Olympia, Eiskunstlauf: Hase/Volodin brillant zur Goldchance – „krasses Fehlurteil“ für Hocke/Kunkel | ABC-Z

Minerva Hase und Nikita Volodin sind ihrem Traum vom Olympiasieg nach dem Kurzprogramm ganz nah. Was vor dreieinhalb Jahren begann, steuert auf seinen Höhepunkt zu. Annika Hocke und Robert Kunkel begeistern das Publikum, erhalten aber wenig Punkte. Ein Experte zürnt.
Der Tango beginnt. Ihr Tanz um Gold. Die Musik von Maxime Rodriguez, extra für und mit den großen deutschen Hoffnungsträgern Minerva Hase und Nikita Volodin erschaffen, erfüllt die Eiskunstlauf-Arena in Mailand. Die beiden 26-Jährigen haben jetzt die Chance, hier Großes auf den Weg zu bringen – und starten perfekt mit dem Dreifach-Twist: Volodin wirft Hase in die Luft, die sich dreimal dreht und dann von ihm wieder aufgefangen wird. Danach Dreifach-Salchow. Geworfener Dreifach-Rittberger, Todesspirale – sie laufen sauber, emotional, fehlerfrei bis auf einen winzigen Wackler. Bis zum Ende.
Und kommen dann aus dem Lächeln und Strahlen nicht mehr heraus – einzig unterbrochen bei ihr von einem tiefen Durchatmen. Als dann 80,015 Punkte aufleuchten, ist der Jubel auf dem Sofa groß: Hase, Volodin und ihre Trainer Dmitri Sawin und Knut Schubert jubeln und umarmen sich. Das ist die Führung vor der Kür am Montagabend mit 4,55 Punkten vor den Georgiern Anastasia Metelkina/Luka Berulawa und den Kanadiern Lia Pereira/Trennt Michaud (74,60 Punkte). „Wir sind sehr glücklich“, sagte Hase kurz danach, wollte aber nicht zu euphorisch sein. „Die großen Emotionen heben wir uns für morgen auf.“
Die Paarlauf-Entscheidung dieser Olympischen Winterspiele hatte schon vor dem Start Hochspannung versprochen, gab es im Feld doch keinen klaren Favoriten auf Gold. Georgien, Italien, Japan, Deutschland, Kanada und vielleicht noch China zählten zu den Kandidaten. Das Kurzprogramm am Sonntagabend endete nun mit dem bestmöglichen Ausgang für Hase/Volodin, die damit die große Chance haben, nach Aljona Sawtschenko und Bruno Massot 2018 Paarlauf-Gold für Deutschland zu holen.
Für das zweite deutsche Paar war der Abend eine Gefühlsachterbahn. Annika Hocke und Robert Kunkel begeisterten zwar das Publikum und liefen fehlerfrei, gehen allerdings nur als Elfte in die Kür. Für ARD-Experte und Ex-Eiskunstläufer Daniel Weiss ein „krasses Fehlurteil“. Die zwei selbst versuchten, sich von der Punktzahl nicht unterkriegen zu lassen. Mit ihrer Kür, für die sie bei der EM im Januar Standing Ovations erhalten hatten, wollen sie sich Montag noch einmal beweisen.
Frenetischer Applaus für Annika Hocke und Robert Kunkel
Die zwei Berliner waren es auch, die an diesem Abend als erstes der beiden deutschen Paare auf das olympische Eis gegangen waren. Sie zählten zwar nicht zu den Favoriten auf das Podest, aber galten doch als Überraschungskandidat, zumal sie sich enorm entwickelt haben. Bei der EM im Januar in Sheffield waren sie Vierte geworden.
Zu den Klängen von Lady Gaga legten sie im Kurzprogramm los. Dreifach-Twist-Lift. Dann Dreifach-Salchow von beiden sauber gestanden. Geworfener Dreifach-Flip. Hocke kam aus dem Strahlen nicht mehr heraus. Ihr spektakuläres Flugelemente wurde danach frenetisch von den Zuschauern gefeiert wie zuvor nichts Vergleichbares an diesem Abend.
Als der letzte Ton verklungen war, jubelten sie ausgelassen und erlöst. Insgesamt sieben Elemente sauber gezeigt, das Publikum begeistert – und das, nachdem es im Sommer eher so ausgesehen hatte, als müssten sie diese Olympischen Spiele vom Fernseher verfolgen: Kunkel hatte sich bei einem Trainingsunfall schwer an beiden Händen verletzt. Eine Wunde bis auf den Knochen, eine durchtrennte Sehne und viel Blut.
Als dann an diesem Abend in Mailand 67,52 Punkte aufleuchteten, wich die Euphorie in den Gesichtern der beiden Ernüchterung. Die Zuschauer applaudierten – man mag hineininterpretieren: leicht verwundert. Daniel Weiss sagte am ARD-Mikrofon: „Ich bin zutiefst verärgert. Das lässt mich etwas fassungslos zurück. Sorry, das ist aus meiner Sicht eine krasse Fehlentscheidung.“ Hocke/Kunkel reihten sich damit vorerst auf Rang vier ein.
