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Preppy-Chic: Der Modetrend der Gen Z als Sehnsucht nach Ordnung und Retro – Stil | ABC-Z

Was haben die Models auf großen Laufstegen, Prominente wie Bella Hadid oder Asap Rocky und die Gen Z bei ihrem Stil derzeit gemeinsam? Nicht etwa den Willen zur unbedingten Einzigartigkeit, sondern den Hang zu einer neuen Ordentlichkeit. Statt eklektischer Kombinationen dominieren jedenfalls überall Zusammenstellungen aus Poloshirts plus Stoffhosen oder Faltenröcke, aus Blazern und halbwegs klassischen Lederschuhe wie Loafers. Das Stichwort, unter dem der Trend firmiert, lautet „Preppy-Chic“ und ist ein ewiger Wiedergänger in der Mode.  Der Name leitet sich ursprünglich von den „Preparatory Schools“ ab, US-amerikanischen Privatschulen, genauer gesagt von deren Schuluniformen, sowie den Studierenden an Ivy-League-Universitäten, deren einstige Freizeit- und Sportkleidung heute als stilistische Vorlage dient. Gemeint sind keine Leggings oder Jogginghosen, sondern die klassischen Outfits prestigeträchtiger und „sauberer“ Sportarten wie Polo, Tennis, Segeln oder Golf. Der daraus abgeleitete Modestil ist eher schlicht und casual und geht mit einer Haltung einher, die Fleiß, Benimmregeln und den Willen zum sozialen Aufstieg und einem Sommerhäuschen am Wasser beinhaltet. Das Ziel der Preppy-Mode war es weniger, durch Exzentrik hervorzustechen, als durch ein kontrolliertes Auftreten Zugehörigkeit zu signalisieren. Sie ist eine Reminiszenz an ein gutes, altes Ostküsten-Amerika mit behäbigem Wohlstand und sorgloser Leistungsjugend.

Wie viele gegenwärtige Trends greift auch „Preppy“ auf Retro-Elemente zurück. Seinen Ursprung hat der Look in den 1980er-Jahren. Das genau 1980 erschienene Buch „The Official Preppy Handbook“ gilt heute jedenfalls als so etwas wie die offizielle Taufurkunde der Stilbewegung. Als Satire angelegt, beschrieb es die nordamerikanische „Prepdom“-Kultur der konservativen oberen Mittelschicht – mitsamt Anleitungen von der Wahl der richtigen Privatschule und Einrichtung des Collegezimmers bis zur angemessenen Kleidung für die späteren „Managerjahre“ und das Freizeitvergnügen im Country Club. Diese Persiflage auf die obere Mittelschicht oder auch Wasps (White Anglo-Saxon Protestants) verkaufte sich millionenfach und trug entscheidend dazu bei, dass Khaki-Chinos, pastellfarbene Poloshirts oder über die Schultern gelegte Wollpullover ganz ohne Ironie zum Trend wurden. Das geografische Epizentrum dieses poppig-spießigen Lebensgefühls lag immer an der US-Ostküste, entlang von Maine, New Hampshire und Rhode Island.

Marken wie J.Crew prägten den Stil damals mit einem sportlich-aufgeräumten Wochenendlook, mit dem man in Montauk am Strand schlenderte oder in Hyannis Port Segelschiffen nachblicken sollte; auf einem Katalog des Labels aus dem Jahr 1983 posiert ein Paar ganz neuenglisch auf einem Boot. Die Preise der Sachen waren immer vergleichsweise erschwinglich und boten eine Alternative zu höherpreisigen Marken wie Ralph Lauren. Auch die Marke Banana Republic, damals neu gegründet, wurde schnell zum Preppy-Ausstatter. Die frühen Kollektionen setzten auf safariinspirierte Kleidung mit vielen Taschen, die an Fernreisen erinnerte, die sich eine kulturell interessierte und finanziell abgesicherte Klientel leisten konnte. Während Preppy heute meist in einer reduzierten Farbpalette aus Weiß, Grau, Beige und Dunkelblau interpretiert wird, war der Stil in den 1980er-Jahren deutlich farbenfroher und wurde häufig auch im Colour-Blocking getragen.

