Felix Magath bei Aschaffenburg in der Regionalliga: Er krempelt alles um – aber warum? – Sport | ABC-Z

Obwohl er zuletzt im Frühjahr 2022 als Coach von Hertha BSC einen Bundesligisten trainiert hat, ist Magath in Fußball-Deutschland nach wie vor als harter Hund und Spieler-Peiniger verschrien. Diese Schuhwahl bei so einem Wetter: Ist das also Felix Magath in Reinform? Trotzt er dem Winter, der München an diesem Dezembertag im Klammergriff hält?
Als Magath vom Rad steigt, lächelt er. Es wirkt gequält. Dann erklärt er, dass er eine Fußverletzung habe, eine Entzündung an einem Zeh. Er komme nicht mehr in den Schuh und trage deshalb am linken Fuß einen Latschen.
:Ein HSV-Sportchef, der lieferte, was er liefern sollte
Platz 13 in der Bundesliga, Stimmung gut, schuldenfrei: Stefan Kuntz war beim Hamburger SV erfolgreicher als alle Amtsvorgänger in den vergangenen 15 Jahren. Sein Abschied aus privaten Gründen trifft den HSV aus dem Nichts.
Magath humpelt ins Café und setzt sich auf einen Hocker. Was er in den darauffolgenden eineinhalb Stunden sagen wird, wirft die Frage auf, ob Magaths Ankunft, mit Badelatschen an einem bitterkalten Tag, vielleicht für etwas Größeres steht. Ob das öffentliche Bild möglicherweise verzerrt ist – so wie auch der erste Eindruck, als Magath mit dem Rad ankam, getäuscht hat. Ist alles ganz anders? Oder ist zumindest der späte Magath ein anderer Magath als der, den man seit Ewigkeiten zu kennen glaubt?
Im Gespräch soll es darum gehen, warum er im August als Sportvorstand bei Viktoria Aschaffenburg eingestiegen ist. Um die Frage, was ihn antreibt, sich bei einem finanziell schwer angeschlagenen Fußball-Regionalligisten zu engagieren. Magath stammt aus Aschaffenburg, im Münchner Café sagt er: „Ich mache es, weil mir die Viktoria am Herzen liegt.“ Magath, der Altruist? Hat er ausschließlich aufrichtige und ehrbare Motive, obwohl er den gesamten Klub auf links dreht und an allen Ecken und Enden des Vereinsgeländes Irritationen, Enttäuschungen und blanke Wut auslöst?
Das Bild, das Magath im Café zeichnet, ist das eines selbstlosen Fachmanns, der nur aus Liebe zum Fußball handelt
Der 72-Jährige holt aus und erzählt von seinen Anfängen. In den Sechzigern wurde er beim VfR Nilkheim und beim TV 1860 Aschaffenburg groß. Von 1972 bis 1974 spielte er bei der Viktoria, ehe er über Saarbrücken 1976 zum Hamburger SV kam. Dort wurde er dreimal deutscher Meister und bescherte dem Verein 1983 mit einem Tor im Finale gegen Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister – den größtmöglichen Triumph, den Champions-League-Titel der Vorzeit.
Jetzt aber spricht Magath erst einmal über Dankbarkeit gegenüber der Viktoria. „Die kleinen Vereine“, sagt er, „sind das Rückgrat des Fußballs.“ Jede Karriere, die Meister und Pokalsieger hervorbringe, habe ihren Anfang auf einem Dorfsportplatz. Was Magath damit sagen will: Bei allen Erfolgen weiß er, der Europameister von 1980, ganz genau, woher er kommt. Und deshalb helfe er, erklärt Magath: „Ich will, dass die Viktoria wieder besser dasteht und sich irgendwann vielleicht Richtung dritte Liga orientieren kann.“
Das Bild, das Magath im Café zeichnet, ist das eines selbstlosen Fachmanns, der nur aus Liebe zum Fußball und zur Viktoria handelt. Magath geht in die Tiefe, breitet Details aus, erzählt von seinem ersten Trainer überhaupt. Er spricht in einer derartigen Ausführlichkeit, dass sich irgendwann tatsächlich die Frage aufdrängt, ob das über Jahrzehnte geprägte Image derart verfälscht ist, dass man Magath gar nicht mehr zutraut, sich einfach nur aus Nächstenliebe einzubringen.
Die große Erzählung, die der einstige Bayern-Trainer unter das Volk bringen will, sollte allerdings schon allein deshalb aufhorchen lassen, weil er sie beinahe gebetsmühlenartig wiederholt und im selben Atemzug kein gutes Haar an der Viktoria lässt – nicht einmal eines mit der Länge einer Wimper. „Dass der Verein nicht wie ein Bundesligist aufgestellt ist, ist ja klar. Dass es aber so dünn ist, hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt Magath und meint beispielsweise die medizinische Versorgung der Spieler.
