Kultur

Neues Album von bauSTELLE: Harte Zeiten für Hurensöhne | ABC-Z

„Fick dich, Rock, fick dich / Fick dich und deine Bands / Fick deine ganze Art / Fick Strophe und den Chorus / Und was ich sonst noch tun muss / Bis das Solo kommt – Bitch!“ Ausmalen muss man sich, wie dieser Songtext über einem nervigen Piepsgeräusch und einem fiesen, stumpfen Beat angestimmt wird. Die tief weibliche Sprechstimme ist leicht verzerrt und klingt zugleich extrem angeekelt. „Der Rock hat einen Fan verloren / Mein Hass hat bauSTELLE geboren!“

Luise Matthes hat sich bauSTELLE ausgedacht: „Ich habe viel mit Männern Musik gemacht, mit Rockmusikern auch“, erklärt die Künstlerin im Gespräch mit der taz. Viele dieser Typen hätten ihr angesagt, wie das so funktioniere mit der Musik: „Techno, HipHop, so was hören nur Idioten, hieß es dann immer. Ich durfte, wenn überhaupt, für ein paar Orgelakkorde in die Tasten greifen. Wir machen hier handgemachte Rockmusik!“

Matthes sitzt in ihrem Proberaum, in einem Industriehinterhof in Weimar, gleich hinterm Bahnhof. Der 40-Quadratmeter-Raum ist ein buntes Durcheinander: Da steht ein Klavier, in einer Ecke hängen Kleider, Bühnenkostüme, ein Teil des Raums dient als Werkstatt – Luise Matthes ist Holzbildhauerin von Beruf. In der Sofasitzecke hängen Familienfotos, ein Porträt von Bob Dylan mit falschem Autogramm („Dülan“), ein großes, blumengerahmtes Porträt von Gisèle Pelicot.

Mit Acidhouse durch die Pandemie

„Das Schlimmste aus deren Sicht war Trapsound. Aber irgendwann bin ich älter geworden und dachte: Das stimmt ja gar nicht! Und dann begann Covid, und ich hatte viel Zeit. Also habe ich angefangen, mir all diese Sachen anzuhören, Acidhouse und Detroit-Techno, und das ganze Love-Parade-Zeug.“ Tatsächlich hat also auch Covid bauSTELLE geboren: Eine Ein-Frau-Show, die macht, was sie will.

Album und Liveauftritte

bauSTELLE: „Nachtschicht“ (People’s Person);

live: 4.4.2026 „A-Tage“ Potsdam, 18.4.2026 „Lokomov“ Chemnitz,29.5.2026 „Komplex“ Schwerin, 30.5.2026 „Basta“ Görlitz, 25.7. „Faetzig Camp“, wird fortgesetzt

Kategorien wie der gute Geschmack zählen für sie nicht. Mit Samples von der Plattform freesound.org lässt sie Trommelfelle zucken und manchmal auch die Zwerchfelle. Bei den Liveauftritten zu ihrem Debütalbum „Interstellar“ (2022) war sie in einem knappen Glitzerkleid zu erleben. Links und rechts vom Kopf baumelten hüftlange Pferdeschwänze aus Dichtungshanf, in der Hand ein Plastikschwert, so groß wie sie selbst.

Mit der anderen Hand schraubte sie an ihren Computern und musste dabei immer wieder selbst über ihre absurden Songtexte lachen. Für Matthes ist das so eine Jekyll-and-Hyde-Sache geworden: „Ich dachte mir, da schon meine Musik aus einer Art Tabubruch entstanden ist, nehme ich für die Bühnenfigur auch Sachen, wo die Leute sagen: Das ist nervig oder peinlich. Einen Namen brauchte ich auch. Als Restauratorin klettere ich tagsüber viel auf Gerüsten rum, und wenn die Dunkelheit kommt, klappt so diese Figur aus, dann bin ich bauSTELLE, das ist die Nachtvariante von mir.“

Überhaupt keine Angst mehr

Diese düstere Seite der Luise Matthes hat jetzt ein zweites Album veröffentlicht: „Nachtschicht“. Die Musik ist zum Schreien: Nach den Mühen der männerdominierten Bands (angefangen hatte es in der thüringischen Provinz mit Coverbands) stellt sich die Künstlerin einfach alleine auf die Bühne und entwickelt als Solistin eine Wucht und einen Witz, wie man das nur selten erlebt hat. Wie geht diese Verwandlung vonstatten? Die 36-Jährige zuckt nur mit den Schultern: „Ich habe schon so viel Zeug auf Bühnen gemacht, da habe ich überhaupt keine Angst mehr.“

Auf „Nachtschicht“ sind es 14 Stücke, alle arrangiert mit Open-Source-Software. Schon die Songtitel machen Spaß: „Amokmädchen“, „Damage Dealer“ (in einer „Ostdeutschland“- und einer „Westdeutschland-Version“), „Kein Himmel über Gotha“ (dazu gibt es ein gruseliges Video im Black-Metal-Style, gedreht ganz alleine an einem Novembermorgen in der Rhön).

