Prozess um Angriff mit Messer auf Polizisten am Schwefel-Bahnhof Altenerding – Erding | ABC-Z

Das vergangene Jahr hat die Menschen im Erdinger Stadtteil Altenerding ganz schön in Atem gehalten. Bei einer schief gelaufenen Bundeswehrübung Ende Oktober schossen Polizisten versehentlich einen Soldaten an und weckten damit ein bundesweites Medieninteresse. Schon gut fünf Monate vorher hatte ein anderer Polizeieinsatz in Altenerding Aufsehen erregt: Ein heute 32-Jähriger soll am dortigen S-Bahnhof Passanten mit einem Messer bedroht und Polizisten angegriffen haben. Auch damals fielen Schüsse aus einer Dienstwaffe, einer traf den 32-Jährigen am Oberschenkel und setzte ihn außer Gefecht.
Seit Mittwoch muss sich der Mann in einem Sicherungsverfahren am Landgericht Landshut verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm einen gefährlichen Angriff auf und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte mit Bedrohung sowie in drei weiteren Fällen Beleidigung, Bedrohung und räuberische Erpressung vor, das alles im Zustand der Schuldunfähigkeit. Die Staatsanwaltschaft stuft den mutmaßlich psychisch kranken Mann als für die Allgemeinheit gefährlich ein.
Beim Prozessauftakt am Landgericht tut sich am Mittwoch erst einmal – nichts. Die Vorführbeamten der Polizei haben den Beschuldigten, der einstweilen am Bezirksklinikum Wasserburg untergebracht ist, fälschlicherweise ans Gericht in München gefahren.
Mit reichlich Verspätung trifft der 32-Jährige schließlich in Landshut ein. Kurz geschorenes Haupthaar, kurzer dunkler Bart, helle Schuhe, helle Hose, schwarzes Hemd. Der Beschuldigte wirkt zunächst relativ aufgeräumt. Zwar fehlt zum Prozessauftakt einer seiner zwei Pflichtverteidiger. Aber wenn er schon mal da sei, werde er sich auch zu den Vorwürfen äußern, sagt der Beschuldigte – und sendet im Laufe seiner umfangreichen Ausführungen vor allem eine Botschaft: Das Gericht möge von ihm halten, was es wolle, „aber ich bin nicht psychisch krank“.
Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuches hält der 32-Jährige für unangebracht. Die ihm zur Last gelegten Vorwürfe räumt er teilweise ein. Er gibt auch zu, am Tattag, dem 3. Mai 2025, „definitiv nicht ich selbst“ und „wahnhaft“ gewesen zu sein. Das sei allerdings nur eine temporäre Erscheinung durch den vorherigen Konsum von LSD gewesen und liege nicht daran, dass er paranoid schizophren sei, wie es ihm von Sachverständigen attestiert werde.
In Sprachnachrichten droht er Bekannten und Verwandten mit dem Tod und fordert von ihnen Geld
Zum Tatzeitpunkt war der gebürtige Bonner eigenen Angaben zufolge ohne Job, bezog weder Arbeitslosen- noch Bürgergeld und lebte von dem, was er mit dem Verkauf von Geräten aus seinem Privathaushalt einnahm. Neben den Vorfällen am Bahnsteig in Altenerding soll er laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft am selben Tag drei Sprachnachrichten an seine Oma, eine ehemalige Arbeitskollegin und eine Bekannte verschickt haben. In allen drei Fällen soll er die Adressatinnen übel beleidigt und mit dem Tod bedroht haben, falls sie ihm kein Geld überweisen. Mal forderte er „dein gesamtes Erspartes“, mal Geld in unbekannter Höhe und mal ganz konkret 50 000 Euro.
Er habe unter Drogen gestanden und „nehme diese Nachrichten deshalb nicht ernst“, erklärt der 32-Jährige in der Verhandlung den Richtern. „Aber dass die Leute, denen ich sie geschickt habe, das ernst genommen haben, verstehe ich.“ Er habe jedoch überhaupt nichts gegen diese Menschen, im Gegenteil: „Meine Oma habe ich lieb und die Ex-Kollegin ist ganz eine Nette.“
Auch dass die Leute am Bahnsteig „Angst vor mir hatten, tut mir leid“, sagt der Beschuldigte. „Ich hatte aber nicht vor, irgendwen anzugreifen.“ Laut der Staatsanwaltschaft soll er sich dort, mit einem 32 Zentimeter langen Küchenmesser in der Hand, mit seinem Mobiltelefon selbst gefilmt und Passanten bedrohlich zugerufen haben, jedem, der ihm „blöd kommt“, die Augäpfel auszustechen. Als die alarmierte Polizei ihn aufforderte, das Messer fallen zu lassen, soll er dieses in der Hand behalten und auf die Beamten zugegangen sein. Mit den Worten, die Polizisten sollten ihn „doch erschießen“.
Trotz wiederholter Warnschüsse ins Gleisbett soll der 32-Jährige weiter mit dem Messer auf die Polizisten zugegangen sein. Bis ihn einer der Beamten – um Lebensgefahr für die Fahrgäste einer in wenigen Minuten eintreffenden S-Bahn abzuwenden – mit einem Schuss in den Oberschenkel außer Gefecht setzte.
„Um die Situation aufzulockern“, filmt er die Polizisten, die ihn mit der Waffe bedrohen, und lädt das Video auf Tiktok hoch
Er sei dann friedlich auf dem Boden gesessen und habe gesagt, „ich tu nichts“, erzählt der Beschuldigte in der Verhandlung. Dann habe er, „um die Situation aufzulockern“, sein Handy rausgeholt, die Beamten gefilmt, die mit ihren Waffen auf ihn zielten, „und eine Story gemacht und auch auf Tiktok hochgeladen“. Wenn man frage, ob das normal sei, sage er: „Normal ist in so einer Situation gar nichts, das war wie in einem schlechten Film. An dem Tag ist alles schiefgelaufen, am liebsten würde ich ihn aus meinem Leben streichen.“
Der Vorsitzende Richter Thomas Lindinger möchte wissen: „Haben Sie am Bahnsteig ein Messer gehabt?“ Der 32-Jährige meint dazu nur: „Dazu mache ich keine Angaben.“ Sehr wohl Angaben macht er über das Pech in seinem Leben und die in seinen Augen ungerechte Behandlung, die ihm widerfahren ist. Nach dem Fachabitur und mehreren abgebrochenen Studiengängen arbeitete er nach eigenen Angaben in der IT-Branche und kündigte seine letzte Stelle, in der es „kriminelle Machenschaften“ gegeben habe. Danach hätten seine Ex-Kollegen dafür gesorgt, dass er trotz vieler Bewerbungen nirgends mehr einen Job bekommen habe.
Bei seiner Festnahme hätten die Beamten ihn überhart attackiert, nach seiner Unterbringung habe man ihn mehrmals zu vergiften versucht und die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ durch die Sachverständigen sei nicht zutreffend, sondern „wurde blöderweise so interpretiert“, behauptet der Beschuldigte. Unter anderem wegen einer früheren, Cannabis-induzierten Psychose und von ihm veröffentlichten Youtube-Videos über Hirnstammparasiten, die manche Leute als Verschwörungstheorien ansähen. „Das hat mich in diese blöde Situation gebracht.“
Der Prozess wird fortgesetzt.





















