Sport

Rodel-Legende Hackl: “Sind die Bananenrepublik, die nichts mehr auf die Reihe kriegt” | ABC-Z

AZ: Herr Hackl, erst mal die wichtigen Dinge: Wie geht‘s der Schulter?
GEORG HACKL: Ich hab‘ einfach immer noch starke Schmerzen, weil der Nerv brutal gedehnt und gewaltig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ich habe Gefühlsstörungen, taube Fingerspitzen, Hand und Unterarm sind pelzig. Aber es wird jeden Tag ein bissl besser. Das gibt mir Hoffnung.

Eine Operation ist nicht nötig?
In meinem Alter nicht mehr, hat die Ärztin gesagt. Wenn ich ein junger Sportler mit Ambitionen wäre und noch Klimmzüge und Handstandüberschlag machen wollte, dann würde eine OP Sinn machen. Aber so…

“Das war bitter”: Georg Hackl über seinen Sturz bei Olympia

Wie ist dieser Sturz in Cortina d‘Ampezzo überhaupt passiert?
Um an die Stellen der Bahn zu gelangen, wo es kritisch ist, die Fahrtechnik zu beobachten, wo die Trainer hin müssen, um etwas zu sehen und den Athleten Hinweise geben zu können, da bin ich reingeklettert. Neben der Bahn ist so ein eigentlich sehr guter Gitterrost-Weg, nur wird es hinter der Kurve sehr schmal und geht rund 1,80m tief runter. Da musste ich reinklettern, bin hängengeblieben, mit Schwung nach unten getreten, dachte, dass da schon der breite Weg ist, aber der war erst einen halben Meter daneben – da ging der zweite Schritt ins Leere.

Hat Sie da überhaupt jemand gefunden, oder konnten Sie sich selber noch bewegen?
Ein paar Trainerkollegen waren in der Nähe und haben es scheppern gehört. Die haben mich dann irgendwie hoch gezogen.

So haben Sie sich Ihre letzten Olympischen Spiele sicher nicht vorgestellt!
Naa, wirklich nicht. Das war bitter.

“Das ist Führungsstärke, die ich in Deutschland so sehr vermisse”

Abgesehen vom Unfall: Wie war es in Cortina?
Natürlich toll. Olympische Spiele endlich mal wieder in einem klassischen Wintersportort! Cortina ist schon traumhaft, ich mache da gern Urlaub, es ist einfach nur schön. Und ich möchte in aller Form ein großes Kompliment an die italienische Regierung aussprechen, dass die in der Lage waren, innerhalb eines Jahres da eine Bahn hin zu bauen. Sensationell, große Klasse! Sogar der Matteo Salvini, der ja in Italien der Zweithöchste ist, war da, getarnt in der Kleidung eines Volunteers. Aber ich hab‘ sein Gesicht gleich erkannt, und er hat gesehen, dass ich ihn erkannt habe, und ich hab‘ ihm ein Daumen-hoch gegeben…

…weil er gesagt hatte: ‚Basta, wir bauen jetzt diese Bahn!‘
Das ist Führungsstärke! Und gestatten Sie mir, dass es jetzt kurz politisch wird: Das ist Führungsstärke, die ich in Deutschland so sehr vermisse, in dieser Regierung schon wieder, wie in der letzten und vorletzten. Früher haben wir Deutschen die Italiener belächelt – heute sind wir die Bananenrepublik, die nichts mehr auf die Reihe kriegt. Keinen Stuttgarter Bahnhof, einen viel zu spät fertig gewordenen Berliner Flughafen, die Brücke in Dresden ist immer noch nicht repariert, wie auch nicht die Königseer Rodelbahn. Da muss man nicht die ganze Bahn neu bauen, da geht es um ein, zwei Kurven, die durch die Überschwemmung in Mitleidenschaft gezogen wurden – und nach fünf Jahren rodeln wir immer noch nicht!

