Ostertraditionen: Die Dachauer Kreisheimatpflegerin erklärt kuriose Bräuche. – Dachau | ABC-Z

Ob bunte Eier, leuchtende Altäre oder grüne Kräutersuppen: Zu Ostern lebt nicht nur im Dachauer Land so mancher alte Brauch wieder auf. Kreisheimatpflegerin Britta Unger‑Richter sammelt, erforscht und erklärt diese Traditionen – vom Gockel, der statt des Hasen die Eier bringt, bis zum Heiligen Grab. Im Gespräch erzählt sie, wie sich Glaube und Alltagsleben seit Generationen verweben – und warum manches Volksritual heute fast wie Theater wirkt.
Frau Unger‑Richter, jede Region hat ihre eigenen Osterbräuche. Welche sind im Landkreis Dachau besonders?
Unger‑Richter: Bei uns bringt der Gockel die Eier, nicht der Osterhase. Also zumindest ist das ein Brauch, der in der Vergangenheit aus manchen Dörfern im Hinterland berichtet wurde. Dazu habe ich eine Quelle von Pfarrer Joseph Neureuther aus Wollomoos (1917 bis 1956) gefunden, in der er sagt: „Der Gockel entledigt sich seiner Aufgabe sehr gerne, wird er doch von den Kindern schon längere Zeit vorher mit Eierschalen und Brot gefüttert.“ Die Kinder bauen für den Gockel schon vor Ostern Nester im Garten aus Ästchen und Moos, damit der Gockel es schön bequem hat und die Eier reinlegen kann. Auf dem Land war der Gockel ja früher allgegenwärtig – der Hühnerstall und der Hahn waren oft gleich hinterm Haus, während in der Stadt der Hase als Eierbringer geläufiger war.
In anderen Regionen Deutschlands war ebenfalls nicht der Hase der Eierbringer, sondern etwa der Storch oder der Fuchs. Der Siegeszug des Hasen beginnt erst so richtig um 1900, da taucht er auf Ostergrußkarten auf. Seitdem in den 1920er‑Jahren die „Häschenschule“ ein Kinderbuch‑Bestseller wurde, hat sich das Langohr mehrheitlich durchgesetzt.
Welche Osterbräuche sind sonst noch typisch für die Region?
Die gefärbten Eier natürlich, die Speisenweihe am Ostersonntag – all das gibt es allerdings auch andernorts. Dann ist noch das „Graberlschauen“ zu nennen – also dass ein Heiliges Grab aufgebaut wird. Am Gründonnerstag wird mancherorts eine meterhohe Holzkulisse errichtet und das Innere des Gotteshauses abgedunkelt. Kleine Lichter am Grab erhellen den Kirchenraum, was eine mystische Wirkung erzielt. Eine Holzskulptur des toten Christus wird in die mit Blumen geschmückte Grabnische gelegt. Die Gläubigen versammeln sich zur Anbetung bis zum Nachmittag des Karsamstags in der dunklen Kirche. Dann wird das Heilige Grab wieder abgebaut, weil ja dann in der Osternacht die Auferstehung gefeiert wird.
:Wenn der Gockel die Ostereier bringt
Bräuche sind einem stärkeren Wandel unterworfen, als die meisten glauben: Im Dachauer Land etwa spielte der Osterhase bis in die Sechzigerjahre noch keine große Rolle. Die Kinder warteten auf einen anderen Besucher.
Wie muss man sich das optisch vorstellen?
Früher hat man für die bunte Beleuchtung Schusterkugeln oder Öllampen genutzt, heute sind es oft bunte Glühbirnen, die den ganzen Altarraum erhellen. Das ist sehr effektvoll inszeniert. Es ist ein szenisches Nachvollziehen der biblischen Geschichte. Die Architektur, die Kulissen – das ist theatralisch, sogenanntes „theatrum sacrum“. Der Aufwand für die Heiligen Gräber ist beträchtlich. Zum Beispiel werden in Hirtlbach die Kulissen dafür vom Dachboden abgeseilt, mit einer Winde, die vier Leute bewegen müssen. Es gibt genaue Pläne und nummerierte Teile, damit beim Aufbau nichts verwechselt wird. Oft ist das ein richtiges Gemeinschaftsprojekt im Dorf. Alt und Jung helfen zusammen. Ich habe davon vorletztes Jahr ein Video für das Dachauer Forum gemacht, das man online sehen kann.
Und was hat es mit dem Begriff des „Herrgott‑Busseln“ auf sich?
Die Menschen gehen ja zum „Graberlschauen“ in die Kirche, um den toten Jesus besonders zu ehren. Und manche gaben ihm dann einen Kuss – also der Skulptur. Ob und an welchen Orten das noch praktiziert wird, kann ich nicht sagen. Aber allein im Landkreis Dachau gibt es noch etwa ein Dutzend Pfarreien mit Heiligen Gräbern. Das Heilige Grab aus Großberghofen, das im Jahr 1869 gebaut wurde, kann man sich übrigens ganzjährig im Hutter-Museum anschauen.

Warum erlebt dieser Brauch heute wieder so einen Aufschwung?
