zu Hause zu bleiben. Sind die Jahre des Smogs zurück?
Ursache der Gefährdung ist tatsächlich die gegenwärtige Inversionswetterlage, die auch für das Wetterphänomen Smog verantwortlich ist. Sie entsteht dadurch, dass wärmere Luftschichten eine Art Haube über der kalten Bodenluft bilden, wodurch diese nicht abziehen kann und sich am schnee- und eisbedeckten Boden mit Wasserdampf vollsaugt.
Die Folgen sind zum einen sichtbar. Dichter Nebel hüllt die Gebäude der Hauptstadt ein. Zum anderen sammeln sich in der schweren, wassergesättigten Luft mehr Schadstoffe an, die nicht durch die dicke Luftdecke entweichen können. „Schlechte Verdünnung“ nennt das eine Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Luftreinhalteplanung, die an die Senatsverwaltung für Umwelt angegliedert ist.
Ist es auch der Krieg in der Ukraine?
Dazu kommt eine Ostwindlage und damit das, was Meteorolog:innen „vorbelastete Luft aus dem Osten“ nennen. Fast die Hälfte der Belastung komme von jenseits der Landesgrenze, erläutern die Senatsmeteorolog:innen gegenüber der taz. Ob der Angriffskrieg Russlands für einen Teil der Luftbelastung verantwortlich ist, ist nach Einschätzung der Expert:innen schwer zu beurteilen – aktuell fehlen dazu die Daten. Feinstaub kann sich aber durchaus über Tausende Kilometer verteilen.
Unabhängig von Vorerkrankungen hat die lebenslange Exposition gegenüber Schadstoffen gesundheitliche Folgen für alle Menschen in Zentraleuropa
Ute Dauert, Meteorologin beim UBA
Die Zusammensetzung der Schmutzpartikel in der Luft weise laut UBA-Mitarbeitenden auf die Beheizung von Wohngebäuden als Hauptquelle für die schlechte Luft in Ostdeutschland hin. Dazu kommen Industrie und Verkehr, was auch E-Autos nicht ausspare, da der Großteil des Feinstaubs durch Abrieb von den Straßen stammt – ein Effekt, der durch Streukies und -salz noch verstärkt werde, erklärt Ute Dauert vom Umweltbundesamt.
Auf taz-Anfrage gibt es von Senatsseite allerdings Entwarnung: Was man aus den späten 80er und 90er Jahren in Deutschland als Smog kenne, hatte ein Vielfaches an Schadstoffen der heutigen Stadtluft. Von einer Gefährdung für die gesamte Bevölkerung ist ab der Überschreitung von 50 Mikrogramm Schadstoffen pro Kubikmeter auszugehen.
Die Weltgesundheitsbehörde hat eigene Leitlinien für gesundheitsgefährdende Luftwerte, welche unter der amtlich verankerten liegen. „Unabhängig möglicher Vorerkrankungen hat die lebenslange Exposition gegenüber Schadstoffen in der Luft gesundheitliche Folgen für alle Menschen in Zentraleuropa“, räumt Dauert ein.
Was gegen die schlechte Luftqualität getan werden kann? Die Behörden weichen der Frage aus. Die Luft komme ja schon so dreckig an. Ansonsten: mehr ÖPNV, weniger Heizen, Filter in die Kamine.
Für die kommenden Tage sollte sich die Situation aber ohnehin wieder bessern. Innerhalb von wenigen Stunden können die Werte wieder unten sein, sobald frischer Wind nach Berlin kommt.





















