Kultur

Olympia 2026: Lindsey Vonn stürzt bei Abfahrt – Silber für Emma Aicher | ABC-Z

High Noon auf der Tofane. Es ist zwölf Uhr mittags, als Lindsey Vonn das Starthäuschen auf der olympischen Abfahrtsstrecke betritt. Auf der Zuschauertribüne brandet Jubel auf. Amerikanische Flaggen werden geschwenkt. Zum ersten Mal an diesem sonnigen Sonntagvormittag kommt richtig Stimmung im Zielstadion von Cortina d’Ampezzo auf.

Gleich wird der mit Spannung erwartete Ritt auf der Rasierklinge der bekanntesten Kniepatientin beginnen. Showdown bei Olympia. „Sie oder ich?“, mag sich Lindsey Vonn gedacht haben, bevor sie sich abstieß und in die Tiefe stürzte: „Die Piste oder ich?“ Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf für die Skirennfahrerin mit der Startnummer 13.

„Ich werde morgen am Start stehen und wissen, dass ich stark bin. Ich weiß, dass ich an mich glaube. Ich weiß, dass die Chancen mit meinem Alter, dem fehlenden Kreuzband und dem Titan-Knie gegen mich stehen. Aber ich weiß, dass ich trotzdem daran glaube. Und meistens, wenn die Chancen am schlechtesten stehen, hole ich das Beste aus mir heraus“, hatte sie am Vortag via Instagram noch einmal wissen lassen.

Nach 13 Sekunden ändert sich alles für Vonn

Doch nach nicht viel mehr als 13 Sekunden Laufzeit ändert sich alles. Lindsey Vonn fährt in einer Rechtskurve das Richtungstor viel zu eng an, touchiert es leicht, der Oberkörper verdreht sich, sie hebt ab, landet hart auf dem rechten Knie, überschlägt sich mehrmals, prallt dabei hart mit dem Kopf auf, bleibt mit seitlich ausgestreckten Beinen im Schnee liegen und schreit vor Schmerzen. Dabei hält sie sich das linke Knie.

Helfer eilen herbei, der Rest der Skiwelt steht still nach „Lindsey’s Loop“. Auf der Publikumstribüne bangt Vonns Vater, bangen die Zuschauer. Die Erstversorgung im Schnee zieht sich hin. Nach neun Minuten kommt der Heliko­pter. Die Verunglückte wird auf einer Rettungsliege an einer Seilwinde emporgezogen, von einem Helfer flankiert, dann in die Kabine verfrachtet.

Als das Manöver gelungen ist, der Helikopter beidreht und über das Zielstadion hinweg den Weg ins Krankenhaus wählt, kommt spontan Beifall auf. Die Zuschauer erheben sich und klatschen aufmunternd für Lindsey Vonn, die gestürzte Skiheldin. Es ist eine gleichermaßen würdige wie befremdliche Szene. Sie vermittelt den Anschein eines endgültigen Abschieds. Wird Vonn jemals als Rennläuferin auf die Piste zurückkehren?

Gold geht trotzdem in die Vereinigten Staaten

Nach zwanzig Minuten Unterbrechung geht das Rennen weiter. „The show must go on.“ Wer wüsste das besser als Lindsey Vonn, die Olympiasiegerin von 2010, die beim Versuch, gegen jede Vernunft auch 2026 noch einmal Olympiasiegerin zu werden, der Strecke, aber vor allem wohl ihrem Ehrgeiz, ihrem Alter, ihren Vorverletzungen Tribut zollen musste.

Die Goldmedaille gewinnt dennoch eine Amerikanerin. Breezy Johnson hatte schon mit Startnummer sechs Bestzeit vorgelegt: Sie raste die 2572 Meter lange „Olimpia delle Tofane“ in einer Zeit von 1:36,10 Minuten hinab, überwindet 760 Höhenmeter mit einer Spitzengeschwindigkeit weit über 120 Kilometer pro Stunde. Der weiteste Sprung führt über 40 Meter hinaus. Johnson gelingt der Parforceritt, von dem Vonn geträumt hatte.