Georg Hackl über seinen Rücktritt: “Es war keine große Abschiedsfeier”

Was sagen denn da die Trainerkollegen aus dem Ausland? Die schütteln doch nur noch den Kopf, oder?
Die lachen uns mittlerweile aus. In Innsbruck ist der Umbau schief gelaufen, aber man ist sofort in die Spur gegangen und schaut, dass man das korrigiert, und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass da im nächsten Jahr wieder gerodelt wird. Aber wann am Königssee wieder gerodelt wird, steht noch völlig in den Sternen – weil Deutschland nichts mehr kann. Wollen wir, dass das so weiter geht? So, das war mein politisches Statement.

Daheim am Königssee: Die schöne Natur besänftigt Hackl nur bedingt – die Rodelbahn ist immer noch nicht instand gesetzt.
© Revierfoto via www.imago-images.de
Daheim am Königssee: Die schöne Natur besänftigt Hackl nur bedingt – die Rodelbahn ist immer noch nicht instand gesetzt.

von Revierfoto via www.imago-images.de

“}”>

Und nun zum Sport! Am Wochenende haben Sie in Altenberg wie zuvor angekündigt nach 45 Jahren Ihre Karriere beendet – bissl melancholisch geworden?
Mei, ich hab‘ das ja so geplant und entschieden und gehe da mit großer Zufriedenheit und Dankbarkeit raus, auch gegenüber all meinen Sponsoren und der Bundeswehr, die jahrzehntelang mein Arbeitgeber war. Da ich wegen meiner Schulter krank geschrieben war, konnte ich den letzten Weltcup in Altenberg im Ziel mitverfolgen, wo sich natürlich wesentlich mehr rührt und wo die Emotionen sind – nicht wie die letzten Jahre am Start oben, wo immer die gleichen zehn Gesichter die Schlitten fertig machen, die Sportler nervös sind vor dem Start und nur am Fernseher mitverfolgt wird, ob einer gut oder schlecht fährt. Jetzt war ich da, wo die Musik spielt und hab‘ die ganze Show mitbekommen. Es war keine große Abschiedsfeier, aber vom Gefühl her einfach sehr, sehr gut.

Ein leichtes hinüber Gleiten in die künftige Zuschauerrolle, denn es wird wohl nicht das letzte Rennen gewesen sein, das Sie an der Bahn verfolgen, oder?
Ich hätte auch schon wieder Angebote aus anderen Nationen… Aber es ist jetzt so geplant, dass ich mich zur Ruhe setze, aber wenn irgendwann am Königsee wieder gerodelt wird, werde ich ein Auge darauf haben, dass der Nachwuchs mit vernünftigen Schlitten versorgt ist.

Hackl glaubt nicht an baldige Rücktritte von Wendl/Artl und Loch

Wie geht‘s nun weiter mit Ihnen?
Ich bin jetzt Pensionist, werde das ohne große Pläne richtig frei angehen – und dann füllt sich die Zeit von selbst. Ich lass‘ das auf mich zukommen. Nur den Ski-Amadé-Superskipass will ich im Winter endlich mal ausnutzen, von Schladming bis rüber ins Alpbachtal.

Gibt es eigentlich die Wok-WM noch? Als zigfachen Titelträger nennt man Sie ja auch den Wokl-Schorsch…
Weiß gar nicht, ob es die noch gibt. Wenn, dann geht es sehr leise ab, denn als Stefan Raab das gemacht hat, hat das ja jeder mitgekriegt. War auch eine schöne Zeit.

Apropos schöne Zeit: Mit Felix Loch sowie Tobias Arlt und Tobias Wendl bildeten Sie früher die Trainingsgruppe Sonnenschein. Die Kollegen sind auch im fortgeschrittenen Profi-Alter immer noch aktiv – wissen Sie, wie lange noch?
Ich habe nicht gehört, dass einer von denen aufhört. Ich hab‘ ja damals mit neununddreißigeinhalb aufgehört, und als die Jungs jung waren, hieß es: ‚So lang wie der Hackl machen wir das nicht!‘ Und jetzt hören die alle noch nicht auf, weil die genau wissen, wie toll das ist.

Back to top button