Deutschland: Geschlechtergerechtigkeit und Diskriminierung im Alltag – Wissen | ABC-Z

Das Leben der meisten Frauen in den wohlhabenden Gesellschaften des Westens muss furchtbar sein. Zu diesem Eindruck kann gelangen, wer die vielen Beiträge in sozialen und klassischen Medien liest, in denen der weibliche Alltag auch in Deutschland als schier endlose Reihung von Demütigungen, Anfechtungen und Diskriminierung erzählt wird. Überall lauern offenbar toxische Männlichkeit, das Patriarchat, finstere Strukturen oder weitere Phänomene. Ein deprimierendes Bild, zusammengesetzt aus vielen dunklen Einzelteilen.
Diesem aber widersprechen die diversen Indizes, mit denen etwa die Vereinten Nationen oder andere Institutionen den Grad der Geschlechtergerechtigkeit in Gesellschaften quantifizieren. Deutschland gilt laut diesen Messinstrumenten als ein Land, in dem es um die Geschlechtergerechtigkeit im Vergleich zu den meisten anderen Staaten geradezu vorbildlich bestellt ist. Wie sehr das zutrifft oder nicht, kann man sicher diskutieren. Dennoch lässt sich festhalten: Zwischen dem eingangs beschriebenen Eindruck und den Ergebnissen dieser Indizes klafft eine Lücke.
Dieser Widerspruch lässt sich auch auf individueller Ebene messen, wie Psychologen in einer Studie im Fachjournal Psychological Reports demonstrieren, für die sie 735 Teilnehmer aus Deutschland befragt haben. Dabei gab die Mehrheit der Frauen an, dass sie deutlich weniger Diskriminierung beziehungsweise Ungleichheit erleben würde als die meisten anderen Frauen. Die durchschnittliche weibliche Lebenswirklichkeit in Deutschland sei weitaus negativer und von mehr Benachteiligung geprägt als ihre eigene, so lautete die Aussage der Mehrheit der Probandinnen.
Natürlich sei es denkbar, dass die Gesellschaft von stärkerer Geschlechterungerechtigkeit geprägt sei, als einige Frauen das persönlich erlebten, schreiben die Autoren Timur Sevincer und Gijsbert Stoet. Aber statistisch sei es nun mal unmöglich, dass so gut wie alle Frauen weniger ungleiche Behandlung oder gar Diskriminierung erführen als Frauen insgesamt.
Diese Beobachtung könnte mit erklären, so die Autoren, warum die Debatten rund um die Geschlechtergerechtigkeit in Ländern wie Deutschland trotz aller Fortschritte ungebrochen hitzig geführt werden. Es handele sich um eine „pluralistische Illusion“, schreiben die Psychologen: also den Umstand, dass die Mehrheit der Überzeugung ist, dass alle anderen etwas erleben, was aber offenbar gar nicht zutrifft.
Zudem beobachteten Sevincer und Stoet, dass auch die befragten Männer in der Mehrheit der Ansicht waren, dass Frauen generell weniger fair behandelt würden und dies ein ernstes gesellschaftliches Problem sei, das gelöst werden müsse. Die befragten Frauen wiederum unterstellten Männern eine andere Haltung: nämlich, dass ihnen das Thema weitgehend egal oder unwichtig sei. In diesem Punkt waren sich die Geschlechter zur Abwechslung mal einig, auch Männer dichteten ihren Geschlechtsgenossen Indifferenz gegenüber den Ungleichheiten an. Sicher scheint vor allem zu sein: Geht es um Männer und Frauen, wird sehr oft leidenschaftlich gemutmaßt.





















