Pflege der Eltern: Wie sich zwei Geschwisterpaare die Carearbeit aufteilen |ABC-Z

Wir ergänzen uns
Wenn sich zwei Menschen in ihren Eigenschaften, Talenten und Lebensumständen ergänzen, ist das fast immer eine gewinnbringende Konstellation. Trotz dieser wenig überraschenden Erkenntnis erlebe ich nun mit etwas Überraschung, wie gut das bei meinem Bruder und mir in der Fürsorge um unsere Mutter funktioniert. Von Pflege ist bei ihr noch lange keine Rede, doch bei manchen Dingen des Alltags benötigt sie mittlerweile Unterstützung.
Unsere Konstellation wäre geeignet, die Klischees über das ungleich verteilte Kümmer-Gen von Töchtern und Söhnen zu reproduzieren. Hier die Tochter mit einem Job, der sie nicht allzu oft aus dem Rhein-Main-Gebiet trägt, eine halbe Autostunde entfernt vom Haus der Mutter. Da der Sohn, der meist nur für ein paar Tage im Monat auf Stippvisite in Frankfurt ist und sein Elternhaus über 30 Jahre hinweg eher selten zu Gesicht bekommen hat. Jedoch: In der jetzigen Situation passen unsere unterschiedlichen Lebensmodelle und Herangehensweisen perfekt zueinander. Ich bin die Kontinuierliche, die einmal pro Woche auftaucht; zugegebenermaßen nicht immer ganz freiwillig, aber dem eigenen Gewissen untertan, das mich plagt, wenn ich Besuche ausfallen lasse. Ich erledige Überweisungen, hänge Weihnachtsdeko auf, rufe den Handwerker an, wenn die Heizung mal wieder streikt. Das sind ein paar Stunden am Stück vor Ort plus zwei Anrufe pro Woche – ein Programm, das so für mich und meine Mutter passt.
Mein Bruder hingegen taucht seltener auf, nun aber, wo auch er ein paar Aufgaben obligatorisch übernommen hat, bleibt er auch mal zwei oder auch drei Tage am Stück. Tagsüber werkelt er in Garten und Keller, zwischendurch verfrachtet er Wasserkästen ins Auto. Abends bekocht er unsere Mutter und befeuert den Kamin. Das beschert ihr schöne Auszeiten von ihrem Alltag. Und auch er genießt die Zeit, die er mit ihr in dem Zuhause verbringt, in dem wir aufgewachsen sind.
So geben wir beide, was wir individuell leisten können, ergänzen uns darin – und versorgen unsere Mutter in einem Maße, mit dem wir alle gut leben können. Eben eine gewinnbringende Konstellation.
Anfangs war es schwierig
Als meine Eltern in Rente gingen, zogen sie zu mir in die gleiche Stadt. Davon habe ich profitiert, weil sie einmal in der Woche auf meine Kinder aufgepasst haben. Deshalb war es für mich auch selbstverständlich, dass ich mich später um sie kümmere, wenn sie selbst Unterstützung brauchen. Meine Schwester lebt 500 Kilometer entfernt und kam dementsprechend seltener zu Besuch.
Schwierig wurde diese Konstellation, als mein Vater chronisch krank und zunehmend pflegebedürftig wurde. Ich musste Dinge regeln und meine Mutter im Alltag unterstützen, weil es für sie auch mental schwierig wurde. In dieser Zeit fühlte ich mich von meiner Schwester alleingelassen. Ich bat sie, wenigstens einmal in der Woche mit meiner Mutter zu telefonieren, was sie nicht zuverlässig einhielt. Ich denke, gerade weil sie den Alltag meiner Eltern nicht erlebte, war sie auch emotional weit weg und erkannte nicht, was ich auffangen musste. Als sie einmal zu Besuch war und es Streit gab, verabschiedete sie sich mit den Worten: „Was für ein Glück, dass ich bald wieder weg bin.“ Ich aber blieb mit den Konflikten zurück.
Ihre Einstellung änderte sich, als sich die gesundheitliche Situation meines Vaters dramatisch verschlechterte und wir alle wussten, dass er nicht mehr lange leben würde. Fortan kam sie regelmäßig alle paar Wochen, wohnte bei mir und arbeitete von hier aus im Homeoffice. In dieser Zeit besuchte sie täglich meine Eltern und saß oft stundenlang am Krankenbett meines Vaters, während ich mich in dieser Zeit rauszog. Es wurde eine sehr intensive Zeit, wir haben damals viel besprochen und gemeinsam getrauert, als mein Vater schließlich starb. Auch heute, knapp drei Jahre später, kommt sie regelmäßig und verbringt dann viele Stunden mit meiner Mutter, während ich diejenige bin, die ihr ein- bis zweimal in der Woche im Alltag zur Hand geht. Für mich ist das jetzt eine gute Konstellation.





















