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Pullach: Konkurrenz für Bürgermeisterin aus dem eigenen Rathaus – Landkreis München | ABC-Z

Der Geschäftsleiter einer Gemeinde bildet das Scharnier zwischen der Bürgermeisterin und den Abteilungsleitern im Rathaus. Er sorgt dafür, dass die Verwaltung effizient arbeitet und dass politische Entscheidungen umgesetzt werden. In dieser wichtigen Funktion arbeitet Heinrich Klein seit Oktober 2019 in der Gemeinde Pullach eng mit Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund von den Grünen zusammen. Man kann wohl sagen: Er hat von allen Beamten und Mitarbeitern im Rathaus den direktesten und wichtigsten Draht zur Bürgermeisterin. Nun aber will er selbst auf den Posten des Rathauschefs.

Die Wählervereinigung „Wir in Pullach“ (WIP) hat den 50-Jährigen unlängst als Kandidaten für die Kommunalwahl im März nominiert. Klein betont, dass er „für Pullach“, aber nicht gegen Mitbewerberinnen und Mitbewerber ins Rennen gehen wolle – also auch nicht gegen seine aktuelle Chefin. Die Bürgermeisterin, die selbst wieder kandidiert, respektiert nach eigenen Worten wiederum die Entscheidung ihres langjährigen Mitarbeiters. Bei einigen Beobachtern und Aktiven der Pullacher Kommunalpolitik löst die Kandidatur allerdings Verwunderung aus. Es könnte ein ungewöhnlicher Wahlkampf werden.

Seit 2019  Geschäftsleiter der Gemeinde Pullach: Heinrich Klein. (Foto: Privat)

Der Diplom-Verwaltungswirt, der auch Magister der Kulturwissenschaften und des Kulturmanagements ist, hat schon seit 2004 Erfahrung in der Verwaltung. Er hatte mehrere Leitungsfunktionen inne – so etwa am Gärtnerplatztheater, wo er den Umbau des Theaters mit vorbereitete, und im Landratsamt München, wo er unter der damaligen Landrätin Johanna Rumschöttel (SPD) Verantwortung für die Bereiche Kultur, Sport und Veranstaltungen trug, wie WIP mitteilt.

Seit 2019 ist Klein nun Geschäftsleiter der Gemeinde Pullach. Er wohnt zwar mit seinem Ehemann und dem Hund in Obersendling, der Parteilose fühlt sich aber Pullach sehr verbunden, wie er sagt – nicht zuletzt, weil er im dortigen Rathaus getraut wurde und Mitglied in verschiedenen Vereinen ist. Er habe als Geschäftsleiter in Pullach auch die Corona-Zeit dort miterlebt. „Da wächst einem so eine Gemeinde sehr ans Herz“, sagt er.

Der Herausforderer zieht einen Vergleich zu seiner Zeit als Turniertänzer

Dass er nach sechs Jahren enger Zusammenarbeit nun gegen seine Chefin antritt, erklärt der Verwaltungsfachmann so: „Ich sehe es nicht als ein Gegen, sondern ein Miteinander für die Gemeinde.“ Er sei früher Turniertänzer gewesen, da sei er auch nicht gegen jemanden angetreten, sondern es sei ihm immer darum gegangen, die beste Leistung zu bringen. Sein Leitsatz laute: „Meine Partei heißt Pullach.“

Ein ausschlaggebendes Ereignis gab es für seine Kandidatur offenbar nicht. „Für mich ist es vom Alter, vom Können, von dem, was ich Pullach geben kann, der richtige Zeitpunkt“, sagt Klein. Ein Teil seiner Vision für Pullach: „Ich möchte, dass wir Projekte künftig noch stärker auf Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und langfristigen Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger ausrichten – und dabei die Menschen vor Ort von Anfang an mitnehmen.“ Zu seinen konkreten Vorhaben zählt die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude in der Habenschadenstraße und des Pullacher Bahnhofs. Auch einen neuen Anlauf für die Tieferlegung der S-Bahn will er im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister starten.

