Kultur

Preis der Leipziger Buchmesse: Europas Gespür für Unübersetzbares | ABC-Z

I n dem Land, in dem ich geboren bin, steht in jedem Dorf vor jeder Haustür ein Dutzend Paar alter Schuhe.

Der Satz, den ich soeben aussprach, ist ins Deutsche übersetzt, er könnte ebenso gut in jede andere Sprache Europas übersetzt sein, und das sind mehr als die vierundzwanzig Amtssprachen der Europäischen Union. Aber nur in jener Sprache, in welcher der Satz ausgesprochen wird, lässt sich verstehen, was er besagt und warum in jedem Dorf vor jeder Haustür ein Dutzend Paar alter Schuhe steht.

Miljenko Jergović​

ist ein bosnisch-herzegowinischer und kroatischer Schriftsteller, Dichter und Essayist. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Das Walnusshaus“, „Ruta Tannenbaum“ und „Das verrückte Herz“. Dieses Jahr wurde er mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet.

Die Sprache Europas ist die Übersetzung, sagte Umberto Eco.

Und doch liegt die wahre Stärke und Größe Europas in der Vielzahl seiner Sprachen. Jede Sprache ist eine vollständige, vollkommene Welt. Und jede einzelne der europäischen Welten ist ganz Europa. Die wahre Macht Europas beruht nicht auf französischen Kampfflugzeugen und deutschen Panzern, und sie fußt auch nicht auf den Schweizer Banken.

Europa ist die Vielzahl der Welten

Die wahre Macht Europas fußt auf der unbesiegbaren Vielzahl der Welten, die Europa bilden und die ihrerseits aus der Vielzahl europäischer Sprachen hervorgehen. Jede Sprache ist eine vollständige, vollkommene Welt, die sich von allen anderen Welten unterscheidet.

Die Stärke Europas ist die Übersetzung. Die Stärke Europas ist die Möglichkeit, das zu verstehen, was sich nicht übersetzen lässt.

Die Stärke Europas ist die Antwort auf die Frage, warum in jedem Dorf vor jeder Haustür ein Dutzend Paar alter Schuhe steht.

Menschen aus kriegszerstörten, armen Ländern kommen nicht deshalb nach Europa, weil Europa Panzer und Kampfflugzeuge produziert, und auch nicht deshalb, weil Europa besonders hochwertiges Geld druckt. Sie kommen auch nicht deshalb, weil Europäer sensibel auf ihr Elend und ihre Armut reagieren würden.

Menschen aus Afrika und Asien kommen nach Europa, weil sie an Europas Stärke glauben. Sie kommen, weil sie den Eindruck haben, in dieser Vielzahl von Welten, die aus der Vielzahl europäischer Sprachen hervorgeht, sei auch für sie, ihre Welt und ihre Sprache genug Platz.

Angst vor Europa

Wenn wir Angst bekommen vor Menschen, die zu uns kommen, ist es nicht die Angst vor diesen Menschen, ihren Welten und Sprachen. Es ist die Angst vor Europa. Es ist die Angst vor der Übersetzung als der einen und einzigen Sprache Europas. Die Angst vor unserer eigenen Stärke. Die Angst gebiert die Idee zu einem Imperium, das wie alle Imperien monolithisch wäre und im Namen einer Welt, einer Sprache und eines Führers alle anderen Imperien besiegte.

Die Angst vor Europa gebiert Ideen, Ausländer zu deportieren. Zuerst die sogenannten illegalen Migranten und dann alle anderen. Um Ausländer effizient zu deportieren, müssen zunächst Deportationslager eröffnet werden. Damit diese Deportationslager sich selbst tragen, könnten wir sie in Arbeitslager verwandeln. Und aus Arbeitslagern werden nur allzu schnell Todeslager. So wie aus dem Problem illegaler Migranten nur allzu schnell das Problem sämtlicher Menschen wird, deren Sprache wir nicht verstehen und deren Welt uns fremd ist.

Deswegen ist es wichtig zu wissen, dass es eine europäische Welt gibt, in deren Sprache das Wissen eingeschrieben ist, warum in jedem Dorf vor jeder Haustür ein Dutzend Paar alter Schuhe steht.

Geografisch wird Europa von drei Meeren begrenzt: Nordsee, Atlantik und Mittelmeer. Europa ist allerdings keine Insel. An die vierte Seite der Welt grenzt kein Meer. Auch das ist ein Teil, und zwar ein besonders wichtiger Teil der Angst Europas vor sich selbst.

An der Ostseite der Welt lässt sich keine Grenze Europas ziehen.

