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Oxford vs. Cambridge: Wie deutsche Ruderin Galland Spitzensport und Elite-Universität managt | ABC-Z

Bei der legendärsten Ruderregatta der Welt sind vier Deutsche dabei: Oxford gegen Cambridge, das Achter-Duell der Elite-Universitäten. Antonia Galland erzählt, wie sie ins Boot kam und wie die Spitzenuni beim Sport hilft.

Hunderttausende werden am Samstag an die Themse pilgern, Millionen sich vor den Bildschirmen versammeln: Oxford gegen Cambridge, das Duell der Achterboote der beiden englischen Eliteuniversitäten, fasziniert und elektrisiert seit jeher die Massen. Legendär, prestigeträchtig und traditionsreich. Bereits seit 1829 messen sich die beiden Spitzenuniversitäten in diesem „Boat Race“ auf der Themse, 6,8 Kilometer zwischen Putney und Mortlake.

Am Samstag treffen die Frauen- und Männer-Achter beider Universitäten wieder aufeinander. Bemerkenswert: In den sogenannten Blue Boats starten vier Deutsche. Bei den Männern sitzt Freddy Breuer von der Bonner RG auf der Schlüsselposition des Schlagmanns. Cambridge hat den vierten Sieg in Serie im Blick. Der Frauen-Achter von Cambridge ist sogar seit 2017 unbesiegt. Oxford will die Serie brechen – unter anderem mit der Olympia-Dritten von 2024 und Ex-Weltmeisterin Heidi Long.

Ein besonderer Aspekt beim Duell der Frauen-Achter ist das Schwestern-Duell zwischen den Deutschen Lilli (Oxford) und Mia Freischem (Cambridge), die erst spät in England mit dem Rudern begonnen haben. „Der Weg der zwei Athletinnen führte dabei nicht über ein klassisches nationales Fördersystem, sondern über das britische Universitätssystem“, heißt es auf rudern.de, der Webseite des Deutschen Ruderverbandes.

Anders bei Antonia Galland. Die sportliche Heimat der 23-Jährigen ist der Ruderklub am Baldeneysee. Nach ihrem Bachelor-Studium in den USA wurde sie im vergangenen Jahr für ihren Master in Economics, Stadt- und Raumplanung in Cambridge aufgenommen. Ihr größter Erfolg bisher: Platz acht bei der U23-WM mit dem deutschen Frauen-Achter.

Das „Boat Race“ wird am Samstag von 13.30 bis 16.30 Uhr auf Channel 4 und Channel 4 Streaming übertragen. Mathilda Kitzmann ist erste Nachrückerin im Cambridge-Boot. Als Mitglied des Leichtgewichts-Achters von Cambridge ist der Deutsche Nikita Mohr bereits am Freitag auf der Themse.

WELT: Frau Galland, dieses Rennen ist mehr als ein Wettkampf, es ist ein Mythos. Was bedeutet Ihnen das „Boat Race“?

Antonia Galland: Es hat einfach einen immens großen Namen in der Ruderwelt. Für mich geht mit der Teilnahme ein großer Traum in Erfüllung. Schon andere Sportler aus meinem Verein hatten es geschafft, dort mitfahren zu dürfen. Deshalb und weil dieses Rennen so legendär und bekannt ist, hatte ich immer schon den Wunsch, eines Tages ein Teil davon zu sein. Eigentlich wollte ich bereits für mein erstes Studium, für den Bachelor, nach England gehen, habe mich dann aber für die USA entschieden. Ich hatte Cambridge und das Boat Race aber weiterhin immer im Hinterkopf.

WELT: Das heißt, Sie haben sich wegen dieses Rennens für den Masterstudiengang in Cambridge beworben? Um eine Chance zu haben, für den Frauen-Achter nominiert zu werden?

Galland: Das war auf jeden Fall ein großer Teil meiner Motivation, mich hier zu bewerben. Ich wollte Teil dieser Ruder-Geschichte sein und Cambridge repräsentieren. Ich habe mich dann für meinen Master beworben und gar nicht so sehr damit gerechnet, dass ich erstens angenommen werde und zweitens nun tatsächlich in diesem Achter sitze. Manchmal kann ich es gar nicht fassen, dass ich jetzt hier sitze. Und je mehr ich an das Rennen denke, desto nervöser werde ich.

