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Projekt mit Vorbildcharakter: Neue Rätselrallye für Jugendliche – Ebersberg | ABC-Z

Man stelle sich vor: Es gab einen Hackerangriff auf die Stadt Ebersberg. Dabei wurden wichtige Akten zur Jugendarbeit gelöscht, es herrscht das reinste Chaos. Doch noch ist nicht alles verloren: In manchen Einrichtungen gibt es geheime Backup-Dateien. Jemand müsste sie nur sammeln, öffnen und zusammenführen.

Das ist die Ausgangslage einer neuen digitalen Rallye durch die Stadt Ebersberg. Die Teilnehmenden schlüpfen in die Rolle von Detektiven. Ihre Mission: die verlorenen „Akten“ an verschiedenen Stationen finden, Aufgaben lösen und ein geheimes Codewort entschlüsseln, um die Daten zu retten. Das innovative Spiel, das der Kreisjugendring Ebersberg (KJR) zusammen mit der Organisation „Actionbound“ veröffentlicht hat, verbindet digitalen Rätselspaß mit analogem Erleben: Es gilt, sich gemeinsam, am besten in kleinen Gruppen, durch die Stadt zu bewegen und dabei via Handy Aufgaben zu lösen.

Ziel des interaktiven Spiels ist es, jungen Menschen Einblicke in die Arbeit verschiedener Institutionen zu geben und ihnen wichtige Anlaufstellen näherzubringen. Jugendliche sollen auf spielerische Weise kommunale Strukturen, Einrichtungen der Jugendarbeit und weitere Beratungsstellen in Ebersberg für sich entdecken. „Es gibt so tolle Angebote hier, die die Jugendlichen aber oft nicht kennen“, sagt Leonhard Martz vom KJR. „Das wollen wir gerne ändern.“ Gleichzeitig würden die Jugendlichen durch den Bound dazu angeregt, die Stadt aus ihrer Perspektive zu reflektieren und eigene Ideen „für ein noch jugendfreundlicheres Ebersberg“ zu entwickeln.

KJR-Referent Leonhard Martz vor dem Landratsamt, das auch zu den Stationen der Rätselrallye zählt. Peter Hinz-Rosin

„Die Akte Ebersberg“ steht allen Interessierten ab sofort kostenfrei zur Verfügung. Das Spiel ist laut KJR geeignet ab zwölf Jahren, das Angebot richtet sich an alle, die gerne rätseln, aber insbesondere an Jugendgruppen, Vereine und Schulklassen (von der siebten Jahrgangsstufe an). Gespielt wird via App und QR-Codes an den sieben Stationen der Schnitzeljagd. Ein Rundgang dauert rund 60 bis 90 Minuten.

Actionbound ist ein vielfach ausgezeichnetes Autorenwerkzeug zur Erstellung von Serious Games, also von digitalen Spielen, die Wissen vermitteln sollen: Damit lassen sich digitale Schatzsuchen, mobile Abenteuer und interaktive Guides erstellen. Diese können dann öffentlich gemacht oder nur einem exklusiven Publikum zur Verfügung gestellt werden. Anwendung finden Actionbounds im Bildungsbereich, im Sport- und Freizeitsegment sowie im Unternehmenssektor, aber auch bei privaten Veranstaltungen. Ein solcher Gebrauch ist kostenlos, Bildungseinrichtungen erhalten laut Homepage vergünstigte Konditionen.

Die interaktive Rallye durch Ebersberg besitzt sieben Stationen: den KJR selbst, die katholische Jugendstelle, den Frauennotruf, die Stadtjugendpflege im Rathaus, das Landratsamt, das Jugendzentrum AJZ und die Volkshochschule. „Aber es ist geplant, den Bound stetig weiterzuentwickeln und auch neue Institutionen mitaufzunehmen, etwa den Bürgerraum am Marktplatz“, erklärt Martz. Über eine Landkarte in der App werden die Teilnehmenden durch die Stadt geführt, die einzelnen Kapitel lassen sich per QR-Codes an den Stationen starten, die Reihenfolge ist beliebig.