Magath scheint nicht so recht im Bilde zu sein, wie es in der Regionalliga überhaupt zugeht
Im Laufe des Gesprächs findet er auch noch weitaus drastischere Worte und schlägt mehrmals die Hände vors Gesicht, wenn er über einzelne Spiele und die dürftigen Leistungen der Viktoria spricht. Tatsächlich fehlt es dem Kader an Qualität – aber muss die Kritik derart unverhohlen und vernichtend, ja beinahe ehrabschneidend sein, wenn man doch selbst Verantwortung trägt und obendrein aus Liebe handelt?
Im Café ist Magath auch humorvoll und schlagfertig – wenn er in die Analyse geht, wirkt er aber herrisch und damit unnahbar. Dabei wird nach einiger Zeit deutlich, dass er nicht so recht im Bilde ist, wie es in der Regionalliga überhaupt zugeht.
Magath wohnt weiter in München und lenkt die Viktoria aus einer Entfernung von 380 Kilometern. „Natürlich ist das ein Problem“, gesteht er, „aber ich habe das von Anfang an kommuniziert.“ Und jetzt trifft er aus der Ferne weitreichende Entscheidungen. Am Freitag verkündete die Viktoria, dass der Ex-Profi Felix Luz, der zuletzt den Kreisligisten TSV Deizisau trainiert hat, als neuer Coach einsteigt. Nicht einmal eine Woche nach seiner Wahl zum Sportvorstand hatte Magath sowohl Trainer Aytac Sulu als auch Sportleiter Sandro Sirigu freigestellt. Das habe „mindestens für große Verwunderung“ gesorgt, heißt es aus der Kabine.
Dass Magath den Fitnesstrainer Werner Leuthard, einen seiner langjährigen Begleiter, kurzzeitig nach Aschaffenburg holte, um Spieler für die letzten Partien vor der Winterpause fit zu machen, verstörte die Leute ebenso wie die Ausbootung von Max Grün. Der Stammtorwart war verletzt, wäre beim Jahresabschluss aber einsatzbereit gewesen. Dennoch verpflichtete die Viktoria Eric Verstappen und ließ wissen, er komme „für die zwei ausstehenden Partien vor der Winterpause“. Grün, so sehen es viele im Verein, wurde Magath lästig, weil er den Kurs des neuen Sportvorstands kritisierte. Inzwischen wurde Grüns Vertrag aufgelöst.
In Würzburg hinterließ er einen Scherbenhaufen, der dem heutigen Viertligisten lange zu schaffen machte
Wie Magath die Viktoria nach seinem Gusto verändert, veränderte er 2020 auch den damaligen Zweitligisten Würzburger Kickers und hinterließ einen Scherbenhaufen, der dem heutigen Viertligisten lange zu schaffen machte. Nun, im Café, bleibt Magath bei vielen Themen im Vagen und verstrickt sich hier und da auch in Widersprüche. Er, der erst im November von den Mitgliedern gewählt wurde, erklärt beispielsweise: Die Viktoria habe schon im August verkündet, dass er das Amt des Sportvorstands kommissarisch übernehme, um frühzeitig ein Signal an die regionale Wirtschaft zu senden. Hätte Magath sich dann aber nicht öffentlich in Szene setzen müssen, um Aufbruchstimmung zu entfachen?
Er begründet sein Schweigen mit Grabenkämpfen innerhalb des Vereins. Diese hätten ihn zunächst abgeschreckt. Warum aber hat er sich dann überhaupt zum Interimssportvorstand ernennen lassen? Details wie diese mögen der Geschichte von Magaths Rückkehr in den Fußball den Anstrich einer Provinzposse verleihen, sie helfen aber, sich der Antwort auf die Gretchenfrage nach seinen Motiven anzunähern.
Magath hat der Viktoria schon in der Vergangenheit ein ums andere Mal geholfen, indem er mit seinen Bundesligisten zu Testspielen nach Aschaffenburg kam. Das kann er für sich reklamieren, doch auch nach eineinhalb Stunden im Café lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, was Magath antreibt. Die Viktoria hat finanzielle Sorgen. Noch ist nicht einmal der Spielbetrieb bis zum Ende der Saison sichergestellt. Gleichzeitig halten sich am Untermain die Gerüchte, Magath werde aus externen Quellen bezahlt. Verantwortliche der Viktoria bestreiten das vehement. Und so sind immer noch Fragen offen, als Felix Magath wieder aufs Rad steigt und davonfährt in die Münchner Dämmerung.





