Die Prime-Serie „Maxton Hall“ punktet beim Publikum mit der Ästhetik von Elite-Internaten und Schnöselkids. (Foto: Stephan Rabold)

Dass der erschwerte Zugang zu den Eliteschulen diese Orte auch jenseits der Mode zur beliebten Projektionsfläche macht, ist kein neues Phänomen. Typische Preppy-Figuren bevölkern Literatur, Film und Serien seit Jahrzehnten: von Holden Caulfield in J. D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ über den Film „Der Club der toten Dichter“ bis zu den 2000er-Serien „Gilmore Girls“ oder „Gossip Girl“, deren Hauptfiguren, Jugendliche der Upper East Side, regelmäßig in ihren Schuluniformen auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art sitzend gezeigt werden. Besonders die Figur der Blair Waldorf in „Gossip Girl“ wurde mit Perlenketten, Haarreifen und Tweed zu einer Stilikone des Genres. Dass die Preppy-Mode derzeit wieder so umfassend zurückkehrt, liegt einerseits an der allseits beliebten Rückschau auf diese alten Serien, aber sicher auch an aktuellen Produktionen wie etwa dem deutschen Amazon-Serienhit „Maxton Hall“, in der die Preppy-Fantasie Kapriolen schlägt: Eine deutsche Geschichte im Setting einer britischen Eliteschule, voll von Klischees über gutmütige Arme und gemeine Reiche, alle Figuren in flanellgrauen Schuluniformen, mit denen sie privaten Dramen im Debattierunterricht austragen. Andere Preppy-Botschafter sind seit über 15 Jahren zum Beispiel die Musiker der erfolgreichen New Yorker Indieband Vampire Weekend. Sie lernten sich an der Columbia University kennen und spielen mit dem Ivy-League-Stereotyp und ihren Long-Island-Biografien. Bei Konzerten treten sie in pastellfarbenen Polos, viel Vintage-Ralph-Lauren oder in Blazern mit Krawatten und Loafers auf. „Geschniegelt“ würde man hierzulande wohl zu diesem Look sagen, auch wenn sich das hinter E-Gitarre und Schlagzeug natürlich schnell relativiert.

Die Band „Vampire Weekend“ zelebriert den Preppy-Style bei ihren Konzerten.
Die Band „Vampire Weekend“ zelebriert den Preppy-Style bei ihren Konzerten. (Foto: Chris Pizzello/AP)

Ob die Trägerinnen und Träger des Preppy-Chics wirklich einen Eliteuni-Hintergrund haben oder nur zitieren, ist heute genau wie in den Anfängen letztlich zweitrangig. Der Stil markiert keine reale Zugehörigkeit, sondern eignet sich spielerisch ästhetische Codes an. Besonders sichtbar wird das in der Hip-Hop-Kultur, in der Rapper schon früh begannen, einzelne Elemente aus dem Preppy-Repertoire neu zu kombinieren und damit einen Bruch mit dem ursprünglich sehr weißen Look zu provozieren. Die Marke Tommy Hilfiger, auch eine feste Säule des US-Ostküsten-Stils, legt derzeit etwa eine Oldschool-Reihe neu auf, darunter ein gestreiftes Rugbyshirt, das Snoop Dogg bereits in den 1990er-Jahren auf der Bühne trug. Auch Asap Rocky zeigt sich seit Jahren in neu interpretierten Preppy-Looks mit gestreiften Schals, beigefarbenen Blazern und Hemden mit Krawatte zu weiten Jeans. In der Hip-Hop-Kultur, deren Wurzeln in der Street Wear eigentlich in Opposition zum braven Preppy-Lebensentwurf stehen, werden die ordentlichen Kleidungsstücke umgedeutet, etwa indem sie oversize getragen oder mit Sneakern, Caps und Baggy-Jeans kombiniert werden.

