Kultur

Performance über reale trans Künstlerin: Die Sonne, die nicht scheinen durfte | ABC-Z

Auf angenehm zurückhaltende Art spricht dieser Abend eine Einladung aus: Die Einladung sich einzulassen auf die Lebensrealitäten von trans und non-binärer Queerness. Also ist die Distanz zwischen Zuschauer- und Bühnenraum aufgehoben, die Tribüne abgehängt. Das Publikum wandelt ungelenkt durch die schäbig-schicke Kargheit von Halle 1 der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel.

Hier bringt Cho­reo­gra­f:in Re­né*e Reith „Tänze fast vergessener Geister“ zur Uraufführung. Im Juni folgen Gastspiele am Berliner Ballhaus Ost sowie dem Pathos Theater München. Alles Teil von Reiths künstlerisch-wissenschaftlichem Promotionsprojekt an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien.

Es werden keine Rollen gespielt

Düster dräuende Klänge wabern durch den Saal, hineingemixt sind kaum verständliche Textbrocken, Formulierungen wie „Körper voller Leidenschaft“ funkeln heraus. Vier Künst­le­r:in­nen mischen sich unters Publikum und setzen auf einen inzwischen klassischen Performance-Trick: Sie spielen keine Rollen, sondern entwickeln in individuellen Kostümen ihre fluiden Identitätsentwürfe. Aus persönlichen Perspektiven soll sich die Dringlichkeit der ganzen Aufführung vermitteln.

Anfangs durchschreitet Tubi Malcharzi forsch das Terrain. Alexander Hahne krampft am Boden, entfaltet seinen Körper. Heinrich Horwitz verteilt Reiskörner. Und Géraldine Schabraque schlendert lässig herum, atmet schwer ins Mikrofon, steigert sich in ein Hecheln, das von zunehmend satteren Grooves getragen wird. Bald feiern alle mit gen Himmel strebenden Gesten, strecken sehnsuchtsvoll die Hände aus, werfen einander Küsse zu.

Immer wieder sinken sie zu Boden und stehen wieder auf. Drehen sich weiter um sich selbst und ineinander. Finden „wild entgrenzt und eng umschlungen“, wie es später heißt, zu einem lustvoll-intimen Miteinander. Während den Gästen zur Gemütlichkeitssteigerung einige Stühle, Sitzkissen und -säcke angeboten werden.

Eine exemplarische Biografie

Jetzt kommt Liddy Bacroff ins Spiel – als exemplarische Geschichte eines Menschen, der das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht ändert und dies selbstbewusst lebt. Als Sexarbeiterin und in Nachtclubs verdiente die Wahlhamburgerin in der durchaus liberalen Weimarer Republik ihren Lebensunterhalt, wurde aber mehrmals wegen homosexueller Handlungen zu kurzen Haftstrafen verurteilt.

In der Hansestadt ist Bacroffs Biografie halbwegs präsent, auch dank des Stolpersteins vor ihrer ehemaligen Wohnung im Stadtteil St. Pauli. Vielleicht deswegen wird sie nun auch nicht im historischen Kontext für die Bühne nachvollziehbar rekonstruiert. Verweise finden sich nur in einigen Zitaten aus Texten, die Bacroff im Gefängnis schrieb. Darin geht es immer wieder berauscht auf die Tanzflächen von damals „Transvestitenbars“ genannten Etablissements: „Will flirten, toben, schmeicheln! Lasst mich – ich bin Liddy.“

Das Stück

Tänze fast vergessener Geister. Eine zeitgenössische Tanzperformance von Re­né*e Reith. Bis 14. 3., Hamburg, Kampnagel.

Gastspiele im Ballhaus Ost Berlin und im Pathos Theater Münche: Juni 2026

Was das nicht supertoll tanzende Performance-Quartett zu aufputschenden Beats sowie Nebelzuspielungen illustriert mit stolzem Posieren, mit Selbstdarstellungs-, Selbstentäußerungs-, Selbstumarmungschoreografien. Vom „Morphium, [dem] süßeste[n] aller Laster“, geht die Rede, von Geilheit, von Erinnerungen an Berührungen, die sich wie ein feuchter Film auf das Geschehen legen.

Géraldine Schabraque stimmt dazu in herrlich gehauchter Intonation die Pride-Hymne der 1920er Jahre an, „Das lila Lied“: „Doch bald gebt acht, es wird über Nacht auch unsre Sonne scheinen. Dann haben wir das gleiche Recht erstritten, wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten.“

Verfolgt und ermordet

Wozu es leider in Wirklichkeit nicht kam: Die nationalsozialistische Pathologisierung und Verfolgung sexueller Minderheiten überlebte auch Bacroff nicht. Erstarrt erinnern die Per­for­me­r:in­nen an einen Tag im Jahr 1938, an dem sie als Mann in Frauenkleidern denunziert wurde, der mit einem Freier in einer Bar sitze.

„Gewerbsmäßige widernatürliche Unzucht“, lautete das Urteil, vom „Sittenverderber schlimmster Art“ war die Rede. Bacroff saß erst im Gefängnis Bremen-Oslebshausen ein, kam dann in eine Rendsburger Anstalt zur „Sicherungsverwahrung“ und wurde 1943 im KZ Mauthausen ermordet.

Am Ende bilden die Per­for­me­r:in­nen mit dem Publikum einen Kreis und erzählen leise ihre eigene Gender-Geschichte. Sanft schwindet das Licht. Künst­le­r:in­nen und Zu­schaue­r:in­nen scheinen sich nähergekommen zu sein. So erweist sich die Inszenierung als zarte Bitte: Nehmt trans Personen so wahr, „wie wir sind“ – als die nämlich, „die wir schon immer waren“.

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