Geschäftsführer-Fraud: Wie Betrüger Banken um Millionen bringen | ABC-Z

Jemand ruft an und gibt sich fälschlicherweise als jemand anderes aus, um an Geld zu gelangen – eine gängige Masche, die zahlreiche Menschen bereits um ihr Erspartes gebracht hat. Diese Fälle, die unter Namen wie „Enkeltrick“ oder „falsche Polizeibeamte“ bekannt sind, treffen fast ausnahmslos Ältere – Menschen, die vielleicht leichtgläubiger sind, die nicht permanent in Zeitungen und im Internet von diesen Betrügereien lesen und dadurch gewarnt sind. Hinzu kommt, dass die Kriminellen genau wissen, wie sie derartigen psychologischen Druck aufbauen, dass die Opfer ihre eigenen Handlungen nicht mehr hinterfragen.
Was sie noch gemein haben: Sie sind alle Privatpersonen. Es ist die eigene Großmutter, der Nachbar, der ehemalige Lehrer. Doch es gibt Betrugsmaschen, bei denen die Täter ihr Auge auf eine potentielle Geldquelle gerichtet haben, die eine noch viel größere Summe verspricht: Banken.
Ein Fall der Frankfurter Ermittlungsbehörden zeigt nun, wie erschreckend einfach es für die Betrüger sein kann, an genau dieses Geld heranzukommen. Vom 30. September an müssen sich sechs Männer vor dem Landgericht Frankfurt verantworten, die als mutmaßlicher Teil einer Bande mit dem sogenannten CEO-Fraud zahlreiche Banken betrogen haben sollen. Von den 25 angeklagten Taten, die von Februar 2023 bis Oktober 2024 begangen worden sein sollen, sind zahlreiche Geldhäuser deutschlandweit betroffen. Der Gesamtschaden soll im Millionenbereich liegen. Mehr als 600.000 Euro wurden dabei im Rhein-Main-Gebiet erbeutet.
Anrufer geben sich als Geschäftsführer echter Unternehmen aus
Beim CEO-Fraud geben sich Betrüger als Geschäftsführer meist mittelständischer Unternehmen – beispielsweise von Autohäusern – aus, um den Transfer hoher Geldsummen zu veranlassen und so an diese zu gelangen. Im konkreten Fall kontaktierte nach Angaben der Strafverfolger ein Anrufer Bankmitarbeiter und gab sich als Geschäftsführer real existierender Unternehmen aus.
Er soll dann die Mitarbeiter am Telefon dazu gebracht haben, von dem Konto des geschädigten Unternehmens zahlreiche Einzelüberweisungen in vier- und teilweise fünfstelliger Höhe auf Konten von durch die Bande kontrollierten Geldwäschern – auch „Finanzagenten“ genannt – durch Eilüberweisung in Echtzeit zu transferieren.
Nachdem das Geld auf die Konten, die von den „Finanzagenten“ im Vorfeld der Taten eigens für die Tatbegehung eröffnet worden sein sollen, eingegangen war, soll es kurz danach in bar abgehoben worden sein. Die Geldwäscher erhalten wie in Bandenstrukturen üblich einen Anteil, der Rest der Beute wird weiter aufgeteilt.
Der Kopf der Bande bleibt im Ausland unerreichbar
Angeklagt sind nun drei bulgarische Staatsangehörige im Alter zwischen 25 und 30 Jahren, die bis zu ihren Festnahmen im Oktober 2024 beziehungsweise im April dieses Jahres in Frankfurt wohnten. Sie sollen als „regionale Logistiker“ die „Finanzagenten“ angeleitet und koordiniert haben und das abgehobene Geld der nächsthöheren Ebene innerhalb der Bande übergeben haben, den „überregionalen Logistikern“.
Auch aus diesem Teil der Gruppe sind drei Männer angeklagt. Die Männer aus Syrien sind zwischen 23 und 27 Jahre alt und wohnten in Dresden. Sie wurden im Oktober 2024 festgenommen. Mindestens einer der Angeklagten soll die Taten vollumfänglich gestanden haben, wie aus Justizkreisen zu hören war.