An jeder Station warten Informationen über die jeweilige Institution und interaktive Herausforderungen. Die Spielerinnen und Spieler müssen Fragen beantworten, Treppenstufen und Fenster zählen, kleine Rechenaufgaben lösen, Schätzungen abgeben, Lückentexte ausfüllen, reimen, fotografieren und Sprachnachrichten aufnehmen, um ans Ziel zu kommen. Doch vor einem Versagen muss sich keiner fürchten: Das Spiel ist sehr kulant. Fehler werden stets verziehen, Tipps, wenn nötig, nachgereicht. Und wenn irgendetwas nicht passen sollte: KJR-Referent Martz nimmt Feedback gerne entgegen und ist bereit, „jederzeit nachzubessern“.

Zunächst wird den Spielern der Zugriff auf die geheimen Akten verweigert. Nur wer alle Rätsel gelöst hat, darf sie öffnen.
Zunächst wird den Spielern der Zugriff auf die geheimen Akten verweigert. Nur wer alle Rätsel gelöst hat, darf sie öffnen. Peter Hinz-Rosin

Durch die digitale Schnitzeljagd erfahren die Jugendlichen zum Beispiel, an wen sie sich wenden können, wenn sie ein Zeltlager organisieren wollen. Oder dass das AJZ allen Menschen zwischen 14 und 27 Jahren einen selbstverwalteten Treffpunkt bietet. Oder dass das Landratsamt für Familien viel relevanter ist, als es auf den ersten Blick vielleicht wirken mag. Sie lernen, was alles zu den offiziellen Kinderrechten gehört und was die Unterschiede sind zwischen einem Streit und häuslicher Gewalt. Oder dass die Stadtverwaltung die Interessen junger Bürgerinnen und Bürger berücksichtigen muss, und wie viele Minderjährige überhaupt in Ebersberg leben.

Doch die Jugendlichen dürfen auch ihre Meinung äußern, sowohl der KJR als auch die Stadt wollen von ihnen wissen, was gut beziehungsweise nicht so gut ist an Ebersberg. „Da bin ich schon sehr gespannt auf die Antworten“, sagt Martz. Wegen des Datenschutzes, schiebt er gleich hinterher, müsse sich aber niemand Sorgen machen: Alles liege auf sicheren deutschen Servern, eine KI sei nicht im Spiel.

Vielleicht nehmen sich nun andere Kommunen Ebersberg zum Vorbild?

Das grobe Konzept der „Akte Ebersberg“ hat Martz erstellt, die Feinarbeit wurde von Actionbound geleistet, die Kapitel der einzelnen Stationen haben die beteiligten Einrichtungen selbst mit Inhalten gefüllt. „Die Idee ist überall super aufgenommen worden“, sagt der KJR-Referent. Einem Vorbild sei man dabei allerdings nicht gefolgt: „Ich wüsste nicht, dass es so ein Angebot woanders schon gibt.“ Doch wer weiß, vielleicht nehmen sich andere Kommunen ja Ebersberg zum Vorbild?

Das würde Martz sehr freuen. Sein „Traumziel“ aber wäre, wenn sich die „Akte Ebersberg“ in den Schulen verankern ließe. „Das wäre ein ganz wichtiger Schritt Richtung Chancengleichheit, dann wären wirklich alle Jugendlichen über die wertvollen Angebote vor Ort informiert.“ Lehrkräfte könnten das Spiel noch im Klassenzimmer kurz erklären, Schülerinnen und Schüler die App samt Bound herunterladen. Dann ließe sich die Schnitzeljagd ohne den Verbrauch von mobilen Daten durchspielen, zum Beispiel am Wandertag. „Und das Tolle ist: Ein Handy pro Gruppe genügt“, sagt Martz und grinst.

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