Proteste am 8. März: Fallstrick Solidarität | ABC-Z

“Können die Subalternen sprechen?“, fragte die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak bereits 1988. Sie brachte damit eine doppelte Kritik auf den Punkt, die die feministische Bewegung bis heute beschäftigt: dass Frauen und Frauenrechte erstens immer wieder zur Rechtfertigung des westlichen Imperialismus in Stellung gebracht werden, was Spivak auf die Formel „white men are saving brown women from brown men“ brachte. Und zweitens, dass auch im antikolonialen Widerstand die Unterdrückung von Frauen unsichtbar werden kann, wenn ihr Schicksal dem großen Ziel des Befreiungskampfs untergeordnet wird.
Wer sich die Demolandschaft um die Proteste zum 8. März ansieht, könnte Spivaks Frage auch als Zustandsbeschreibung der hiesigen radikalen Linken lesen. Wer in den großen Städten wie Hamburg oder Berlin zum feministischen Kampftag auf die Straße will, wird jedenfalls mit einem Protestangebot konfrontiert, bei dem sich in den Aufrufen dazu noch alle voneinander abgrenzen und sich gegenseitig vorwerfen, die schlimmsten Sachen zu vertreten.
Aber alles der Reihe nach. Lange gab es am 8. März in den meisten Städten eine zentrale Bündnisdemonstration. In Berlin gibt es an dem Tag dagegen schon länger mehrere Demos: Eine Gewerkschaftsdemo tagsüber, einen internationalistischen Protest am Nachmittag, eine anarchistische Demo am Abend.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
2024 ist in der Hauptstadt darüber hinaus erstmals ein weiteres Bündnis aufgetaucht, das unter dem Namen Feminism Unlimited firmiert – und das in diesem Jahr auch anderswo, wie in Hamburg oder Wien, Proteste organisiert. Diese Demos richten sich gegen den propalästinensischen Ton, der auf den 8.-März-Demos ansonsten oft herrscht.
Der Grund dafür, dass die 8.-März-Demos zunehmend zersplittern, ist also, mal wieder, der Nahostkonflikt. Dahinter stehen oft ganz grundsätzliche Fragen: Sollte man etwa aufgrund der deutschen Schuld am Holocaust den Staat Israel verteidigen? Sieht man in Israel ein regionales Aushängeschild für die Rechte von Queers und Frauen*? Oder legitimieren solche Positionen nicht die Verbrechen der israelischen Armee, der eine UN-Kommission aktuell Völkermord vorwirft? Muss man sich als Linke nicht eher immer auf die Seite derjenigen stellen, die Widerstand gegen Kolonialismus und Imperialismus leisten?
Ein eskalierender Konflikt
Dieser Konflikt eskaliert nun zunehmend. „Es war für uns einfach unerträglich, dass auch linke Gruppen am 8. März auf die Straße gehen, die den 7. Oktober feiern und die Massaker auf dem Nova-Festival sowie die Vergewaltigungen der Hamas rechtfertigen“, sagte eine Aktivistin der Hamburger Gruppe Feminism Unlimited zur taz, die die dortige „Kompliz*innen“-Bündnisdemo organisiert. Die Gruppe habe deshalb ein Gegenangebot geschaffen, um „den Antisemit:innen nicht den Platz zu überlassen“, so die Aktivistin. Das Bündnis grenze sich aber auch von „Rassist:innen und Transfeind:innen wie Alice Schwarzer“ ab – eine weitere Spaltungslinie in der Bewegung.
Tatsächlich betonen viele 8.-März-Demos seit Jahren ihre Palästinasolidarität sehr stark, sodass es zuweilen so wirkt, als würden die Proteste nur in Akzenten mit feministischen Themen bestückt. In antiimperialistischen Kreisen ist man durchaus bereit, zum Beispiel zu diskutieren, ob das iranische Mullahregime nicht als „objektiv antiimperialistischer Akteur“ doch von links zu verteidigen sei. Womit im Interesse des großen Kampfes die Frauen*befreiung eben doch hintangestellt wird.
Aber auch auf der anderen Seite, auf der Berliner “Feminism Unlimited”-Demo der vergangenen Jahre, gab es eine klare Schlagseite. Hier neigte bei manchen Teilnehmer:innen die Solidarität mit Jüd:innen dazu, sich mit einer für den israelischen Staat zu vermischen – was wohl ebenfalls wenig mit dem “universalistischen” Anspruch der Organisator:innen vereinbar sein dürfte.
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taz
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Manuela Heim über das Konzept und die Entstehung der Feministaz.
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Man kann das alles furchtbar desolat finden. Aber vielleicht liegt das Problem der Zersplitterung ja auch in dem Gedanken, dass man immer mit allem einverstanden sein muss, was auf einer Demo noch so gesagt wird. Wo also all diejenigen hin sollen, die die Mullahs und die Hamas in ähnlichem Maß beschissen finden wie die Regimes von Netanjahu oder Trump. Zumindest sollten sie nicht zu Hause blieben.





