Der mutmaßliche Anrufer, der Kopf der Bande, ist nach Informationen der F.A.Z. ein 40 Jahre alter Mann, der sich im Libanon aufhält – und damit unerreichbar für die Strafverfolger ist. Auch das ist ein Detail, das zeigt, wie einfach es die Bande bei ihren Taten hatte: Der Mann soll dem Vernehmen nach sogar immer mit einer libanesischen Vorwahl angerufen haben. Ob diese beim Durchstellen des Kundencenters noch am Schalter angezeigt wurde, ist allerdings unklar.
Bankmitarbeiter fielen auf Überweisungen und Abhebungen herein
Das Phänomen „CEO-Fraud“ ist nicht neu – und trotzdem funktionierte es in den Fällen fast ausnahmslos, wie F.A.Z.-Recherchen zeigen: am Telefon, wenn die Echtzeitüberweisungen veranlasst werden. Mit einer manipulativen Gesprächsführung baute der Anrufer Druck auf die Mitarbeiter auf und schaffte es meist, dass sie seiner Forderung nachkamen – selbst wenn anfangs Skepsis vorhanden war.
Teilweise gab der Mann mehr als eine Stunde lang zahlreiche Überweisungen durch. Alles, was der Mann zuvor angegeben hatte, um sich als vermeintlicher Geschäftsführer auszuweisen, war der vollständige Name und das Geburtsdatum – beides ist beispielsweise im Handelsregister einzusehen.
Der zweite Schritt ist aber für die Betrüger genauso entscheidend wie der erste: die Abholung des Geldes am Schalter. Und auch hier haben sie wieder leichtes Spiel. Wie F.A.Z.-Recherchen ergaben, fiel niemandem auf, dass den Kontoinhabern plötzlich mehrere Tausend Euro von einem Autohaus überwiesen wurden und dieses Geld nur kurz danach vollständig abgehoben wurde. Auch dass Teile der Bande häufig dabei waren und teilweise mehrmals bei derselben Bankfiliale hohe Bargeldbeträge abhoben, erweckte kein Misstrauen. Bis auf wenige Ausnahmen wurde das Geld immer ausgezahlt.
Der F.A.Z. liegen Informationen vor, wonach vor allem Konten der Postbank dafür genutzt wurden, weil die Betrüger Abhebungen bei diesem Geldinstitut als besonders erfolgversprechend einschätzen. Auf Anfrage teilte ein Sprecher des Mutterkonzerns Deutsche Bank mit: „Deutsche Bank und Postbank nehmen das Thema ‚Betrug gegen unsere Kunden‘ sehr ernst. Alle Mitarbeitenden werden regelmäßig zur Erkennung und Verhinderung von Finanzkriminalität geschult.
Die Betrugsmasche geht weiter
Dies erfolgt über verschiedene Wege, zum Beispiel durch computerunterstützte Lernprogramme, Präsenztrainings oder ad hoc bei konkreten Hinweisen zu aktuellen Ereignissen.“ Mehr könne man in diesem Fall nicht mitteilen. Die Frage nach Sicherheitskontrollen beim Abheben großer Geldbeträge am Schalter bleibt unbeantwortet. Auch auf den Aspekt, wie die Postbank künftig sicherstellen will, dass sie nicht für diese Betrugsmasche genutzt wird, wird nicht weiter eingegangen. Wie notwendig dies ist, zeigen Erkenntnisse aus Justizkreisen: Denn die Taten werden von Teilen der Bande weiter begangen.
Der verursachte Schaden bleibt letztlich bei den Banken hängen; die Unternehmen, von denen das Geld zunächst überwiesen wurde, sind entschädigt worden. Es trifft wie bei anderen Telefonbetrügereien vermutlich aber auch die Bankmitarbeiter, die sich wahrscheinlich Vorwürfe machen und deren Fähigkeit zum Vertrauen nachhaltig beschädigt wurde.
Eine Anekdote aus Ermittlerkreisen zeigt, dass für CEO-Fraud-Fälle vermutlich noch nicht genug sensibilisiert wird: Als die Polizisten bei einer Bank anriefen, weil sie den Betrug bei der Telefonüberwachung live mitverfolgten und sie das Geldinstitut warnen wollten, glaubten die Mitarbeiter den Beamten nicht. Das gesamte Geld wurde von den Tätern abgehoben. Zumindest vor der Betrugsmasche „falsche Polizeibeamte“ scheinen die Mitarbeiter eindringlich gewarnt gewesen zu sein.





