WELT: Werden Sie Unterstützung aus der Heimat haben?

Galland: Bei meinem Verein, dem Ruderklub am Baldeneysee, wird es ein Public Viewing geben. Und meine Eltern sowie meine beiden Brüder sind gerade vor Ort in England. Ich bin wirklich sehr froh, dass meine Familie mich bei meinem Studium und dem Sport so sehr unterstützt. Ohne sie wäre es so nicht möglich. Deswegen freue ich mich sehr, dass sie am Samstag dabei sind. Es gab viele Abende, an denen ich sie angerufen habe und nicht mehr wusste, ob ich das alles schaffe. In solchen Momenten ist es schön zu hören: „Ja, das packst du!“

WELT: Wie genau werden die acht Athletinnen ausgewählt? Und spielt auch die Studienleistung eine Rolle?

Galland: Die Studienleistung ist nur wichtig, um in die Uni hineinzukommen. Der Club ist dann separat von der Uni und kann überhaupt nicht mitreden, wer an der Uni angenommen wird. Ich habe das Rudern in meiner Bewerbung auch nur am Rande erwähnt. Viele Leute meinen auch, dass es kein Pluspunkt sei, wenn man das angibt, weil die Professoren uns ja nicht für die sportliche, sondern für die akademische Leistung haben wollen. Ist man an der Uni, tritt man dem Club bei. Die Selektion für das Boat Race besteht dann aus mehreren Teilen.

WELT: Wie sieht ein ganz normaler Trainings- und Studientag bei Ihnen aus?

Galland: Um 5.10 Uhr klingelt der erste Wecker, um 5.15 Uhr muss ich aufstehen. Frühstück habe ich schon eingepackt, dann fahre ich mit dem Fahrrad zum Zug. Am Bahnsteig treffen wir uns alle vom Club und fahren 20 Minuten nach Ely, einem Vorort von Cambridge, werden von Bussen abgeholt und zum Bootshaus gebracht. Gegen 6.30 Uhr sind wir auf dem Wasser. Nach dem Training geht es mit dem Zug wieder zurück. Wenn ich um 9 Uhr Uni habe, muss ich direkt dorthin. Durchschnittlich habe ich etwa fünf Stunden Uni am Tag und gegen 16 Uhr nochmal ein zweistündiges Training. Danach gehe ich ins Bett.

WELT: Und zwischendurch werden Sie sicherlich noch für Ihre Masterarbeit etwas tun müssen. Studium an einer Elite-Universität und Spitzensport – schon eines von beiden zu meistern, ist hart und umfangreich. Wie schaffen Sie beides?

Galland: Ich muss zugeben, es hat mich ein bisschen überwältigt, als ich hier ankam. In Berkeley/Kalifornien sah der Alltag zuvor etwas anders aus, dort konnte man sagen: ‚Jetzt ist Uni. Und jetzt ist Sport. Dann ist Ruhe.‘ Hier fließt es ein bisschen ineinander. Vor allem, weil der Master mit zehn Monaten sehr kurz ist. Ich habe jeden Term, von denen es drei gibt, fünf Klausuren, und dann noch die Masterarbeit Ende Juli. Wenn ich auf den Berg an Arbeit blicke, der vor mir liegt, ist es ein bisschen angsteinflößend, aber ich muss Tag für Tag einfach das machen, was ich schaffe. Die ersten Noten waren gut, und ich glaube, ich kann mir ein bisschen mehr zutrauen.

WELT: Warum hatten Sie sich von Anfang an für beides entschieden: Spitzensport und Studium? Und dann für den Weg in die USA?