Ihr Sieg ist keine Überraschung, selbst wenn sie bislang keinen Weltcuperfolg vorweisen kann. Die 30-Jährige wurde 2025 Abfahrtsweltmeisterin. Auch sie verfügt über diese amerikanische Mentalität, dann am besten zu sein, wenn es darauf ankommt. Siegen oder fliegen.

Emma Aichners „wilde Fahrt“

Ganz im Sinne ihrer gestürzten Teamkollegin Lindsey Vonn. Auch Johnson bietet eine Leidensgeschichte: Einen Kreuzbandriss erlitt sie 2018. Danach setzte sie eine ganze Saison lang aus. 2024 wurde sie rückwirkend für 14 Monate gesperrt, nachdem sie binnen eines Jahres dreimal nicht für Dopingtests erreichbar gewesen war. Ihre Sperre endete im Dezember 2024. Zwei Monate später wurde sie Weltmeisterin.

Diesmal am nächsten kommt Johnson eine Deutsche, deren mentale Stärke sich aus völlig anderen Quellen zu speisen scheint. Der stets ruhigen, besonnenen, in ihrer Gelassenheit fast schon teilnahmslos wirkenden Emma Aicher fehlen im Ziel ganze 0,04 Sekunden zur Goldmedaille. Vier Hundertstelsekunden – umgerechnet etwa ein Meter.

Emma Aicher gewinnt Silber in der Abfahrt.
Emma Aicher gewinnt Silber in der Abfahrt.AP

Dabei kam der 22-Jährigen ihre Vorstellung gar „nicht wirklich gut“ vor, wie sie erzählte: „Ich bin wild gefahren“, sagte sie selbstkritisch: „Mich hat’s über jede Welle aufgerissen.“ Und tatsächlich sah ihre Fahrt nicht besonders geschmeidig aus, vor allem bei den Sprüngen geriet sie mehrmals in Not. „Ich hab nicht wirklich meinen Plan durchgezogen“, sagte sie: „Aber ich hab meinen Ski laufen lassen können und das gemacht, was ich machen kann.“ Der deutsche Cheftrainer Andreas Puelacher nannte Aichers Vorstellung dagegen „hervorragend“ und lobte ihre Fahrt zur Silbermedaille auf „fach-ski-nesische“ Weise: „Sie hat einen sehr schnellen Schwung.“

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Emma Aicher genoss ihren Erfolg in vollen Zügen, wobei sie selbst nach dem Gewinn der Silbermedaille, der ersten Medaille bei den Winterspielen für das deutsche Team, gerne erzählte, welcher Moment der schönste für sie sei: die zwei Minuten, bevor es losgeht. „Die Ruhe vor dem Start“, erzählte Aicher, „ist der größte Genuss.“

„Das ist eine Entscheidung, die nur ein Athlet treffen kann“

Dritte mit 0,59 Sekunden Rückstand wird die Italienerin Sofia Goggia. Die 33-Jährige aus dem Valle di Astino, der zwei Tage zuvor noch die große Ehre zuteil wurde, in der Olympiazweigstelle Cortina d’Ampezzo das olympische Feuer entfachen zu dürfen, besitzt nun einen kompletten olympischen Medaillensatz. Nach Gold in Pyeongchang und Silber in Peking gewann sie nun Bronze.

Und doch bestimmte Lindsey Vonns Schicksal den Renntag. „Ich habe gleich weggeschaut“, sagte Emma Aicher. „Eine doppelte Tragödie“, nannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Augenzeuge des Rennens, den Unfall. Johan Eliasch, der Präsident des Weltskiverbands, glaubt nicht, dass der Start ein zu großes Risiko war: „Ich weiß, dass sie ihren Körper und ihre Schmerzen kennt. Sie weiß, was sie kann.“ Eine besondere Verantwortung der FIS – im Sinne der Einführung einer Schutzsperre als Regel für Verletzte – sah Eliasch daher nicht: „Das ist eine Entscheidung, die nur ein Athlet treffen kann.“

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