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Rassismus in der Bildung: Wenn Schulen Diskriminierung begünstigen | ABC-Z

Fast die Hälfte der Schü­le­r:in­nen in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Trotz dieser Normalität werden Kinder aus Einwanderungsfamilien oder junge Geflüchtete im Schulalltag systematisch diskriminiert. Zu diesem Befund kommt eine Studie, die der Mediendienst Integration am Mittwoch veröffentlicht hat.

Demnach erleben Schüler:innen, die nicht der Mehrheit zugehörig gesehen werden, auf verschiedenen Ebenen Diskriminierung. Zum einen im Schulalltag, durch Gleichaltrige und teils auch Lehrkräfte. Zwar gäben Schü­le­r:in­nen in Befragungen an, dass dies „eher selten“ passiert, so Aileen Edele, Leiterin des Berliner Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung (BIM) und eine der beiden Autorinnen der Studie. Die Professorin an der Humboldt-Universität Berlin betont aber, dass manche Gruppen deutlich stärker betroffen seien als andere – beispielsweise Kinder, deren Familien aus der Türkei oder einem arabischen Land eingewandert sind.

Zum anderen sei es das Bildungssystem selbst, das bestimmte Schü­le­r:in­nen diskriminiere – allein wegen der fehlenden Anerkennung anderer Herkunftssprachen. „Wer in der ersten Klasse nach Deutschland kommt oder zu Hause noch kein Deutsch gelernt habe, ist klar benachteiligt“, so Edele. Zumal die frühe Aufteilung der Bildungskarrieren nach der vierten beziehungsweise sechsten Klasse in Berlin und Brandenburg den Betroffenen wenig Zeit lasse, um bis zum Ende der Grundschulzeit die ungleichen Startchancen auszugleichen.

Tatsächlich zeigen Studien schon lange einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Bildungserfolg – allerdings einen indirekten. Weil Familien mit Einwanderungsgeschichte ein deutlich höheres Armutsrisiko und im Schnitt weniger kulturelle Ressourcen wie Zeit zum Vorlesen oder Hilfe bei den Hausaufgaben haben, schneiden migrantische Kinder schlechter in der Schule ab, machen seltener Abitur und gehen (noch seltener) an die Uni.

Vorurteile in den Köpfen

„Das deutsche Schulsystem ist besonders ungleich“, kritisiert auch Edele. Dazu komme, dass die Ungleichheiten teils bewusst, teils unbewusst von Lehrkräften verstärkt würden. Studien belegen, dass sie Schü­le­r:in­nen mit Einwanderungsgeschichte weniger zutrauen – was sich wiederum negativ auf ihre Lernentwicklung und auch ihre Noten auswirken kann. Vor allem, wenn mehrere benachteiligende Aspekte wie Herkunft, Geschlecht und Armut zusammenkommen, so Edele: „Übergewichtige Jungen türkischer Herkunft aus einer sozial benachteiligten Familie werden im Fach Deutsch deutlich schlechter bewertet als normalgewichtige Mädchen deutscher Herkunft aus der Mittelschicht.“

Dass Lehrkräfte Kinder aus Einwanderungsfamilien systematisch diskriminieren, gibt die aktuelle Forschung aber laut Edele und ihrer Co-Autorin Sophie Harm (ebenfalls BIM) nicht her. Zwar belegen mehrere Studien, dass Lehrkräfte selbst bei gleichen Leistungen migrantische Kinder schlechter bewerten und seltener eine Gymnasialempfehlung aussprechen. Eine aktuelle Leibniz-Studie hingegen zeigt, dass Leh­re­r:in­nen Schü­le­r:in­nen mit Migrationsgeschichte sogar eher bessere Noten geben, um die sozialen Nachteile auszugleichen. Inwieweit Lehrkräfte also systematisch Teil des Problems sind, sei „derzeit noch nicht eindeutig geklärt“, heißt es dazu in dem Bericht.

Unklar ist auch das tatsächliche Ausmaß von Rassismus und Diskrimierung an Schulen. Wie verbreitet diese Erfahrungen für bestimmte Gruppen sind, haben in den letzten Jahren bereits der Afrozensus für Schwarze Menschen oder die RomnoKher-Studie für Rom­n*ja und Sin­ti*z­ze gezeigt. Eine bundesweite Statistik zu rassistischer Diskriminierung an Schulen gibt es bislang jedoch nicht. Die Ministerien erheben dazu keine Zahlen. Und die Daten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die für das Jahr 2024 bundesweit 550 Beschwerden im Bildungsbereich zählte, geben nur bedingt Aufschluss. Die Behörde geht selbst von einer hohen Dunkelziffer aus.

Workshops an Schulen

Woran das liegt, kann Modou Diedhiou beschreiben. Der Trainer für rassismuskritische Bildung gibt seit Jahren Workshops an Schulen. Sein Verein Schwarze Schafe ist mittlerweile in fast allen Bundesländern aktiv – auch bei der Sensibilisierung von Schulleitungen und deren Kollegien. „Ein Kernproblem ist die Allmachtsfunktion von Lehrkräften“, sagt Diedhiou der taz. Ob sie einen Vorfall thematisieren und entsprechend als rassistisch oder diskriminierend werten, entscheiden sie meist allein.

Er höre oft von Lehrkräften, dass sie sich in solchen Momenten überfordert fühlen. Auch, weil die wenigsten in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet werden. Das Ergebnis: Rassistische Vorfälle würden oft nicht als solche benannt und so de facto unter den Teppich gekehrt. In diesen Fällen sei es sehr wertvoll für Kinder und Jugendliche, wenn Erwachsene sie ernst nähmen. Deswegen seien antirassistische Workshops mit Trainern von außen oder auch schuleigene AGs mit engagierten Lehrkräften so wichtig.

„Natürlich müsste man viel mehr machen“, so Diedhiou. Etwa Schutzkonzepte und Leitfäden erstellen und klare Beschwerdemechanismen für Schü­le­r:in­nen aufbauen. Dafür fehlt nach seiner Einschätzung an Schulen aber oft die Zeit – oder das Geld, um sich in dem Prozess von Ex­per­t:in­nen begleiten zu lassen.

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