Reminiszenz an eine kleine Revolution - mit diesen Rugby-Shirts erinnert Tommy Hilfiger aktuell an den 90er-Style von Snoop Dogg.
Reminiszenz an eine kleine Revolution – mit diesen Rugby-Shirts erinnert Tommy Hilfiger aktuell an den 90er-Style von Snoop Dogg. (Foto: Courtesy of Tommy Hilfiger/Courtesy of Tommy Hilfiger)

Neben dem Rückgriff auf die 1980er- bis 2000er-Jahre ist diese Mischung aus Preppy und Streetwear derzeit besonders bei der Gen Z beliebt und kursiert unter Schlagworten wie „Preppy Hip Hop Style“. In diesen Looks brechen binäre Geschlechternormen auf, auch Frauen tragen dann beispielsweise Krawatten oder aber hyperfeminine und provokant kurze Miniröcke, die als Schuluniform sicherlich getadelt würden.

Klar ist auch, Preppy ist ein vergleichsweise zugänglicher Stil und ziemlich leicht zu remixen. Zwar bezieht er sich mit seiner Kulisse aus Privatschulen und Elite-Universitäten auf exklusive Orte, doch die entsprechende Mode war nie besonders luxuriös. Stattdessen standen langlebige Basics und geordnete Alltagsoutfits im Zentrum, die funktional und leicht kombinierbar sein sollten. Die Symbolik blieb elitär, die einzelnen Stücke aber waren es nicht. In dieser Logik funktionierte auch die „Modern Preppy“-Kollektion, die der Dior-Designer J. W. Anderson 2025 für Uniqlo entwarf.

Schauspielerin  Marisa Lauren zeigt wie der Preppy Stil heute funktioniert - als Unisex-Mix mit Kragen, Krawatten und Bundfalten und Anklängen an den „Old Money“-Look. (Photo by Jeremy Moeller/Getty Images)
Schauspielerin  Marisa Lauren zeigt wie der Preppy Stil heute funktioniert – als Unisex-Mix mit Kragen, Krawatten und Bundfalten und Anklängen an den „Old Money“-Look. (Photo by Jeremy Moeller/Getty Images) (Foto: Jeremy Moeller/Getty Images)

Mit Akteuren wie Anderson verschiebt sich der Preppy-Stil derzeit auch in Richtung des Luxussegments, weil immer mehr große Modehäuser aufspringen. Nachdem Miu Miu 2024 Segelschuhe aus braunem Leder auf den Laufsteg brachte, tauchten ähnliche Modelle wenig später bei Aeyde oder Sandro auf. Auch das simple Poloshirt erlebte ein Revival und wurde von Balenciaga bis Loewe neu interpretiert.  Das Preppy-Image wandelt sich damit, weg von studentischen Basics hin zu jenem „Old Money“-Look, der optisch eine Zugehörigkeit zu alten Familiendynastien suggerieren soll. Einrichtungstrends wie der des „Bookshelf Wealth“, bei dem schön drapierte Bücherregale, Reiseandenken und Familienfotos bewusst als bildungsbürgerliche Kulisse inszeniert werden, fügen sich nahtlos in diese Ästhetik ein.

Der geordnete Einheitslook, der den Kern des Preppy-Chics ausmacht und bei dem es weniger darum geht, modisch hervorzustechen, als sich einzureihen, gilt hierzulande als typisch für Jura- und BWL-Studierende. Während er früher jedoch kaum über diese Milieus hinauswirkte oder als spießige Uniform von „Schwiegermutters Liebling“ abgetan wurde, entfaltet er nun eine deutlich breitere Anziehungskraft. Man kann das als Zeichen einer um sich greifenden Langeweile deuten, in der modische Experimentierfreude abhandengekommen ist. Gleichzeitig lässt sich der geschniegelte Trend aber auch als Ausdruck einer Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit in einer zunehmend chaotischen Welt verstehen. Wenn alles knirscht und auseinanderfällt, ist es anstrengend, sich auch noch stilistisch aneinander zu reiben. Und klar, wenn konservative Strömungen weltweit an Bedeutung gewinnen, zeigt sich das eben nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch ästhetisch – die Ur-Preppies waren ja schließlich auch die Teenies der Ronald-Reagan-Ära. Ein locker an Uniformen und Kleiderordnungen orientierter Stil passt heute wieder vielen in den Kram, ist angemessen nostalgisch und unterstreicht den Blick zurück in ein diffuses „Früher“. Eine längst vergangene Zeit, in der die US-amerikanische Mittelschicht noch die Werte der ganzen westlichen Welt vorlebte.

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