Proteste in Iran: Der Sohn des letzten Schahs mischt mit | ABC-Z

Mit einem Aufruf zu koordinierten Protesten hat der frühere Kronprinz Reza Pahlavi versucht, den Demonstrationen in Iran eine neue Dynamik zu verleihen. Der Sohn des letzten Schahs, der in den Vereinigten Staaten lebt, forderte die Iraner in einer Videobotschaft auf, um Punkt 20 Uhr Ortszeit am Donnerstag und am Freitag auf der Straße oder auf ihren Balkonen gemeinsam Parolen gegen das Regime zu skandieren.
Auf Instagram wurde sein Video mehr als 80 Millionen Mal angesehen und mit drei Millionen Likes versehen. Die schiere Masse veranlasste selbst Iraner, die Pahlavi kritisch sehen, dazu, sich an der Aktion zu beteiligen. „Je nach eurer Reaktion werde ich die nächsten Aktionsaufrufe bekannt geben“, sagte der Fünfundsechzigjährige.
Augenzeugen in Teheran berichteten der F.A.Z. kurz nach 20 Uhr Ortszeit aus zwei Stadtteilen von Sprechchören in ihrer Nachbarschaft. Demnach wurden Parolen wie „Tod für Khamenei“ und „Lang lebe der Schah“ gerufen. Aus anderen Stadtteilen und anderen Städten wurden ähnliche Szenen per Video verbreitet.
Demonstrationen sind bislang nicht koordiniert
Selbst eine große Zahl an Teilnehmern bedeutet nicht, dass sich die Iraner die Monarchie zurückwünschen. Vielmehr nutzt der Schah-Sohn das Führungsvakuum unter den iranischen Oppositionsgruppen. Die Demonstrationen in Dutzenden Städten des Landes sind bisher nicht koordiniert. Es gibt keine Einigkeit über gemeinsame Forderungen oder eine gemeinsame Strategie. Selbst Kritiker Pahlavis verstanden den Aufruf als Chance, den Protesten neues Momentum zu verleihen und eine Botschaft der Einheit zu senden. „Viele glauben, dass eine führerlose Bewegung nicht erfolgreich sein kann“, erklärte ein iranischer Journalist in einer Sprachnachricht an die F.A.Z.
Eine Unterstützerin der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung sagte, ihre Teilnahme in Teheran bedeute keineswegs, dass sie Pahlavi als Anführer anerkenne. „Aber wenn ich zu Hause bleibe, hilft das der Islamischen Republik.“ Es sei für sie eine schwierige Entscheidung gewesen. Aber es sei wichtig, Einigkeit zu demonstrieren. „Er ist die einzige Person, hinter der sich die Leute – selbst wenn es falsch ist – versammeln können.“ Viele Linke würden dagegen nur reden. „Es gibt keine Alternative“, sagte die Frau. Zudem sei sie überzeugt, dass selbst jene, die jetzt „Pahlavi wird zurückkehren“ riefen, nicht wirklich die Monarchie wieder einführen wollten.
Ein junger Mann, der in einem Buchladen arbeitet, sagte der F.A.Z., er nehme teil, weil er gesehen habe, dass selbst viele Linke den Aufruf geteilt hätten. „Obwohl ich vieles an Pahlavi und seinem Umfeld kritisiere, glaube ich, dass wir trotz aller Differenzen zusammenstehen müssen, weil die Islamische Republik viel zu weit gegangen ist.“
Manipulierte Videos
Seine große Reichweite verdankt der frühere Kronprinz den promonarchistischen Exilsendern Iran International und Manoto sowie einer Internetkampagne, die nach Recherchen der Zeitung „Haaretz“ von Israel unterstützt und mitfinanziert wurde. Zahlreiche Videos von den aktuellen Protesten, in denen angeblich nach dem verstorbenen Schah oder seinem Sohn gerufen wird, haben sich als manipuliert erwiesen. Andererseits haben Pahlavis mediale Dauerpräsenz und die Bekanntheit seines Namens ihm Aufmerksamkeit verschafft. Hinzu kommt, dass Irans Jugend das Vertrauen in die sogenannten Reformer verloren hat, die sich allzu oft als Feigenblatt des Regimes erwiesen haben.
Weil Oppositionelle innerhalb des Landes wenig Spielraum zur Mobilisierung haben, spielt die Diaspora als Verstärker eine wichtige Rolle. Der Sender Manoto hat außerdem zu einer nostalgischen Verklärung der Schah-Zeit beigetragen. Vor allem junge Iraner, die die Monarchie nicht miterlebt haben, betrachten sie angesichts ihrer Verzweiflung über die aktuelle Lage in einem milden Licht, obwohl der Schah 1979 von einer breiten Revolutionsbewegung gestürzt wurde.
Mehrere Studenten-, Frauen- und kurdische Gruppen in Iran distanzierten sich explizit von Pahlavi. So schrieben Aktivisten aus fünf Teheraner Universitäten in einer gemeinsamen Stellungnahme: „Weder die Islamische Republik noch die Monarchie noch die Volksmudschahedin.“ Die Exilgruppe der Volksmudschahedin gehört zu den schärfsten Gegnern Pahlavis. Die Gegner behaupten, die vermeintlichen Schah-Rufe auf Demonstrationen seien ein Täuschungsmanöver des Regimes, das auf diese Weise die Opposition spalten wolle. Manche bezichtigen ihn, mit dem Regime zu kooperieren, weil Pahlavi nach eigenen Angaben eine Plattform geschaffen hat, über die Sicherheitskräfte und Staatsbedienstete ihre Absicht erklären können, die Seite zu wechseln.
Pahlavis liberale Kritiker argumentieren, dass er außer Medienkampagnen nichts vorzuweisen habe und über keinerlei administrative Fähigkeiten verfüge. Nach 47 Jahren außer Landes habe er den Bezug zur iranischen Realität verloren. Auf Unverständnis stößt bei vielen, dass Pahlavis Berater und Anhänger einen autoritären Diskurs pflegen und andere Oppositionelle regelmäßig mit Beleidigungen und Hetze überziehen, was manche als gezielte Kampagne betrachten, um potentielle Konkurrenten zu diskreditieren. Das gilt etwa für Mostafa Tajzadeh, einen der prominentesten politischen Gefangenen des Landes. Er war früher Berater des Reformpräsidenten Mohammad Khatami (1997 bis 2005) und hat sich in den vergangenen Tagen mehrfach aus dem Gefängnis zu Wort gemeldet und einen demokratischen Übergang gefordert.





















