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Olympia: Letzte Medaillen? Die Nordische Kombination kämpft ums Überleben | ABC-Z

Die Nordischen Kombinierer zählen zu Deutschlands Erfolgsgaranten bei Olympischen Winterspielen. Doch die komplette Sportart steht unter Beobachtung: Diese Wettbewerbe sind ihre letzte Bühne für Eigenwerbung. Es droht die Streichung.

Eigentlich wollen sich die Athleten vollkommen auf ihre Wettkämpfe konzentrieren, auf die große Chance auf olympischen Ruhm. Für die Nordischen Kombinierer aller Nationen aber ist das gar nicht so einfach. „Die Gefahr schwebt wie ein Damoklesschwert über uns“, sagt Johannes Rydzek, Olympiasieger von 2018, seit Saisonbeginn immer wieder – und meint damit die mögliche Streichung seiner Sportart aus dem olympischen Programm.

Wenn die Nordischen Kombinierer an diesem Mittwoch also erstmals bei den Winterspielen in Italien die Bühne betreten, geht es für Rydzek und all die anderen Starter um mehr als Gold, Silber, Bronze. Es geht schlichtweg um ihre sportliche Existenz. Denn die Wettbewerbe der Kombinierer sind bei diesen Winterspielen nichts Geringeres als ein olympischer Überlebenskampf. Bleibt die Königsdisziplin des Winters im Programm oder wird sie gestrichen? Im Mai oder Juni entscheidet das IOC.

Damit geht es um die Existenz einer Traditionssportart, die bei den Männern seit den ersten Winterspielen 1924 in Chamonix olympisch ist. Die Weltelite der Frauen sitzt allerdings derzeit zu Hause vor dem Bildschirm und muss zuschauen – es ist die einzige Sportart im Winter, bei der das IOC die Wettbewerbe für Frauen noch nicht ins Programm genommen hat.

Längst ist es aber nicht mehr nur ein Kampf der Frauen um Anerkennung. Es geht um alles oder nichts mit Blick auf die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen. „Entweder, die Frauen kommen für 2030 rein, oder die Herren gehen raus“, sagt Sportdirektor Horst Hüttel vom Deutschen Skiverband (DSV). Ursprünglich sollte die Entscheidung bereits im vergangenen Frühjahr fallen, wurde dann aber auf 2026 verschoben.

IOC und die Kombination: Kritikpunkte, Forderungen, Fakten

Nun hängt die Zukunft der Kombination nicht nur von diesen Olympischen Spielen ab, längst nicht. Das IOC hatte eine Reihe von Kritikpunkten angemerkt, die der Ski-Weltverband in den vergangenen Jahren bearbeitet hat. Die Wettbewerbe in Predazzo aber sind das große Schaufenster, in dem die Kombinierer noch einmal nachhaltig für sich werben können und müssen.

Und deshalb hat sich hoher Besuch angekündigt: Laut Hüttel werden IOC-Vertreter vor Ort sein. Dazu sammelt das Komitee weitere Informationen wie TV-Quoten, Zuschauerzahlen, aber auch Reichweiten von Instagram-Postings der Athleten sowie der ausgeschlossenen Sportlerinnen. „Wir sind uns der Herausforderungen bewusst, vor denen die Nordische Kombination sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen steht“, sagt IOC-Sportdirektor Pierre Ducrey. Eine Sportart unter Beobachtung.

Dem IOC fehlte es in der Vergangenheit unter anderem an Nationenvielfalt auf dem Treppchen, aber auch insgesamt im Starterfeld. Österreich, Deutschland und Norwegen sind vor allem bei den Männern dominant. Die Forderung: mehr Universalität, mehr – international betrachtet – Zuschauerzuspruch, mehr Spannung, neue Formate.

„Sie sollen sich das Olympia-Rennen von 2022 angucken“, sagt der Oberstdorfer Vinzenz Geiger: „Wenn das jemandem nicht spannend genug ist, weiß ich auch nicht, was das für Adrenalin-Junkies sind.“ Geiger war damals mit einem fulminanten Schlussspurt am letzten Anstieg unaufhaltsam und mehr fliegend als laufend noch an der Konkurrenz vorbeigezogen und hatte sich Gold gesichert.

Der Weltverband, die einzelnen Nationen und Sportler – sie kämpfen. Um ihren Sport und ihre Existenz. Die Forderungen des IOC, so sehen sie es, seien erfüllt, die Checkliste abgearbeitet. Immer mit dem realistischen Blick, dass in kurzer Zeit keine Wunder möglich sind, aber Veränderungen angeschoben werden können. Demnächst wird erstmals auch Skifliegen integriert. Generell gibt es neue Formate, engere Abstände, zudem ganz praktisch im Training Unterstützung für kleinere Nationen.

Erstaunlich und beeindruckend ist die Entwicklung des Frauenfeldes angesichts der Nichtzulassung für die Spiele 2022 und 2026, da gerade die Aufnahme ins olympische Programm einen gewaltigen Schub geben kann. Diese Unterstützung wurde ihnen zweimal verwehrt. Und dennoch, Nathalie Armbruster, Deutschlands Beste, rechnet vor: „Es waren in dieser Saison mit Sommer-Grand Prix und Weltcup zehn verschiedene Athletinnen auf dem Podium aus sieben verschiedenen Nationen von drei verschiedenen Kontinenten. Wenn das keine Vielfalt ist, dann weiß ich auch nicht.“

„Voll-Fiasko“ – Horst Hüttel über die Folgen

Das Streichen der Nordischen Kombination würde weitreichende Folgen haben. Aufgrund der dann sehr wahrscheinlich fehlenden Fördergelder stünde die komplette Sportart vor dem Aus. Hüttel prophezeit zudem Auswirkungen auch auf das Skispringen – zum einen, weil viele Spezialspringer aus der Nordischen Kombination kommen, in der im Kinder- und Jugendbereich vieles beginnt. Außerdem wurden die Schanzenanlagen in Deutschland auch von den Fördergeldern durch die Olympia-Erfolge der Kombinierer finanziert.

Und die deutschen Kombinierer zählen traditionell zu den Erfolgsgaranten bei Olympischen Winterspielen – mittlerweile mit dem dreimaligen Olympiasieger Eric Frenzel als Bundestrainer. Seine Athleten in Italien: die Olympiasieger Rydzek und Geiger sowie Team-Weltmeister Julian Schmid – und der sagt: „Mein Ziel ist es, mit einer Medaille nach Hause zu fahren. Im Teamsprint wollen wir um die Goldene mitkämpfen. Bei den Einzel-Wettkämpfen ist der Anspruch von uns dreien, um das Podest zu kämpfen.“

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie in Cortina. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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