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Restaurantkritik Weinhaus Anker in Marktheidenfeld | ABC-Z

Die Szene der besseren Restaurants ist heute längst nicht mehr so eindeutig und hierarchisch gegliedert, wie das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Ein großer Teil der Gourmetrestaurants orientiert sich fast ausschließlich an anderen Gourmetrestaurants und nicht selten an Onlinebildern von Küchen rund um den Globus. Mit solchen Gerichten – und das ist ein ganz klarer Schnitt – wollen viele an gutem Essen interessierte Gäste überhaupt nichts zu tun haben, und das nicht nur wegen kostspieliger Zwangsmenüs, sondern auch stilistisch. Sie wollen essen, was sie kennen und schätzen, und das dann gerne in sehr guter Qualität.

Dieser weit verbreitete Wunsch hat ei­ne Art von Restaurantszene produziert, die von weit mehr Gästen besucht wird als fast alle Gourmetrestaurants. Die Namen dieser Restaurants sind aber oft nur re­gional bekannt. In den großen Restaurantführern kommen sie bisweilen vor, werden aber oft nicht sehr hoch bewertet, was – und da schließt sich der Kreis – das zahlreiche Publikum meist nicht wesentlich stört.

Auch an diesem Abend ist das „Weinhaus Anker“ in Marktheidenfeld am Main sehr gut besucht, und wenn Plätze frei werden, werden sie schnell wieder besetzt. Die Küche lässt bei diversen Gerichten den Einfluss der klassisch-französischen Gastronomie erkennen. So etwa bei der „Gebratenen Entenstopfleber mit Calvados-Apfel und Kalbsjus“ (1 Stück 26, 2 Stücke 36 Euro), bei der die Leberscheibe eine gute Dicke hat und insofern eine schöne Kruste möglich wird. Der Akkord mit dem Apfel funktioniert und ist nicht besonders süß, was im Zusammenhang von Vorteil ist. Leider ist die Sauce viel zu stark reduziert und daher bitter. Wenn überhaupt, kann man sie nur sehr dezent einsetzen.

Dann wird es etwas wild

Eine weitere Vorspeise aus dem fran­zösisch orientierten Bereich ist die „Bouillabaisse ‚Weinhaus Anker‘ mit Croutons, Rouille und Comté“ (18 Euro). Die Suppe ist eher eine cremige Bisque als eine klas­sische Bouillabaisse, hat aber vielfältige Einlagen von Fischen, Garnelen und Jakobsmuschel und schmeckt mit dem milden Knoblauchanteil bei der Sauce Rouille und einem mildwürzigen Comté recht gut.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Dann wird es etwas – sagen wir – wild. Serviert wird die „Lammschulter ‚Estival‘ mit Schmortomate, schwarzen Oliven, Pesto und provencalischer Pasta“ (29 Euro), die alles andere als „sommerlich“ (so die Übersetzung von „estival“) ist – zumindest wenn man an die entsprechenden Vorbilder in der Provence denkt. Hier am Main wirkt das alles sehr „dunkel“, nicht wirklich gemüsig-frisch und präsent, sondern insgesamt sehr stark bearbeitet beziehungsweise geschmort und mit einem hohen Fleisch- und Saucenanteil.

In solchen Zusammenhängen gehen dann Zubereitungen wie das knapp vorhandene Pesto und die Tomaten weitgehend unter. Man ist hier aber großzügig und serviert nicht nur eine große Portion Lammfleisch, sondern auf einem zusätz­lichen Teller auch noch leicht gratinierte „Provencalische Pasta“ (die an Rigatoni erinnern) mit einer Gemüsesauce. Das schmeckt leichter, produktnäher und besser. Trotzdem denkt sich der Gast, dass hier ein wenig Abrüstung bei der Inten­sität für alle beteiligten Produkte besser wäre.

In dieser Art von Gastronomie wäre es gut, wenn man die Einflüsse der Gourmetküche zum Beispiel bei den Garungen, den Produktqualitäten und den Zusammenstellungen spürte, ohne dass deren de­korative Tendenzen bei Optik und Aromatik übernommen werden. Eine solche präzisere und feiner strukturierte Küche würden die Gäste ganz sicher nachvollziehen können und besonders gut finden.

Rehkeule rosa gebraten – Rahmsauce, Pfifferlinge, Spätzle
Rehkeule rosa gebraten – Rahmsauce, Pfifferlinge, SpätzleJürgen Dollase

Man kann das bei der „Rehkeule rosa gebraten mit Rahmsauce, Pfifferlingen und Spätzle“ (36 Euro) erkennen. Hier ist das Fleisch von guter Qualität und gut gegart, die Sauce allerdings wieder unspezifisch und nicht sehr produktnah. Dafür aber bleibt das Bild insgesamt etwas milder.

Es wäre schön, wenn es im traditionsreichen „Weinhaus Anker“ einen kleinen purifizierenden Ruck und das Vertrauen in Gerichte gäbe, die nicht zu viel gleichzeitig wollen und etwas produktnäher angelegt sind.

„Hotel und Weinhaus Anker“, Kolpingstraße 7, 97828 Marktheidenfeld; Tel. 09391/60 04 801, www.hotel-anker.de; geöffnet Di-So 12-14, tägl. ab 18 Uhr; Vorspeisen 8-19, Hauptgerichte 18-36 Euro, Menüs 49 bis 126 Euro.

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