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Olympia-Rauswurf für Ukrainer: Einfach nur zum Heulen | ABC-Z

Tränen rannen der höchsten Funktionärin des Weltsports über die Backen. Das Gespräch mit dem ukrainischen Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch sei sehr emotional gewesen, erklärte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry in einem Interview mit dem ZDF. „Leider haben wir keine Lösung gefunden.“ Heraskewytsch hatte darauf bestanden, seinen Helm, der mit 20 Fotos von Sportlerinnen und Sportlern versehen ist, die im Angriffskrieg von Russland ihr Leben lassen mussten, im Olympia-Rennen an diesem Tag tragen zu dürfen. Das IOC disqualifizierte ihn deshalb für den Wettbewerb. 

Anfang der Woche war er schon zum Training mit diesem besonders designten Kopfschutz erschienen und wurde von einem Funktionär des Internationalen Olympischen Komitees darauf hingewiesen, dass dies nicht erlaubt sei. Ein offizieller Antrag des Ukrainers beim IOC, diesen doch tragen zu dürfen, wurde abgeschmettert.

Die wurde mit der Regel 40 der IOC-Charta begründet, nach der das „Field of Play“, das Spielfeld, frei von jeglichen kommerziellen oder persönlichen Botschaften bleiben muss.

Damit kam geschickterweise nicht die Regel 50.2 zur Anwendung, die jegliche „politische, religiöse oder rassistische Propaganda“ an olympischen Wettkampfstätten untersagt. Heraskewytsch hatte nämlich erklärt: „Ich glaube weiterhin, dass der Helm keine Regeln verletzt, weil er keine politische Propaganda beinhaltet.“ Eine politische Debatte wollte das IOC aber vermeiden. Sein Angebot, Heraskewytsch könne doch alternativ ein schwarzes Armband verwenden, hatte dieser abgelehnt.

„Ich habe versucht, mit ihm und seinem Vater als Athletin zu sprechen, nicht als Präsidentin. Wir haben diese Regeln, um zu versuchen, fair zu sein und den Athleten beides zu ermöglichen: ihre Meinung zu sagen und aber auch sicher zu sein“, berichtete Coventry. Sie erinnerte daran, im Jahr 2020 als Vorsitzende der Athletenkommission maßgeblich an der Spezifizierung und Lockerung der IOC-Regel beteiligt gewesen zu sein.

Dies sei eine Zeit gewesen, in der man beim IOC zu verstehen begonnen hätte, „dass Athleten weltweit starke Meinungen zu vielen verschiedenen Themen haben“. Nur habe es von Athletenseite auch den Wunsch gegeben, bestimmte Bereiche von solchen Meinungsäußerungen freizuhalten, die Wettkampfstätten und das Podium. In Medienrunden (Mixed Zone und Pressekonferenzen) oder auf Social Media wiederum ist es den Athletinnen und Athleten erlaubt, politische Meinungen auch während der Spiele zu äußern.

Respekt ist erlaubt

Doch was genau ist an den Wettkampfstätten nun erlaubt und was nicht? Wie kompliziert die Beantwortung dieser Frage ist, illustriert das Beispiel der deutschen Eisschnellläuferin Josephine Schlörb. Sie war sich vor den Winterspielen ob ihrer Wettkampfschuhe unsicher, ob sie sich auf der Seite des Erlaubten oder des Verbotenen bewegte. Auf ihren Kufenschuhen waren Botschaften wie „Hass ist keine Meinung“, „Frauenrechte sind Menschenrechte“ und „Diskriminierung ist ein Verbrechen“ zu lesen.

Das IOC prüfte die Botschaften auf ihre politische Substanz und sprach ein Verbot aus. Dass Schlörb die Botschaften daraufhin unkenntlich machte, genügte indes nicht. Das IOC beanstandete, die überklebten Botschaften könnten Nachfragen provozieren und verbot auch diese. Daraufhin legte Schlörb Schuhe vor, auf denen das Wort „Respekt“ in verschiedenen Farben und Sprachen zu lesen war. Das war dem IOC dann unpolitisch genug.

Interessant war auch vor den Olympischen Sommerspielen in Tokio 2021 die Debatte um den Kniefall vor dem Anpfiff, mit dem einige Frauenfußballnationalteams schon einige Zeit zuvor ein Zeichen gegen Rassismus setzten. Das IOC ließ dies auf der Grundlage seiner liberalisierten Regel zu, verbot allerdings anfangs seinen Mitarbeitern, Bilder davon auf den eigenen Social-Media-Kanälen zu posten. Nach massivem Protest wurde diese Anweisung wieder zurückgenommen.

Im Fall von Wladyslaw Heraskewytsch hatte das IOC am Donnerstagmorgen auch dessen Akkreditierung für die Winterspiele aberkannt. Mittags traf dann die Meldung ein, die Disziplinarkommission des Internationalen Olympischen Komitees habe auf Antrag von IOC-Chefin Kirsty Coventry den Entzug der Zugangsberechtigung zurückgenommen. Die Rückgabe der Akkreditierung, so ließ das IOC wissen, sei eine Ausnahme nach einer „sehr respektvollen Unterhaltung“ zwischen Heraskewytsch und Coventry.

Diese Geste soll wohl zeigen, wie sehr diese Geschichte der IOC-Präsidenten zu Herzen gegangen ist.

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