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit einem neuen Liturgieverständnis wurden viele volkstümliche Bräuche nicht mehr gepflegt. Ich habe aber den Eindruck, dass Heilige Gräber eine Art von Renaissance erleben. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man sich wieder mehr auf Traditionen besinnt. Vielleicht auch damit, dass manche Pfarrhäuser saniert werden und man die Kulissen für die Heiligen Gräber findet und feststellt: Das ist ja nicht nur Brauch, sondern auch Kunst, ein Stück Geschichte. Vielleicht, weil es etwas Anschauliches ist. Es gibt ja meiner Wahrnehmung nach eine große Sehnsucht nach dem Bildhaften.
Und was macht man in der Region mit den Eiern so alles?
Da gibt es natürlich das Eierpecken: Da nimmt jeder in der Familie ein gekochtes Ei und schlägt es mit der Spitze an die Eier der anderen. Derjenige, dessen Ei unbeschädigt bleibt, hat gewonnen. Das geht dann so lange, bis jeder ein Ei hat, das beschädigt ist und das man essen kann. Und dann gibt es noch das Oarschiam – das Eierrollen –, das ist quasi eine Art Eier-Boccia, bei dem man auf einer schiefen Ebene Eier rollen lässt. Da gibt es verschiedene Varianten. Eine davon ist, dass es darum geht, wessen Ei unbeschädigt unten ankommt. Derjenige darf sein Ei dann auch behalten. In Bergkirchen hat mir mal jemand erzählt, dass sie am Ostersonntag die Eier den Kirchberg hinunterrollen ließen. Das war ein fröhlicher Wettbewerb, wo man schauen musste, wessen Ei heil blieb. Denn der Bergkirchener Kirchberg ist ja ziemlich steil.
Warum werden Speisen wie Fladen, Schinken und Meerrettich in der Kirche geweiht?
Das gehört zur Osternachtfeier dazu. Die Fastenzeit ist vorbei und gut gefüllte Körbe mit Osterfladen, Schinken und Eiern werden vorn am Altar aufgestellt und geweiht. Die Körbe sind mit gestickten Deckchen verziert und mit Immergrün geschmückt. Sie werden nach dem Gottesdienst dann nach Hause gebracht und beim Osterfrühstück verzehrt.
Gibt es auch Traditionen, die in Vergessenheit geraten sind?
Die Palmesel! Am Palmsonntag hat man früher eine Christusfigur auf einem Esel durchs Dorf gezogen. Die Esel wurden geschmückt, dekoriert und auf Holzrädern durch die Gegend gerollt. Daher kommt auch der Spruch „aufgeputzt wie ein Palmesel“. Das war irgendwann dann wohl ausgeartet, zu viel Trubel – und deshalb hat man es mit wenigen Ausnahmen abgeschafft. Heute kann man aber noch einen hölzernen Palmesel im Museum in Altomünster sehen.
Welche Osterbräuche mögen Sie persönlich besonders?
Neben der Feier der Osternacht finde ich den vorösterlichen Brauch der Gründonnerstags-Suppe schön. Früher hat man sie aus neunerlei Kräutern gekocht. Ich nehme gerne Bärlauch, Löwenzahn, Brennnessel, Schnittlauch, Petersilie, Kerbel, Sauerampfer. Der Name Gründonnerstag kommt übrigens wahrscheinlich nicht vom Grün der Kräuter, sondern vom „Greinen“, vom Weinen und der Trauer. Trotzdem hat es sich eingebürgert, an diesem Tag etwas Grünes zu essen wie Spinat, Salat oder eben eine Suppe aus Kräutern, die etwas Reinigendes und Heilendes haben. Man dachte früher, die Kräuter schützen vor neun Giften und neun Krankheiten. Das geht wieder mehr in diese volkstümliche Richtung, aber passt auch gut zur heutigen Detox-Kultur.
Eine Tradition rund um die Osterfeiertage hat in der Vergangenheit immer wieder Kritik hervorgerufen: In mehreren Gemeinden der Region München werden Osterfeuer unter dem Begriff „Judasfeuer“ oder auch „Jaudusfeuer“ entzündet, bei denen teilweise eine Strohpuppe verbrannt wird. „Das ist ein objektiv problematischer, antisemitischer Brauch“, sagt Gottfried Stöckl von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (Rias). Die Puppen symbolisieren die biblische Figur des Judas Iskariot, der für seinen angeblichen Verrat an Jesus Christus bestraft wird. Im christlichen Antijudaismus, dessen Stereotype bis heute wirken, steht Judas für „die Juden“. Im 20. Jahrhundert wurden die Feuer als „Judenfeuer“ bezeichnet. In einem Report versammelt Rias alljährlich die Orte, in denen noch ein „Judasfeuer“ statt eines Osterfeuers entzündet wird. 2025 brannten im Landkreis Fürstenfeldbruck fünf Puppen, in Freising waren es drei, in Dachau zwei. Auch das sogenannte „Ostermo-Brennen“, das es im Landkreis Freising in mehreren Orten gibt, ist laut Rias antisemitisch konnotiert. Nach einer Informationskampagne durch das Landratsamt hatten einige Vereine als Veranstalter Abstand davon genommen, ihr Osterfeuer noch „Judasfeuer“ zu nennen, wie etwa in Röhrmoos im Landkreis Dachau.





















