Berlin

Psycho-Kliniken in Berlin chronisch überlastet | ABC-Z

Berlin – Psychische Erkrankungen nehmen zu. Doch Kliniken sind überlastet, Wartezeiten bei niedergelassenen Therapeuten lang. Wie krank das System ist, schilderten Experten am Montag im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses.

Probleme der Psyche sind einer der Hauptgründe für Langzeiterkrankungen. Die Fehltage stiegen laut einer neuen Auswertung der AOK Nordost in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent!

„Wir haben ein gut funktionierendes System der psychiatrischen Pflichtversorgung auf hohem fachlichem Niveau“, lobte Dr. Olaf Hardt, Chefarzt der Psychiatrie des Vivantes-Klinikums Neukölln. Aber: „Psychiatrischen Kliniken sind unter Druck. Das hat damit zu tun, dass sie chronisch überlastet sind.“ Immer mehr Menschen benötigen langanhaltend Hilfe.

25 Prozent der Patienten sind Wohnungslose

„Wir haben Langlieger in unseren Kliniken, das sind Menschen mit schweren Verläufen“, so Hardt. Vor allem Patienten mit Wahn-Erkrankungen, mehreren psychiatrischen Diagnosen und Süchten, die „überall rausgeflogen“ seien.

Eine weitere Gruppe beschäftige psychiatrische Einrichtungen: „Demenzkranke, die bei uns landen, vorzugsweise am Freitagnachmittag mit Kündigung des Platzes im Wohnheim, die dann Wochen und Monate bei uns untergebracht sind“, berichtete Hardt. Zudem seien 25 Prozent der Patienten jährlich wohnungslose Menschen.

Das Vivantes-Klinikum Neukölln hat eine der größten Psychiatrien Berlins mit 320 Behandlungsplätzen
Das Vivantes-Klinikum Neukölln hat eine der größten Psychiatrien Berlins mit 320 Behandlungsplätzen Foto: ullstein bild

Zunehmend Patienten bei schlechterem baulichen Zustand der Abteilungen: „Vierbettzimmer, bröckelnde Decken, verdreckte Toiletten auf dem Flur.“

Manche Patienten sind zwei bis drei Jahre da

Von einem „enormen Aufnahmedruck“ berichtete auch Prof. Stephan Köhler, Chefarzt der Psychiatrie des St. Joseph-Krankenhauses Weißensee. Und gleichzeitig: „Patienten sind zwei bis drei Jahre da, weil sie keine Anschlussversorgung bekommen.“

Das St. Joseph-Krankenhaus der Alexianer in der Gartenstraße in Weißensee
Das St. Joseph-Krankenhaus der Alexianer in der Gartenstraße in Weißensee Foto: spreepicture

Die Wartezeit auf einen Platz in einer Tagesklinik beträgt aktuell drei bis vier Monate, bei einem niedergelassenen Therapeuten durchschnittlich fünf Monate. In Kliniken stehen stationär untergebrachten Patienten pro Woche gerade einmal 25 Minuten Psychotherapie zur Verfügung! „Keine leitliniengerechte Behandlung“, bemängelte Eva-Maria Schweitzer-Köhn, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer.

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Laut Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung ist Berlin trotzdem überdurchschnittlich gut mit Psychotherapeuten ausgestattet, nämlich zu 170 Prozent. Nach Auffassung von Schweizer-Köhn fuße die Planung auf einer veralteten Grundlage von 1999. Sie übte scharfe Kritik: „Das hat mit Bedarfsplanung nichts zu tun!“

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Im Notfall wenden Sie sich bitte an die Feuerwehr (112) oder den Polizei-Notruf (110).

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