Kunkel: „Wir versuchen, uns davon nicht unterkriegen zu lassen“
Im Interview danach versuchten sie, sich auf ihre Leistung zu konzentrieren. Auf das, was sie geschafft hatten. „Wir freuen uns. Es war schon unser Wunsch, die 70 mal zu knacken, aber mit der Leistung sind wir sehr zufrieden. Wir hatten eine super Zeit zusammen, und das war das Wichtigste für heute“, sagte die 25-Jährige. Angesprochen auf die Begeisterung von Weiss einerseits und die Kritik an den Punkten andererseits, holte Kunkel etwas aus. „Wir haben ja in den letzten Tagen hier gesehen, dass es ein paar zu hinterfragende Entscheidungen gab. Und ja, wir schließen uns leider an.“ Damit sprach er eine riesige Diskussion im Eistanz an.
Und dann ergänzte er: „Aber wir haben es für uns gemacht, wir machen es für das Publikum, für unsere Trainer. Was da für Politik im Hintergrund abgeht – es ist halt auch ein sehr subjektiver Sport, man kann es in die eine oder in die andere Richtung auslegen. Und ja, im Hintergrund verfolgt jeder sein eigenes Ziel. Wir versuchen, uns davon nicht unterkriegen zu lassen und freuen uns umso mehr, dass es einigen Menschen auffällt.“
Sie wollen, so sagten sie zum Schluss, auf das Positive blicken. Und damit auf eine weitere Chance in der Kür. Dass sie bei Holiday on Ice gelaufen sind und dort sehr viel mitgenommen haben – das jedenfalls war an diesem Abend unschwer zu erkennen und dürfte auch die Zuschauer in der Kür erneut begeistern. Und dann erinnert Kunkel an seine Handverletzung: „Dass wir dennoch hier stehen können und ein fehlerfreies Programm liefern, ist viel mehr wert als jede Punktzahl.“
Hase/Volodin wählten die große Herausforderung
Und dann, als 19. und letztes Paar des Abends, um 22.50 Uhr war der Zeitpunkt gekommen für Hase und Volodin. Im Sommer vor dreieinhalb Jahren hatte sie ihn, aus Russland kommend, in Berlin am Flughafen empfangen. Hases Trainer Dmitri Sawin hatte das Kennenlern-Date auf dem Eis vorgeschlagen, da beide ohne Partner waren. Sie seien perfekt füreinander, hatte er befunden. Und vom ersten Moment auf dem Eis war beiden tatsächlich klar: Die Harmonie, die Sympathie – alles passt. Sie werden gemeinsam versuchen, es an die Weltspitze zu schaffen. Und ihr Aufstieg gelang schnell.
Mit WM-Silber und -Bronze sowie mit EM-Gold und -Silber dekoriert, reisten sie nach Mailand. Für Volodin, in St. Petersburg geboren und seit 2025 mit deutschem Pass, ist es das Olympia-Debüt. Für Hase nach dem Corona-Drama 2022 in Peking mit ihrem früheren Partner Nolan Seegert, der völlig geschwächt erst kurz vor dem Wettkampf aus der Quarantäne kam, eine neue Chance. Die größte ihres Lebens.
Dass sie im Kurzprogramm nicht auf bestehende Musik setzen, sondern etwas komponieren ließen, liegt in den Musikrechten begründet – derzeit ein großes Thema beim Eiskunstlauf. „Auf diese Art konnten wir uns da sehr sicher sein und auch, dass kein anderer dazu läuft“, sagte Hase im WELT-Gespräch. „Wir wollten also etwas Spezielles, was auch auf das Paarlaufen ausgelegt ist, auf unsere Elemente. Das schaffst du nur dann perfekt, wenn du es selbst komponierst.“
Ein Tango bringt im Eiskunstlauf allerdings auch eine große Herausforderung mit sich – denn normalerweise wird er in seiner Leidenschaft von Auge zu Auge getanzt. Im Paarlauf auf dem Eis, oft auf dem Weg zum nächsten Sprung, ist genau das schwierig. „Du hast ganz wenige Stellen, um diesen Tango-Charakter darzustellen“, sagt Weiss. Hase und Volodin aber bewiesen auch auf der größten Bühne des Weltsports, dass sie dieser Herausforderung gewachsen sind.
Was schwieriger gewesen sei, wird Volodin am Ende gefragt: Der Deutschtest zur Einbürgerung oder der Tango auf dem olympischem Eis. „Es ist etwas komplett anderes“, sagt der 26-Jährige. „Aber ich hatte vor dem Deutschtest gelernt und war zuversichtlich – und hier war es genauso.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.





















