RKI-Umfrage zu Impfungen: Viele Deutsche überschätzen Nebenwirkungen – Gesundheit |ABC-Z

Die Menschen in Deutschland sind Impfungen gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt. Sie wissen, dass sie damit gefährlichen Infektionskrankheiten vorbeugen können, und ihr Verantwortungsbewusstsein ihren Mitmenschen gegenüber ist bei diesem Thema hoch: Andere zu schützen, ist für die große Mehrheit eine Motivation, sich impfen zu lassen. Das sind die positiven Ergebnisse einer nun veröffentlichten Online-Umfrage des Robert-Koch-Instituts (RKI).
Doch es gibt auch weniger erfreuliche Ergebnisse: So überschätzen viele Menschen das Auftreten möglicher Impfnebenwirkungen oder lassen sich durch Impfmythen verunsichern. Zum Teil seien diese Ergebnisse bedenklich, folgern die Autorinnen und Autoren des „Impress“-Projekts, für das das RKI im vergangenen Oktober online 5450 Erwachsene in Deutschland nach ihren Einstellungen und ihrem Informationsstand zum Impfen befragt hat. Die Fehleinschätzungen, die manche Befragten zum Besten gaben, könnten das Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen beeinträchtigen – und letztlich natürlich auch die Inanspruchnahme von Impfungen und damit die Gesundheit.
So ist fast die Hälfte der Personen, die an der Umfrage teilnahmen, „unsicher“, ob Impfungen nicht vielleicht doch Allergien fördern oder gar Autismus auslösen. Dass der impfskeptische US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. dies entgegen der Faktenlage immer wieder äußert, dürfte die Situation künftig nicht verbessern. „Dies macht eine intensive Gegensteuerung so wichtig“, sagte Constanze Rossmann, die Leiterin des Instituts für Kommunikationswissenschaft der Universität München, dem Science Media Center (SMC). Den Menschen müssten die tatsächlichen Fakten immer wieder übermittelt werden.
Jeder Sechste hat Zweifel, ob nur wirksame und sichere Impfstoffe zugelassen werden
Eine gewisse Skepsis herrscht offenbar auch bei der Frage, ob Kinder nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) zu häufig und zu früh geimpft werden: Vier von zehn Befragten sind hier unsicher. Jeder sechste stimmt zudem der Aussage eher nicht zu, dass die Behörden nur wirksame und sichere Impfstoffe zulassen. Jeder elfte glaubt, dass Impfstoffe giftige Chemikalien enthalten. Und immerhin zwei von zehn Personen stimmen der Auffassung zumindest teilweise zu, dass Impfungen schlimmer wären als die Krankheiten, vor denen sie schützen.
Auffällig ist, dass vor allem jene Menschen an Impfmythen glauben, die sich selbst eher geringe Gesundheitskompetenz bescheinigen. Hier müsste stärker angesetzt werden, sagt Constanze Rossmann, die auch Mitglied der Stiko ist, aber selbst nicht an der Impress-Studie beteiligt war: „Es wäre wünschenswert, wenn öffentliche Impfinformationen noch stärker zielgruppenspezifisch aufbereitet wären.“ Zum Beispiel mit aufsuchender Sozialarbeit, wie Felix Rebitschek vorschlägt, der Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. So könne man Menschen auch außerhalb von Arztpraxen erreichen, sagte Rebitschek dem SMC. Er bemängelt allerdings, dass die in der Impress-Studie erhobenen Daten zur Gesundheitskompetenz nur begrenzte Aussagekraft haben, weil diese nicht objektiv ermittelt wurde. Vielmehr wurden die Befragten nur gebeten, ihre eigene Gesundheitskompetenz einzuschätzen.
Ohnehin bringen Online-Umfragen immer Unsicherheiten mit sich, da grundsätzlich eher interessierte Menschen teilnehmen. Auch sind Personen ohne Internetzugang ausgeschlossen, was die Ergebnisse verzerren kann. Hinzu kommt in diesem Fall eine Sprachbarriere, wie Felix Rebitschek zu bedenken gibt: Die Umfrage fand auf Deutsch statt.
:Die Impfskepsis geht um. Wie groß sind die Folgen?
Weltweit brechen seit der Corona-Pandemie die Impfquoten ein. Die Weltgesundheitsorganisation zeigt sich „extrem besorgt“. Wie sieht es in Deutschland aus?
Besonders interessiert an der Teilnahme könnten Menschen mit einer sehr positiven Einstellung zum Impfen sein – oder auch solche mit besonders großen Vorbehalten, die ihre ablehnende Meinung gerne kundtun möchten. Doch Constanze Rossmann geht angesichts der Antworten eher davon aus, dass die Menschen, die zum Impfen bereit sind, auch eher zum Mitmachen bei der Impress-Umfrage bereit waren. Darauf deuten die Antworten zum Thema Grippe-Impfung hin: So gaben rund 65 Prozent der Befragten an, dass sie sich in der Influenzasaison 2024/25 impfen ließen, während die Impfquote laut der RKI-Statistik damals zumindest bei den ab 60-Jährigen lediglich bei 34,5 Prozent lag. Das deute darauf hin, dass die Impfakzeptanz in der Umfrage eher überschätzt wird, so Rossmann.
Dennoch halten Experten die neue Umfrage, die von nun an jedes Jahr stattfinden soll, für wertvoll. Es gebe zwar bereits das Impfquotenmonitoring des RKI, das anhand von Abrechnungsdaten mit den Krankenkassen die Inanspruchnahme der von der Stiko empfohlenen Routineimpfungen auswertet. Allerdings liefen diese Daten in der Regel erst spät zusammen, so Rossmann, sodass plötzliche Effekte, wie sie womöglich durch die Impfdiskussionen in der Covid-Pandemie entstanden sein können, erst spät erkennbar werden.
Außerdem werden Gründe fürs Impfen oder Nichtimpfen in dem Monitoring nicht erfasst. „Gerade dieses Wissen um Faktoren, die eine Entscheidung für eine Impfung begünstigen, oder Barrieren wie der Glaube an Impfmythen ist jedoch entscheidend“, so Rossmann. Nur so ließen sich Maßnahmen für eine größere Akzeptanz von Impfungen etwa mit gezielten Kommunikationskampagnen ergreifen.
Eines hat den Risikoforscher Felix Rebitschek allerdings irritiert: Der Umfrage zufolge wägen Menschen, die sich impfen lassen, Nutzen und Risiken etwas weniger ab als Menschen, die sich dagegen entscheiden. „Dies ist ein Hinweis auf eine extrem problematische Situation“, so Rebitschek. „Eigentlich sollte es umgekehrt sein.“ Auch wenn der Unterschied mit 3,6 gegenüber 3,8 auf einer Skala von null bis fünf nur klein ist: Menschen sollten sich aufgrund einer informierten Entscheidung für die Impfung entscheiden. „Eine aufgeklärte Bevölkerung impft, weil sie Nutzen und Risiken verstanden hat.“ Schon aus ethischer Sicht wäre es wichtig, dass dies für beide Gruppen besser erfolgt.




