Und dennoch sorgt der Umstand, dass in Heinrich Klein zum zweiten Mal jemand aus der Rathausbelegschaft gegen Pullachs grüne Bürgermeisterin kandidiert, für Gesprächsstoff am Ort. Vor sechs Jahren kandidierte Christine Eisenmann zum ersten Mal für die CSU, sie war damals in der Bauverwaltung tätig. Zur Wahl 2026 tritt sie erneut als Bürgermeisterkandidatin an. Nach der Wahl vor sechs Jahren hatte sie recht bald das Rathaus verlassen und sich beruflich neu orientiert, als Gemeinderätin macht sie seither aber Politik am Ort. Zur Kandidatur ihres ehemaligen Kollegen wollte sich Eisenmann, die 2020 gegen Tausendfreund unterlegen war, nicht äußern.

„Ich war sprachlos“, sagt Pullachs Zweiter Bürgermeister Andreas Most über seine Reaktion, als er von der neuerlichen Kandidatur eines Rathausmitarbeiters erfuhr, noch dazu vom Geschäftsleiter. Er habe Klein als jemanden erlebt, der loyal und sehr fleißig sei. Der WIP sei mit seiner Nominierung jedenfalls ein Coup gelungen, sagt Most. „Ich glaube, dass Frau Tausendfreund irritiert ist.“

„Ich respektiere die Entscheidung von Herrn Klein“, sagt Pullachs Grünen-Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund zur Kandidatur ihres engen Mitarbeiters.
„Ich respektiere die Entscheidung von Herrn Klein“, sagt Pullachs Grünen-Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund zur Kandidatur ihres engen Mitarbeiters. (Foto: Claus Schunk)

Dass die Kandidatur des Geschäftsleiters Ausdruck von Unzufriedenheit im Rathaus sein könnte, glaubt der Vize-Bürgermeister, der ehemals der CSU angehörte, nicht. „Davon habe ich nichts gehört, ich kenne das Rathaus intern sehr gut, ich habe Frau Tausendfreund oft vertreten“, sagt er. Auch FDP-Gemeinderat und Bürgermeisterkandidat Michael Reich hat die Kandidatur „relativ überrascht“, schließlich sei der Geschäftsleiter in seiner Rolle ausführendes Organ der Bürgermeisterin und werde von der WIP nun als Alternative zu ihr präsentiert.

Reich kann die Entscheidung der WIP ebenso wenig wie seinerzeit die der CSU für einen internen Kandidaten nachvollziehen. „So sehr ich Frau Eisenmann schätze, weiß ich aber auch nicht, woher die schon fast systematische Begeisterung dafür kommt, den politischen Impuls immer wieder in die Hände von Verwaltungsmitarbeitern legen zu wollen.“  An Spekulationen über die Gründe möchte sich Reich ebenso wenig wie Most beteiligen. Was er aber in Gesprächen mit Bürgern schon verspüre, sagt der Liberale, sei ein Wechselwille.

Bürgermeisterin Tausendfreund geht zumindest nach außen hin professionell mit dem Vorhaben ihres engen Mitarbeiters um. Auf die Frage, was sie von der Kandidatur hält, antwortet die Grünen-Politikerin: „Ich respektiere die Entscheidung von Herrn Klein zu kandidieren, die für Außenstehende sicher überraschend kommt.“ Und weiter: Politische Entscheidungen müssten „natürlich klar von dienstlichen Abläufen getrennt bleiben, sodass die Verwaltung weiterhin professionell und neutral arbeiten kann“.

Für sie stehe daher nach wie vor im Mittelpunkt, „die Gemeinde verantwortungsbewusst zu führen, weiterhin gut zusammenzuarbeiten und unsere begonnenen und zukünftigen Projekte erfolgreich voranzutreiben“. In ihrer eigenen Bewerbungsrede bei der Aufstellungsversammlung der Grünen nannte sie zuletzt diverse Aufgaben, die für sie eine „hohe Priorität“ hätten: eine hochwertige Kinderbetreuung von Anfang an, Lebensqualität für Seniorinnen und Senioren, der weitere Ausbau der Geothermie und der Bau des Windparks etwa.

Bei aller nach außen zur Schau getragenen Routine dürfte der Wahlkampf in Pullach dennoch interessant werden. Zumal in Christine Eisenmann, Heinrich Klein, Michael Reich und der parteilosen Ulrike Barth, die für die SPD kandidiert, gleich vier Kandidaten und Kandidatinnen gegen die seit zwei Wahlperioden amtierende einzige Grünen-Bürgermeisterin im Landkreis München antreten.

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