Pogacar gewinnt Mailand-Sanremo nach einem Sturz: Jetzt kann er auch noch sprinten – Sport | ABC-Z

Die Rennradkluft klebte teils zerfetzt an seinem Körper, als hätte ihn eine Horde Höllenhunde angefallen. Die durchlöcherte Regenbogen-Hose gab den Blick frei auf Striemen und Wunden. Der Radweltmeister trug nach seinem Sturz 33 Kilometer vor dem Ziel die markantesten Spuren dieses Tages in Ligurien davon. Kaum mehr auf den Beinen halten konnte sich dieser Mann, als er von seiner Rennmaschine stieg, angekommen in einem Ort an der italienischen Riviera, ausgestattet mit einer beachtlichen Kathedrale, wo bis zu zwölf Glocken im Turm läuten. Tadej Pogacar konnte dem Himmel danken, dass dieser Tag für ihn nicht im Krankenhaus geendet, sondern er als Sieger in Sanremo angekommen war.
175 Fahrer waren an diesem Samstagmorgen in Mailand gestartet, fast sieben Stunden raste das Feld durch Norditalien. Im finalen Sprint ereignete sich ein denkbar knappes Duell – und Pogacar entschied dieses Rennen nach 298 gefahrenen Kilometern um eine halbe Reifenlänge vor dem Briten Thomas Pidcock für sich. In den Sekunden nach der Zielankunft, da sah man Pogacar auch in den Fernsehbildern nicht nur an, dass er das ein oder andere Pflaster benötigen wird. Aus diesem Gesicht sprach, was ihm dieser Sieg bedeutete.
:Der umstrittene Chefpfleger ist wieder da
Zur Tour de France 2025 rückte ein Betreuer des Radrennstalls Ineos wegen früherer Kontakte zum Chef eines Blutdopingringes in den Fokus. Bis heute ermittelt die zuständige Anti-Doping-Einheit – doch das Team tut so, als wäre das Thema abgehakt.
Man kennt das von der Tour de France, wo Pogacar inzwischen 21 Etappen- und vier Gesamtsiege gesammelt hat. Der 27-Jährige streckt dann bei der Siegerehrung stets artig das Blumenbündel in die Luft, beantwortet nicht minder artig Pressefragen, ehe er sich schleunigst zurückzieht. An diesem Samstag in Sanremo machte das alles mehr den Eindruck wie nach dem Tour-Finale in Paris. Gezeichnet, aber gelöst und auch erlöst drückte er seine Lebensgefährtin an sich, und eigentlich alle, die da in der Gratulanten-Traube versammelt waren, darunter sein Teamchef Mauro Gianetti, der sagte: „Endlich haben wir es geschafft, es ist so groß, so speziell.“
Auf der sportlichen Landkarte des Tadej Pogacar war dieser Frühjahrsklassiker einer der letzten weißen Flecken. Oft befahren, aber nie gewonnen hatte er die Straßen und Wege, die Anstiege und Abfahrten hier, von seinem Haus in Monaco aus begibt er sich nicht selten in diese Radfahrerregion. Unzählige Male ist er die Schlüsselstelle zum Ort Cipressa hinaufgespurtet, aber wenn es drauf ankam, waren andere immer besser.
Im Rennen der Frauen stürzt die Italienerin Debora Silvestri in der Abfahrt über eine Leitplanke mehrere Meter in die Tiefe
„La Primavera“, die Fahrt in den Frühling, das erste Monument des Radsportjahres, und das längste von allen: Leicht zu beenden, schwer zu gewinnen, so sagt man. Also vergleichsweise leicht, weil die Anstiege nicht so lang und steil sind wie andernorts, weil einen keine Kopfsteinpflaster durchrütteln und die Kraft der Sonne im März sich noch nachgiebig zeigt. Gerade für Berg- und Ausdauerspezialisten, also Athleten, die für die großen Rundfahrten und Gebirgstouren wie gemacht sind, stellt sich Mailand – Sanremo verlässlich als äußerst knifflig dar. So war es auch bei dieser 117. Auflage.
Nach nur zwei gefahrenen Rennkilometern wurden die Fahrer fehlgeleitet, der Wagen der Jury und die Begleitmotorräder bogen in einem Kreisverkehr falsch ab und erzeugten Verwirrung in einem delikaten Moment, weil soeben eine Ausreißergruppe zum Fluchtversuch angesetzt hatte. Das Malheur blieb folgenlos, anders als zuvor im Rennen der Frauen (Siegerin Lotte Kopecky aus Belgien), als die Italienerin Debora Silvestri auf der Cipressa-Abfahrt über die Leitplanke mehrere Meter in die Tiefe auf den Asphalt stürzte. Ihr Team Laboral Kutxa teilte später mit, dass sie in stabilem Zustand und auf dem Weg ins Krankenhaus sei.

