Kultur

„Pillion“-Regisseur Harry Lighton: „Den Sex nicht anders behandeln als die Dialoge“ | ABC-Z

Nach zahlreichen Kurzfilmen legt der britische Regisseur Harry Lighton sein Langfilmdebüt „Pillion“ vor und erzählt darin eine der ungewöhnlichsten Beziehungsgeschichten, die es in jüngster Zeit auf der Leinwand zu sehen gab. Über die Arbeit an der preisgekrönten Adaption von Adam Mars-Jones’ Roman „Box Hill“, in der „Harry Potter“-Darsteller Harry Melling und Emmy-Gewinner Alexander Skarsgård die Hauptrollen spielen, sprachen wir mit dem 33-Jährigen im Interview.

taz: Mr Lighton, in Ihrem Film „Pillion“ geht es um die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen dem schüchternen, noch bei seinen Eltern lebenden Colin und dem sehr bestimmend und gern in Motorradkluft auftretenden Ray. Wie vertraut waren Sie mit der Welt von BDSM, wo es um Dominanz und Unterwerfung oder Sadomasochismus geht?

Lighton: Ich sage es mal so: Den einen oder anderen Einblick hatte ich über die Jahre in diese Welt gewinnen können. Ohne dass ich behaupten könnte, dort wirklich zu Hause zu sein. Insgesamt war ich immer schon interessiert an allem, was man vielleicht als Transgressivität in Sachen Sexualität bezeichnen könnte. An allem, was sich jenseits der etablierten Norm bewegt. Darum ging es auch in vielen meiner Kurzfilme. Was bei „Pillion“ nun allerdings wirklich einen großen Raum einnahm, sowohl beim Schreiben als auch in der Arbeit mit den Schauspielern, war Recherche gerade mit Blick auf diese Biker- und Lederkultur. Diesbezüglich war ich einigermaßen ahnungslos.



Bild:
Chris Harris

Im Interview: Harry Lighton

Harry Lighton wurde 1992 in Portsmouth geboren. Er war Co-Autor und Regisseur des Kurzfilms „Wren Boys“, der 2018 für den BAFTA Award als bester britischer Kurzfilm nominiert wurde. Lighton arbeitet unter anderem als Drehbuchautor und Regieassistent.

taz: Es war also weniger ein persönlicher Bezug, der Ihr Interesse weckte, als der Roman „Box Hill“ von Adam Mars-Jones auf Ihrem Tisch landete?

Lighton: Nein, und ich kannte das Buch auch nicht. Aber ich war schon eine Weile auf der Suche nach einer Geschichte, die thematisch grob in diese Richtung ging: über eine irgendwie unschuldige, unbedarfte Person, die eine Art persönliche, aus der Sexualität erwachsende Revolution durchmacht. Also dezidiert etwas anderes als eine herkömmliche queere Coming-of-Age-Geschichte. Als mir Eva Yates von BBC Film dann „Box Hill“ empfahl, wurde ich dort fündig. Und war fast noch mehr als von der Geschichte von ihrem Tonfall begeistert.

Der Film

„Pillion“. Regie: Harry Lighton. Mit Alexander Skarsgård, Harry Melling u.a. Vereinigtes Königreich 2025, 106 Min.

taz: Wie würden Sie den beschreiben?

Lighton: Ich fand es sehr außergewöhnlich und aufregend, dass ich innerhalb weniger Seiten lachen musste und zum Nachdenken angeregt wurde, emotional richtig bewegt und gleichzeitig sexuell erregt war. Das muss man erst einmal schaffen. Zu versuchen, diese Gefühlsbandbreite so verdichtet auch in einem Film zu transportieren, war eine Herausforderung, der ich mich unbedingt stellen wollte.

taz: Welches dieser Elemente war am schwierigsten im Film umzusetzen?

Ich war mir relativ sicher, dass es nicht schwer sein würde, die Geschichte geil und sexy zu machen

Lighton: Ich war mir relativ sicher, dass es nicht schwer sein würde, die Geschichte geil und sexy zu machen. Beim Humor musste ich einfach genau hinsehen und dafür sorgen, dass es nie so wirkt, als würden wir uns über die Figuren oder diese Community lustig machen. Aber die größte Herausforderung war es definitiv hinzubekommen, ein Publikum, das mit dieser Welt so gar keine Berührungspunkte hat und ihr womöglich mit Irritation begegnet, wirklich emotional zu erreichen und zu berühren.

taz: Womit wir wieder bei der Recherche sind, denn Sie ließen sich für größtmögliche Authentizität vom Gay Bikers Motorcycle Club beraten, dem größten LGBTQ-Motorrad-Club Europas …

