Kultur

Neues Album von Mary Ocher: Ein Kessel Buntes mit dreiteiligem Kopfschmuck | ABC-Z

Die Berliner Künstlerin Mary Ocher, seit einem guten Dutzend Jahren mit selbstironischem Humor und dystopisch eingenordeter Theatralik eine verlässliche Größe in den Nischen des experimentellen Pop, lädt zur Albumtaufe – und die könnte sich als stärkerer Tobak erweisen als das, was man von der israelisch-russischen Avant-Pop-Künstlerin sonst so kennt.

Schließlich trägt ihr neues Werk den Titel „Weimar“, und dessen Musik präsentiert sich schwermütiger, weniger verspielt – dieser neue Sound offenbart sich schon beim flüchtigen Reinhören. Neben Ochers theatralischem, an Diamanda Galas oder auch Lotte Lenya erinnernden Gesang spielt das Klavier die tragende Rolle.

Hieß der Vorgänger noch zweckoptimistisch „Your Guide To Revolution“, fragt Ocher im begleitenden Essay zum neuen Album (seit „The West Against The People“ fester Bestandteil ihrer Veröffentlichungen), ob das, was wir gerade politisch und gesellschaftlich erleben, Parallelen zu Endphase der Weimarer Republik aufweist. „Und wenn ja, wie geht es dann weiter?“

Große Resonanz

Mit der Angst, das sich die Dinge zum ganz Schlechten einwickeln, ist Ocher keineswegs allein. Und doch, so war zu lesen, befürchtet sie, dass allein der Titel dazu führen würden, dass ihr Album kritisiert oder ignoriert wird. Über mangelnde Resonanz kann sie sich am Freitagabend nicht beklagen: Die zum Jugend[widerstands]museum umgewidmete Galiläakirche in Berlin-Friedrichshain ist gut gefüllt. Sogar zum vorab stattfindenden Panel sind die meisten schon da.

Passend zum Album geht es um große Fragen: „Individuelle Freiheiten und Zensur in den letzten 100 Jahren bis heute“, so das Thema, über das sich Ocher mit Gästen austauschen will: Künstlerin Zoncy Heavenly aus Myanmar, der nordirische Historiker Finn Ballard, die ziemlich coole iranische Rapperin FarAvaz. Das funktioniert ohne Moderation leider nur ansatzweise, beim Panel fehlt der rote Faden.

FarAvaz beklagt, dass die Medien hierzulande lieber über den Iran als über ihre Musik reden wollen – und vielleicht deshalb betreibt die im deutschen Exil lebende Künstlerin fleißig Selbstpromotion. Und dass überhaupt das Dilemma zur Sprache kommt, mit dem Ocher sich aufgrund ihrer jüdisch-israelischen Herkunft immer wieder konfrontiert sieht, braucht es einen Einwurf aus dem Publikum.

West-östliche Diva

Neulich, so erfährt man, habe ein Journalist ein Interview abgebrochen, weil ihre Meinung zum Nahostkonflikt nicht in das Narrativ passt, was er um sie herum stricken wollte – ihrer Erfahrung nach kein Einzelfall. „Wenn ich nicht das sage, was sie für meine Meinung halten, finden Journalisten oft interessante Wege, nicht zu sagen, was ich eigentlich denke.“

Auf ihre Sozialisation in Israel, wohin ihre Eltern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgewandert waren, blickt sie kritisch – immer wieder betont sie, wie ihre Erziehung an einer religiösen Schule von nationalistischer Propaganda und Xenophobie geprägt war. Als Ocher die Einberufung zur Armee drohte, ging sie nach Berlin. Im Essay bezeichnet sie die Stadt in den Nullerjahren als „sanctuary“, als Zufluchtsort – was ein bisschen nach naiver Projektion aus der Expat-Bubble anmutet.

Inzwischen jedoch erlebe sie bisweilen, dass sie, wenn sie auftritt, bitte nur singen und bloß keine Ansagen machen soll. Vor der Zensur steht offenbar die Selbstzensur. Das Konzert selbst sorgt dann jedoch für Ausgelassenheit. Ocher trägt einen interessanten dreiteiligen, an die 1920er Jahre gemahnenden Kopfschmuck. Musikalisch ist ein schön verspulter Kessel Buntes zu hören – keineswegs nur getragen und kammermusikalisch wie das Album, das sie mit Violinist Yukari eindrücklich auf die Bühne bringt.

Sie wechselt immer wieder die Instrumente, moderiert sich mit Charme durch die wild gemischte Setlist und bindet das Publikum mit Karaoke ein. Auch wenn uns eventuell düstere Zeiten bevorstehen – am Freitag gehen alle beseelt nach Hause.

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