Bei den Männern entwickelte sich Stunden später das Rennen zu einem Krimi aus Schweiß und Schmerz. Den ersten Tiefschlag musste Pogacar früh verkraften, als sein Helfer Jan Christen aus der Schweiz stürzte und aufgab, ehe auf den ersten 200 Kilometern hinunter ans Mittelmeer vorübergehende Ruhe einkehrte. Eine Fluchtgruppe war entwichen, doch die Teams der Favoriten hielten sich bei der Jagd über Stunden zurück, als wüssten sie, dass hier seit Claudio Chiappucci 1991 kein Flüchtiger mehr gewonnen hatte.
Mit der Anfahrt zur 240 Meter über Seegrund gelegenen Gemeinde Cipressa änderte sich die Statik dieses Radrennens. Pogacars UAE-Team erhöhte die Geschwindigkeit an der Spitze des Feldes, ehe der Mannschaftskapitän aus einer Linkskurve rutschte und mit Schürfwunden und Rissen in der Hose zurück aufs Rad kletterte. „Als ich gestürzt bin, dachte ich, es ist alles vorbei“, sagte Pogacar später. „Dann sah ich mein Team, Florian (Vermeersch) und Felix (Großschartner), sie taten alles dafür, mich zurück an die Feldspitze zu bringen. Sie gaben mir Hoffnung zurück.“

An der Cipressa hatte letztmals 1996 ein Angriff Erfolg, Pogacar wagte es nach dem Anschluss ans Hauptfeld dennoch – und nur Pidcock und der ebenfalls gestürzte Vorjahressieger Mathieu van der Poel aus den Niederlanden konnten ihm folgen. Das Trio fuhr geschlossen zum letzten Anstieg Poggio, dort attackierte Pogacar abermals, schüttelte dieses Mal den schwächelnden van der Poel ab. Wären im Zielsprint noch 30 Meter mehr zu bewältigen gewesen, wahrscheinlich wäre der Brite Pidcock noch am Straßenweltmeister vorbeigezogen. „Tom ist ein wirklich spritziger schneller Kerl, er wirkte sehr gut in Form“, sagte Pogacar. „Ich hatte ein bisschen Sorge, als er mich im Sprint vorließ. Am Ende war ich überrascht, dass ich ihn bezwingen konnte.“
Jetzt kann er also auch noch sprinten. Das ist die bedrohliche Nachricht für die Radsportwelt, zu der auch der Belgier Wout van Aert zählt, ein traditioneller Primavera-Spezialist, der im Sprint um Rang drei am schnellsten war. Profis aus Deutschland, auch das hat fast schon Tradition hier, hatten mit der Entscheidung nichts zu tun.
Von fünf sogenannten Monumenten ist im Radsport die Rede: Für Pogacar war es nach zwei Siegen bei der Flandern-Rundfahrt, drei Erfolgen bei Lüttich – Bastogne – Lüttich und fünf bei der Lombardei-Rundfahrt nun der elfte Triumph in dieser Kategorie. Am 12. April wird er beim Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris – Roubaix antreten: dem fünften Monument – und seit Samstag der letzte weiße Fleck auf der Landkarte des Tadej Pogacar.





















