Rumänischer Film „De capul nostru“ auf der Berlinale: Wenn Kinder sich selbst großziehen | ABC-Z

„Könntest du mich bitte würgen? … Just for fun.“ Die Teenager Flavia und Luca sitzen nah zusammen in einem Zimmer. Es ist Nachmittag und in der Wohnung scheint weiter niemand zu sein. Der Junge versteht den Spaß nicht so ganz, trotzdem erfüllt er – sehr vorsichtig – das Verlangen des Mädchens und presst seine Hände auf ihren Hals. Die Stimmung, die am Anfang zwischen den beiden eher spielerisch war, verändert sich im Handumdrehen.
Luca findet es nicht lustig, er springt auf und will erst mal nichts von Flavia wissen. Es sei nicht ernst gemeint, ruft ihm die 14-Jährige hinterher.
Mit „De capul nostru“, was Rumänisch für „auf eigene Faust“ steht, hat Regisseur Tudor Cristian Jurgiu eine fließende und persönliche Bildsprache gefunden, um auf das Thema der „elternlosen“ Jugendlichen in seinem Land aufmerksam zu machen. Ungefähr 150.000 Kinder leben in Rumänien auf sich selbst gestellt, da ihre Eltern monate-, manchmal auch jahrelang ins Ausland faktisch auswandern, um dort hauptsächlich als Pflegekräfte bei fremden Familien oder auf dem Bau zu arbeiten.
„De capul nostru“, Rumänien/Italien, 2026, Regie: Tudor Cristian Jurgiu
20. Februar, 21 Uhr, Delphi, Berlin
22. Februar, 17.30 Uhr, Silent Green, Berlin
Dies ist auch der Fall bei Flavia und Luca (natürlich und überzeugend gespielt von Denisa Vraja und Vlad Furtună), deren Eltern in Italien leben, um dort Geld zu verdienen. Ihre Rückkehr nach Hause ist unklar und wird immer wieder verschoben. Flavia reagiert auf die Situation sarkastisch und frech. Ein Höhepunkt ist ein dringendes „Familienmeeting“ mit ihren Eltern – per Videocall. Die Bildschirme stehen zwischen den Gefühlen, jederzeit könnte man den anderen wegklicken und davongehen.
Unvorhersehbarkeit der Ereignisse
Die Jugendlichen leben in einer Art Parallelwelt, in der sie versuchen, ihre Version der Familie auszuleben und von der älteren Generation in Ruhe gelassen zu werden, was ihnen meistens gelingt. Die Filmszenen folgen unvermittelt aufeinander, scheinbar ohne Plan, abrupt wie mitunter auch im Leben. Das erleichtert es dem Zuschauer nicht sofort, aber wenn man sich darauf einlässt, wird die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse fesselnd.
Luca hört, anders als Flavia, von seinen Eltern kaum etwas. Wenn seine kleine Schwester Tina (souverän und lebhaft: Mara Diaconu Ducica) in der Schule zu wild wird und andere Kinder verprügelt, übernimmt der Bruder bei der Elternversammlung die väterliche Rolle.
Es ist nicht klar, ob er sich der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst ist, oder ob er die Erwachsenen auf den Arm nimmt, wenn er mit gefühlloser Miene behauptet, mit der rebellierenden Schwester schon alles versucht zu haben, auch Gewalt – selbstverständlich. Die Erwachsenen reagieren darauf mit Sprachlosigkeit, interessieren sich dafür aber nicht weiter, was Lucas’ Ziel zu sein scheint.
Die Teenagergruppe bewegt sich nach ihrem Tempo und baut sich ihre eigene Welt. Das tut der Film auch. Man spürt gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit und Gefahr. Zwei jüngere Kinder – die Geschwister Lia und Dudu – tauchen plötzlich bei Luca und der kleinen Tina auf. Sie sind von zu Hause weggelaufen und wissen noch nicht genau, wohin. Für eine kurze Zeit gelingt es, eine „Kinderfamilie“ ins Leben zu rufen, in der Luca und Flavia ganz schnell erwachsen werden müssen.
Doch lange hält das Experiment nicht, genauso wie der Inhalt eines Pakets der Eltern mit Geschenken und Leckereien aus Italien, das die Kinder in einem beiläufigen Feuerritual vernichten.





















