Russland: Frauen ohne Kinderwunsch sollen zum Psychologen – Panorama | ABC-Z

Russland braucht mehr Menschen, aber sogar Wladimir Putin scheint machtlos zu sein. Seit Jahren wirbt der Kremlchef für möglichst kinderreiche Familien. Im November 2023 erklärte er sogar die Verbesserung der „schwierigen“ demografischen Lage zur nationalen Priorität. Und dann dies: 2024 war die Geburtenrate in Russland noch niedriger als 2023, und 2025 wiederum geringer als 2024. Es war der zehnte Rückgang in Folge. Nie zuvor seit dem Ende der Sowjetunion sind in Russland so wenige Kinder geboren worden wie zuletzt: 1,37 pro Frau. Als wären Putins Appelle egal.
Das russische Gesundheitsministerium will jetzt mit einem Vorschlag nachhelfen, der Frauen stark unter Druck setzen würde. Sie sollen bei einer ärztlichen Untersuchung einen Katalog von 61 Fragen beantworten, die letzte von ihnen: „Wie viele Kinder wollen Sie?“ Antwortet die Frau mit „Null“, wird ihr ein Psychologe empfohlen. Ziel ist, „eine positive Einstellung zur Geburt von Kindern zu bekommen“. Niemand würde gezwungen, versichert zwar das Ministerium. Aber es greift doch weit in die persönliche Freiheit ein. „Psychologen haben kein Recht, die Entscheidung der Frauen über eine Mutterschaft zu beeinflussen“, sagte die russische Gynäkologin Ljubow Jerofejewa dem Radiosender Goworit Moskwa. Auch Männer sollen übrigens nach der Zahl gewünschter Kinder befragt werden. Zu einem Psychologen würde ihnen aber nicht geraten.
Viele junge Männer sind ins Ausland geflüchtet
Sogar die regierungsfreundliche Zeitung Moskowskij Komsomolez reagierte verärgert über den Vorschlag aus dem Gesundheitsministerium. Ein Kinderwunsch sei ja etwas Wunderbares, schreibt sie, „nur wäre es gut, wenn sich Kinderwünsche und Möglichkeiten auch decken würden“. Stattdessen würde die Lage schlechter und schlechter. Ein Witz sei etwa das Gerede, Mutterschaftsgeld könne helfen, eine Wohnung zu kaufen. Der russische Mutterschaftsurlaub würde vielmehr für die meisten Familien in Russland zur finanziellen Katastrophe. Außerdem seien viele junge Männer längst nach Belgrad, Tiflis, Eriwan „und in andere schöne Städte“ ausgewandert. Damit deutet die Zeitung auf den Elefanten im Raum, über den nicht offen gesprochen wird: Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Hunderttausende Menschen in Russland hat der Krieg ins Ausland getrieben. Die Zahl getöteter oder verletzter Russen ist immens. Die Wirtschaft ist in einer Krise, die Reallöhne sinken. Viele junge Familien denken da eher an ihre eigene schwierige Lage als an das demografische Interesse des Staates.
Russische Politiker hatten schon viele Ideen, um die Geburtenrate zu erhöhen. Die Exilzeitung Meduza nennt als Beispiele etwa die Begrenzung der Anzahl von Einzimmerwohnungen, in der Werbung nur Großfamilien zu zeigen, Autos zu verlosen, oder das vierte Kind einer Familie von einem Bischof taufen zu lassen. In einigen Regionen Russlands werden Schülerinnen und Studentinnen bei einer Schwangerschaft 100 000 Rubel (etwas mehr als 1000 Euro) gezahlt, um die Geburtenrate zu erhöhen. Abtreibungen sind ohnehin bereits in vielen russischen Privatkliniken verboten worden. Doch auch das hat nichts genützt. Darin sind sich Experten einig: Es glauben einfach zu wenige an eine bessere Zukunft.



