Richtung Osten ist Europa wie eine offene Erzählung, wie wenn der Tonarm am Ende einer Schallplatte festhängt, wie eine kindgerecht aufbereitete Präsentation der unendlichen Weiten des Alls oder wie ein aufgeschlitzter Bauch, der sich nicht mehr zusammenflicken lässt … Europa fürchtet sich vor seinem Osten, Europa fürchtet sich vor Osteuropa und vor allem, was danach kommt.

Die Angst vor dem Osten lässt sich unmöglich durch das Ziehen von Grenzen, echten oder provisorischen, beseitigen oder aufheben. Denn egal wo die Grenze gezogen wird, dahinter bleibt immer ein Stück Europa übrig, mit dem Europa nichts anfangen kann. Oder ein Stück Europa, das nicht Europa sein will …

Die Angst vor dem Osten lässt sich nur beseitigen, wenn wir eine Tatsache begreifen: Europa wird nicht von seinen geografischen Grenzen definiert. Europa ist kein definiertes, eindeutig abgegrenztes Territorium. Europa ist die Vielzahl der Welten, die sich der Vielzahl seiner Sprachen verdankt.

Europa dehnt sich innerhalb, nicht außerhalb seiner selbst aus, Europa ist keine Besatzungsmacht, und es ist nicht kolonialistisch. Von drei Seiten von Meeren umschlossen, zerfließt es an der vierten wie Aquarellfarbe; Europa hat keinen anderen Feind als sich selbst.

Wer es von außen zerstören will, will sich gleichzeitig ein eigenes Instant-Europa aufbauen und erschaffen, ein Europa, das sich vom echten Europa durch das gänzliche Fehlen von Europäern unterscheiden würde, weil Europäer die Dinge so unerträglich kompliziert machen.

Ein Kontinent voll Zuckerwerk

Der markanteste Gegner Europas würde den Kontinent liebend gern vernichten, aber er träumt gleichzeitig vom Friedensnobelpreis. Doch der Nobelpreis ist, wie wir wissen, das leckerste Zuckerwerk der Moderne und so europäisch wie wenig anderes. Europa hat der Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten so viel Zuckerwerk geschenkt, dass wir den Kontinent zum Tröster der Kinder und der emotional Instabilen erklären dürfen.

Wir täten gut daran, Europa von der Angst zu befreien, sonst bringt die europäische Angst einmal mehr großes Unheil hervor. Seit der Zeit, als ein berühmter Genuese auf der Suche nach Gewürzen in die falsche Richtung segelte und Amerika entdeckte oder, noch länger zurück, seit der Zeit, als aus dem Osten die Pest nach Europa kam, erwuchs noch jedes große Unheil für unsere Zivilisation aus der europäischen Angst.

Heute kann uns nur eins retten: Wir dürfen keine Angst haben. Retten kann uns nur die Einsicht, dass die unerträgliche Attraktivität Europas von der Übersetzung lebt, von der Übersetzung und der Fähigkeit, das zu verstehen, was sich nicht übersetzen lässt, eine Fähigkeit, die aus der Vielfalt europäischer Welten erwächst.

Also warum steht mindestens ein Dutzend Paar alter Schuhe vor der Tür eines Hauses, in dem nur drei Menschen wohnen? Schuhe, die an der Ferse heruntergetreten sind, damit man wie in Pantoffel hineinschlüpfen kann, und die nur für kurze Gänge über den Hof oder durch den Garten getragen werden. Nie für weiter weg. Die aber, so die Überzeugung unserer Leute, zu schade zum Wegwerfen sind.

In diesen Schuhen stecken die Erfahrungen meiner Welt. In ihnen steckt unsere kleine private Geschichte, für die wir Europa dankbar sein können. Dem Europa in uns, und dem Europa um uns herum. In diesen Schuhen, die in meinem Land in jedem Dorf vor jeder Haustür stehen, steckt auch die närrische Hoffnung, es möchten neue daraus werden. Die Hoffnung, dass aus Altem Neues werde, nennt man Tradition, europäische Tradition.

Und es muss mindestens ein Dutzend sein, auch wenn nur drei Menschen im Haus wohnen, denn Auswahl ist wichtig. Ohne Wahlmöglichkeit gibt es weder menschliche Freiheit noch Demokratie. Freiheit ist nicht nur das Recht auf Wahlmöglichkeiten bei lebensnotwendigen Gütern. Freiheit ist das Recht auf Wahlmöglichkeiten bei Dingen, die andere für unwichtig halten.

Das Dutzend Paar alter Schuhe in jedem Dorf vor jeder Haustür in dem Land, in dem ich geboren bin, ist Europa. Das ganze Europa.

Danke Ihnen, dass Sie für mich Verständnis haben, auch wenn Sie mich nicht verstanden haben.

Danke Ihnen fürs Kümmern um alle anderen.

Aus dem Kroatischen übersetzt von Brigitte Döbert

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