„Alleine im Glockenturm“ erzählt von einer mysteriösen Frau, die uns bei unseren alltäglichen Verrichtungen unterstützt: „Ich entkrümele für euch den Toaster / Ich kleister für euch die Poster / Ich brenne für euch den Obstler / Ich penne für euch im Kloster.“

So mysteriös ist das Ganze allerdings nicht: Matthes hatte all die Dienst­leis­te­r*in­nen im Sinn, die das Leben am Laufen halten und deren Arbeit erst in der Pandemie überhaupt so etwas eine zaghafte allgemeine Würdigung erhalten hat. Dass sich das dann ausbuchstabiert als „Ich gieße für euch den Garten / Ich rieche für euch den Braten“ – Matthes nenne es „Helge-Schneider-haftigkeit“: Albernheit mit Abgrund.

Guter Geschmack zählt für sie nicht. Sie lässt Trommelfelle zucken und manchmal Zwerchfelle

Was die Klangebene angeht, haben sich noch Einflüsse wie Deichkind und Haftbefehl dazugesellt. bauSTELLE-Sounds sind aber noch stumpfer und billiger als die der Hamburger Elektro-Spacken und ihre Reime weit unpathetischer als die der Offenbacher Kiezgröße.

Einer Berufsgruppe die Ehre erweisen

Deren Härte leiht sie sich, um im Song „Admin“ einer anderen Berufsgruppe die Ehre zu erweisen: „Du bist nicht sehr sorgfältig im Umgang mit deinen Daten / So wie ich dich kenne kann ich deinen Login raten / Hurensohn69, und ich komm rein / First try und dein Mailaccount ist mein / Dein Twitch-Money geht komplett an das Duisburger Frauenhaus / Danke, sieht schon gar nicht mehr so düster für die Frauen aus.“

Selbstverständlich können die Musik und das Auftreten von bauSTELLE feministisch gelesen werden. Matthes möchte das aber nicht überbewerten, sie nennt es „preaching to the choir“. Sie bewirke im Alltag womöglich mehr, sagt sie, wenn sie als Restauratorin zusammen mit Männern auf einer Baustelle arbeitet.

So großmäulig und breitbeinig Matthes als bauSTELLE auftritt, singt sie aber auch eher aus der Underdog-Perspektive. „Ich wär so gerne wie du“ heißt es in „IWSGWD“: „Ich wär so gerne der Boss / 2 Meter 50 groß / Ich wär so gerne der Boss“, zu einem flirrenden, technoiden Beat, mit viel Hall und Echo auf der Stimme.

Immer wieder drängt sich hier auch das Bild der durchgeknallten Type auf, die sich in einem geheimen Palast (oder einem Weimarer Hinterhof?) Allmachtsfantasien hingibt. In Zeiten realer durchgeknallter Typen hat das vielleicht auch einen besonders erleichternden Effekt: Wäre doch nur bauSTELLE der Boss! Gerne 2 Meter 50 groß und mit Plastikschwert in der Hand.

Manch verirrter Typ

Allerdings verirren sich auf ihre Konzerte doch manchmal Typen, die sie nicht zum „choir“ zählen würde. „Dann wird es spannend, wenn du ein Publikum hast, das denkt: Was ist denn das hier jetzt für ein Kunstscheiß.“ Manchmal kriegt sie diese Typen durch den billigen Beat: „Dann merke ich so richtig, wie die sich dagegen wehren. Die checken ja schon, dass ich jetzt nicht Mickie Krause bin oder so. Aber irgendwas passiert dann, und dann lassen sie los und feiern es ab.“

Schlager, das könnte auch noch ein Genre für bauSTELLE sein. Um es den Rock-Männern zu zeigen: „Die ganzen Männer, die mir in meinem Leben Ratschläge gegeben haben, ich höre die immer noch. Sie bewerten, was ich mache, da ist ein innerer Dialog am Laufen, sobald ich wach werde.“ bauSTELLE wurde geboren, um Rache zu nehmen. Und diese Rache ist süß.

Back to top button