Sport

Olympia: Die italienische Art, die Welt zu sehen | ABC-Z

Die Eröffnungsfeiern der vergangenen beiden Winterspiele vibrierten geradezu von politischen Untertönen. Im südkoreanischen Pyeongchang trat ein gemeinsames Team aus Nord- und Südkorea an, was als Hoffnungszeichen gedeutet wurde – zu Unrecht, wie wir heute wissen; zwischen den verfeindeten Brüdern herrscht mehr Eiszeit denn je. In Peking vier Jahre später spielte ein kleiner chinesischer Trompeter ein patriotisches Lied, das von der Größe und den Ambitionen seines Landes erzählt. Und Wladimir Putin hielt beim Auftritt der ukrainischen Mannschaft auf der Ehrentribüne demonstrativ ein Nickerchen, was wie eine Vorahnung des Albtraums wirkte, der kurze Zeit später mit seinem Angriff auf die Ukraine tatsächlich begann.

Gemessen daran war die Eröffnung der Winterspiele von Mailand und Cortina ein fröhlicher Reigen. Die Stimmung rund um San Siro war schon Stunden vor dem Beginn der Show frühlingshaft, und der 100 Jahre alte Fußballtempel (der leider bald abgerissen wird) leuchtete im Sonnenuntergang so schmelzig, als entstammte er einem italienischen Renaissancegemälde. Dem Überbietungswahn der vergangenen Olympiaden mit immer neuen technischen Sperenzchen setzten die Gastgeber nur eine Weltneuheit entgegen: Eine Eröffnungsfeier an vier Orten gleichzeitig hatte es bislang noch nicht gegeben.

Die Idee ist ein bisschen aus der Not geboren, liegen doch die Schauplätze dieser Spiele so weit auseinander, dass es keine Langläuferin, kein Snowboarder, keine Bobbesatzung aus den Bergeshöhen von Predazzo, Livigno oder Cortina nach Mailand geschafft hätte, ohne die eigenen Wettkampfchancen zu schmälern. Unter dem Motto “Armonia” fanden sie nun doch alle irgendwie zusammen, die Berge und die Ebene, zu einer Feier der Italianità, von Schönheit, Fantasie und bella figura. Harmonie sei nicht einfach das Thema der Show, hatte deren kreativer Kopf Marco Balich zuvor erklärt, sondern eine Art, die Welt zu sehen.

Der Mailänder Dom und eine Kaffeekanne werden ein Ganzes

Als Beweis dafür scheute er sich nicht, einige Kronzeugen aufzurufen, von denen der gemeine Sportfan bestimmt noch nicht gehört hat. Den neoklassizistischen Bildhauer Antonio Canova zum Beispiel, dessen Skulpturen gleich im ersten Akt einen prominenten Auftritt hatten. Natürlich kamen auch die großen Drei der italienischen Musik nicht zu kurz, Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Gioachino Rossini. Aber dass sogar richtige Lyrik zum Vortrag kam, ist im olympischen Showbizz eher unüblich, erst recht ein Gedicht wie Giacomo Leopardis Die Unendlichkeit: “Und so versinken / im Unermeßlichen mir die Gedanken, / und Schiffbruch ist mir süß in diesem Meere”.

So viel Selbstbewusstsein und Stolz auf das Eigene muss man erstmal haben, um einer Zuschauermenge, die in die Milliarden geht, Derartiges zu präsentieren. Aber die Italiener sind halt auch Weltmeister im Unesco-Weltkulturerbe. Vom Kolosseum bis zur Küche – kein Land kann so viele herausragende Kulturerzeugnisse vorweisen wie Italien. Und daran wird an diesem Abend mit einer Leichtigkeit erinnert, bei der sogar der Mailänder Dom und die berühmte Kaffeekanne Bialetti zu einem schicken Ganzkörperkostüm werden können.

Back to top button