Galland: Der Grund, warum beides geht, war für mich das US-System. Dadurch, dass man in Deutschland nicht für eine Universität rudert, ist es separat. Man würde für den Ruderclub antreten und die Uni wüsste nicht, dass man rudert beziehungsweise nimmt keine Rücksicht – und umgekehrt. In den USA ist es so ausgelegt, dass man alles schafft. Ich glaube, wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich mit dem Rudern aufgehört, weil es zeitlich sehr schwierig ist. In Amerika hingegen legt man einfach sehr viel Wert auf Universitätssport. Das ist natürlich auch alles sehr zeitintensiv und nicht einfach, aber auf jeden Fall besser machbar als in Deutschland. Und dadurch, dass ich dort drüben vier Jahre war, habe ich mir eine Routine angeeignet. Ich mag es gerne, zwei Teile in meinem Leben zu haben, in die ich viel investieren kann. Mir bringt es wirklich Spaß, sehr beschäftigt zu sein und mir neue Ziele zu setzen.

WELT: Im Sommer sind Sie fertig mit dem Master. Was dann: Zurück nach Deutschland und LA 2028 im Blick?

Galland: Zurück nach Deutschland, und zwar nach Berlin, denn dort ist der Frauen-Stützpunkt des deutschen Verbandes. Ich kann mir sehr gut vorstellen, erstmal den vollen Fokus auf den Sport zu legen. Und ich würde es mir nicht verzeihen, wenn ich es nicht versuchen würde. Aber ich glaube, ich brauche dennoch irgendetwas daneben, womit ich mir einen Ausgleich schaffe. Es ist sehr cool zu sehen, was sich am Stützpunkt in Berlin derzeit für eine Teamgemeinschaft aufbaut und wie viel Potenzial in der Gruppe steckt, die da gerade trainiert. Ich würde sehr gerne Teil davon sein.

WELT: Und ein Platz im Achter ist das große Ziel?

Galland: Meine Ziele sind erstmal, so viele internationale Wettbewerbe wie möglich mitzunehmen und mich für das Team anzubieten. Im Achter habe ich Erfahrung, das wäre die Bootsklasse, die ich am liebsten fahren würde.

WELT: Warum der Achter? Weil es das Paradeboot ist?

Galland: Für mich ist es meine Wohlfühlbootsklasse, weil man in den USA immer Achter fährt und ich das somit die letzten Jahre gemacht habe. Auch bei der U23-WM bin ich zweimal Achter gefahren. Natürlich gibt es eine Selektion, man muss beweisen, dass man ins Boot gehört, aber sobald man drinsitzt, ist es das ultimative Teamboot. Man muss versuchen, einen gemeinsamen Rhythmus aufzubauen und sich gegenseitig unterstützen, ist ein Teil von etwas Größerem. Das reizt mich so beim Achter.

WELT: Und beruflich – haben Sie mit Ihrem Abschluss bereits ein konkretes Ziel? Oder einen Traum?

Galland: Tatsächlich nicht. Ich war schon immer an sehr vielen Dingen interessiert und wusste zu Schulzeiten auch gar nicht so genau, was ich machen möchte. Ich bin dann in die USA an die Universität gegangen, ohne mich sofort fest auf einen Studiengang festzulegen. So etwas ginge in Deutschland nicht – auch deshalb hatte es mich gereizt, in die USA zu gehen. Ich habe dann Umweltwissenschaften studiert, weil ich mich sehr für den Bereich Nachhaltigkeit interessiere. Jetzt mache ich Stadt- und Raumplanung.

WELT: Und worum geht es in Ihrem Master?

Galland: Tatsächlich um die Olympia-Bewerbung Deutschlands und wie sich das auch aus stadtplanerischer Sicht auswirkt. Olympische Spiele sind schließlich ein großer Eingriff. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit vor allem mit Hamburg, weil es dort mit der vergangenen, gescheiterten innerdeutschen Bewerbung einen Vergleich gibt. Ich könnte mir gut vorstellen, mich in diesem Bereich weiter zu engagieren – egal, mit welcher Stadt oder Region sich Deutschland bewerben wird. Aber das ist alles noch recht offen. Das Gute ist: Meinen Studiengang kann man nicht in einem Wort zusammenfassen, sodass ich verschiedene Möglichkeiten haben werde. Sportlich habe ich meine Ziele konkreter im Blick.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und berichtet vor allem über den olympischen Sport, gern auch über extreme und besondere Sport-Abenteuer außerhalb des Ringe-Kosmos – sowie über Fitness- und Gesundheitsthemen. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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