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Der Mann aus Neuessing wird als 3D-Druck ausgestellt – Bayern | ABC-Z

Wo fängt man an, wenn man das Skelett eines Menschen aus Einzelteilen zusammensetzen soll? Vor dieser ungewöhnlichen Herausforderung stand Essings Bürgermeister Jörg Nowy kürzlich. In der Gemeinde wird der nachgebildete 3D-Druck eines menschlichen Skeletts aus der Steinzeit ausgestellt – genannt „der Mann aus Neuessing“. Nowy musste die künstlichen Knochen in ihre korrekte Anordnung bringen. Unterstützung holte er sich von einem Orthopäden.

Ohne Fachmann sei das Vorhaben nicht möglich gewesen. „Bei mir wäre sonst der linke Zeh am rechten Daumen“, sagt Nowy. Als Anleitung dienten ein Bild des originalen Skeletts und Beschriftungen an den Knochen aus dem 3D-Drucker. Begonnen haben sie mit den Nachbildungen der großen Knochen – zuerst mit dem Kopf, dann die Armknochen, Beinknochen und zuletzt die Oberschenkelknochen. Nach und nach fügten sie daraufhin die einzelnen kleinen Teile zu den großen hinzu. 67 Stück musste der Orthopäde mit dem Bürgermeister insgesamt in einer Vitrine anordnen. Nicht alle Knochen des originalen Skeletts sind erhalten, es fehlen zum Beispiel einige Rippen oder Wirbelknochen.

Die 34 000 Jahre alten Gebeine aus der Steinzeit wurden im Jahr 1913 gefunden. Es ist das älteste Skelett eines Menschen aus dem heutigen Bayern, so Albert Zink, Direktor der Staatssammlung für Anthropologie in München. Damals entdeckte ein Archäologe den Ur-Bayer ungefähr 300 Meter Luftlinie entfernt vom Essinger Rathaus auf der anderen Talseite, erzählt Nowy. Das Skelett befand sich in den Klausenhöhlen, einem vierstöckigen Höhlensystem. Das Originalskelett wurde 2022 in Rosenheim im Lokschuppen bei der Ausstellung „Eiszeit“ gezeigt.

Bürgermeister Nowy wollte das Skelett ursprünglich wieder in dessen Heimat nach Essing holen. Dort plante er im ehemaligen Pfarrhof die Heimatgeschichte des Orts auszustellen. „Ich habe mit dem Freistaat Bayern Kontakt aufgenommen und es war ziemlich schnell klar, dass wir das Originalskelett nicht bekommen“, sagt Nowy. Das Original werde weiterhin zum Forschen benötigt. Also entschied er sich, ein einzigartiges Replikat herstellen zu lassen.

Für das sukzessive Anordnen der einzelnen nachgebildeten Kunststoffknochen aus dem 3D-Drucker kam Hilfe von einem Orthopäden.
Für das sukzessive Anordnen der einzelnen nachgebildeten Kunststoffknochen aus dem 3D-Drucker kam Hilfe von einem Orthopäden. Foto: Jörg Nowy

Das anthropologische Museum in München scannte jeden einzelnen Knochen des Skeletts mit einem speziellen 3D-Scanner ein und erstellte ein virtuelles Modell, so Anthropologe Zink. Eine Firma bildete Knochen für Knochen mit einem 3D-Druck aus Kunststoffmaterial nach. Ausgestellt wird das künstliche Skelett vom 18. April an im „Memu“-Museum in Essing, das an den Wochenenden geöffnet hat.

Nowy erzählt, dass es zwei Jahre dauerte, bis die Nachbildung fertig war. Insbesondere das Einscannen habe viel Zeit in Anspruch genommen. Obwohl es sich um einen 3D-Druck handelt, sieht das Ergebnis laut Nowy verblüffend echt aus. Als ein Probedruck in München mit dem Originalknochen verglichen wurde, seien sogar selbst die Fachleute von der Ähnlichkeit überrascht gewesen. So wurden zum Beispiel Bruchstellen am Knochen beim 3D-Druck exakt nachgebildet.

Der Mann aus Neuessing wurde laut Anthropologe Zink zwischen 30 und 40 Jahre alt, war 1,63 Meter groß und hatte dunkle Haut. Der Ur-Bayer aß Pflanzen sowie Fleisch von Wollnashörnern, Rentieren und Mammuts. Die Todesursache des Steinzeitmenschen konnten die Forscher noch nicht herausfinden. „Er war nicht so robust, wie man für diese Zeit vielleicht annehmen würde“, sagt Zink. Der Homo sapiens von vor 35 000 Jahren unterscheide sich anatomisch nicht von heutigen Menschen.

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