Lighton: Ja, ich war mit einer Gruppe des Vereins ein paar Mal am Wochenende auf Tour. Aber ich habe auch mit verschiedenen Paaren gesprochen, die in ihrer Beziehung unterschiedliche Formen von Machtgefüge ausleben. Diese Form der Recherche hat mich mehrere Monate beschäftigt, bevor ich mich beim Schreiben dann auf meine Instinkte als Geschichtenerzähler verlassen habe. Wobei es auch hilfreich war, dass viele der Gay Bikers auch beim Dreh von „Pillion“ als Statisten dabei waren. Mir war es wichtig, dass sie ihre Subkultur wirklich adäquat auf der Leinwand repräsentiert sahen. Ich habe gern auf ihren Rat gehört, sei es, wenn es darum ging, wie genau die Subs bei einer Orgie ihre Hände hinter dem Rücken verschränken oder welches Gleitgel sie präferieren. Als ich kürzlich den Film bei der Mid-Atlantic Leather, einem der weltweit größten Treffen der Leder- und Kink-Community, präsentierte, wurde ich danach von vielen Männern gefragt, woher ich all diese Details über ihre Szene wissen würde. Da habe ich mich doch ein wenig bestätigt gefühlt.

taz: Zwischen Biker-Conventions und der Weltpremiere beim Filmfestival von Cannes haben Sie „Pillion“ rund ein Jahr lang an den verschiedensten Orten gezeigt. Welches Publikum war das anspruchsvollste?

Lighton: Puh, gute Frage. Am meisten Bammel hatte ich beim Filmfestival in Telluride vergangenen Sommer. Das ist eine prestigeträchtige, in der Branche sehr wichtige Veranstaltung im US-Bundesstaat Colorado, wo das Publikum eher konservativ ist. Oder zumindest im Durchschnitt eher wohlhabend, weiß, heterosexuell und nicht sonderlich jung. Bei keinem Screening war ich nervöser als bei der Premiere dort. Als dann während des Films viel gelacht und teilweise mit lauten Zwischenrufen und anderen emotionalen Ausbrüchen reagiert wurde, bekam ich erstmals ein Gefühl dafür, dass der Film auch jenseits eines queeren Zielpublikums funktioniert. Wobei ich niemals damit gerechnet hätte, dass selbst meine Mutter mehrmals mit Freundinnen ins Kino gehen und sich bestens unterhalten fühlen würde.

taz: Letzteres dürfte auch damit zu tun haben, dass Sie nicht nur den Humor und das Setting der Romanvorlage verändert haben. Auch eine Szene des Buches, die recht eindeutig als Vergewaltigung zu lesen ist, kommt in „Pillion“ so nun nicht mehr vor. Aus Angst vor Kontroversen?

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Lighton: Die Art und Weise, wie der erste penetrative Sex der beiden Männer im Roman beschrieben wird, macht Ray ganz ohne Frage zum Täter. Das wirft natürlich einen Schatten auf die gesamte Beziehung zwischen ihm und Colin. Ich war allerdings mehr daran interessiert, die Geschichte der beiden mit Elementen der romantischen Komödie zu erzählen. Mir war es wichtig, dass die sexuelle Dynamik zwischen den beiden eine einvernehmliche ist – und sich das Publikum angesichts von Rays Machtspielen und Manipulationen trotzdem fragt, ob er nun eigentlich ein netter Kerl oder doch böse ist und hier ein Fall von emotionaler Ausbeutung vorliegt. Diese Grauzone fand ich reizvoller als die ziemlich unmissverständliche Färbung des Romans.

taz: Insgesamt ist Sex ein wichtiger Faktor in dieser Geschichte, was heutzutage im Kino gar nicht mehr so häufig der Fall ist. Warum war es Ihnen so wichtig, Sexszenen nicht nur anzudeuten, sondern ziemlich explizit zu zeigen?

Mir war es wichtig, den Sex nicht anders zu behandeln als die Dialoge

Lighton: Ich finde es ziemlich bedauerlich, wie in den meisten Filmen und Serien nur noch eine Art Stenografie für Sex und Sexyness angewandt wird. Da sieht man dann zwar das Vorspiel und die Hinleitung, und dann gibt es bestenfalls noch zwei Silhouetten im Dämmerlicht und ineinandergreifende Hände in Großaufnahme zu sehen. Mir dagegen war es wichtig, den Sex nicht anders zu behandeln als die Dialoge. Beides sollte wahrhaftig und ehrlich wirken, nicht bloß irgendetwas behaupten und dem Publikum die Chance geben, sich ein eigenes Bild zu machen. Ich wollte den Raum haben, nicht nur die Innigkeit beim Sex und den Orgasmus zu zeigen, sondern eben auch Unbeholfenheit, Verunsicherung und alles andere, was dazugehören kann. Damit konnte ich die Idee von Kink und Fetisch für das Publikum aus dem Bereich der Fantasie holen und zu etwas Realem und Nachvollziehbarem machen.

taz: Gab es Diskussionen mit den Produzent*innen, wie weit Sie gehen durften?

Lighton: Ich habe von Anfang an darauf gepocht, dass „Pillion“ keine zahme, prüde Adaption werden darf und wir ganz unverblümt mit dem Thema Sex umgehen müssen. Da waren wir uns zum Glück alle einig. Den Sex auszublenden hätte ja gewirkt, als würden wir uns dafür schämen oder genau das verurteilen, wovon wir eigentlich erzählen. Die einzigen Diskussionen, die es also gab, waren solche darüber, wie oft und wie lange man zum Beispiel einen erigierten Penis zeigen kann, bevor aus dem Film etwas wird, das in einem gewöhnlichen Kino nicht mehr gezeigt werden darf.

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