Neuer Bürgermeister in Geretsried: Kohlert will mehr Grün im Stadtzentrum – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Vom Protest zur Verantwortung: Patrik Kohlert, 45, ist zum neuen Chef im Geretsrieder Rathaus gewählt worden. Seine politische Laufbahn hat der Verwaltungsfachwirt vor neun Jahren auf der anderen Seite der Macht begonnen. Er, der mit Ehefrau Michaela und zwei Söhnen am Amselweg – unmittelbar hinter dem neu gestalteten Stadtzentrum – lebt, versuchte damals zusammen mit anderen Anliegern, Höhe und Intensität der Neubebauung zu vermindern. Die Bürgerinitiative (BI) Karl-Lederer-Platz warnte seinerzeit vor allem vor dem siebengeschossigen sogenannten „Klotz“ des Bauunternehmens Krämmel.
Kohlert hatte zu jener Zeit keineswegs vor, auf dem Bürgermeistersessel zu landen. Sein Weg führte über die „Geretsrieder Liste“, die aus der BI erwuchs, 2020 in den Stadtrat. Dass er sich sechs Jahre später zur Kommunalwahl fürs Amt des Bürgermeisters bewarb, begründete er so: „Ich trete an, weil unsere Stadt einen neuen Kurs braucht.“ Und nun, da er zu seiner eigenen Überraschung in der Stichwahl gegen Amtsinhaber Michael Müller (CSU) gewonnen hat, kommt er wieder auf jenes Thema zurück, das ihn erst in die Politik geführt hat. Er wolle, so formuliert er mit angedeuteten Gänsefüßchen, den Karl-Lederer-Platz „retten“. Zwar müsse er erst mit dem Stadtbauamt und der Feuerwehr detailliert besprechen, was möglich sei. Aber ihm schwebe „ein grünes Band durch die Stadt“ vor.
Kohlert spricht damit einen wunden Punkt des unterlegenen Amtsinhabers an: die vielfach von Bürgerinnen und Bürgern geäußerte Kritik, das Stadtzentrum sei „eine Betonwüste“ geworden. Michael Müller hat dies stets zurückgewiesen. Kohlert dagegen hält es für dringend nötig, „mehr Grün auf den Platz“ zu bringen.
Er sagt das nicht nur aufgrund eigener Ansicht. Kohlert versucht damit auch jene Rolle zu übernehmen, die er von sich selbst als Bürgermeister erwartet. „Bürger müssen das Gefühl haben, gehört und verstanden zu werden“, betont er. Für echte Bürgerbeteiligung reiche es nicht aus, präsent zu sein. Er wolle Probleme ernst nehmen und auch dann darauf eingehen, wenn er „Gegenwehr“ erfahre.
„Die Leute haben genug von diesem Immer-mehr und Immer-weiter“
Angesichts der Stadtzentrum-Gestaltung und des neuen Quartiers zwischen Elbe- und Banater Straße mit 770 Wohnungen in 22 vier- bis achtgeschossigen Blöcken ist Kohlert überzeugt: „Die Leute haben genug von diesem Immer-mehr und Immer-weiter. Es muss nicht alles so hoch und groß sein.“
Es ist zu vermuten, dass dieses Ziel einer gemäßigten Stadtentwicklung Teil seines Überraschungserfolgs war. Das Spektrum der Themen, für die er sich im Wahlkampf aussprach, reichte ansonsten von der Pflege des Stadtwalds über diverse Freizeit- und Sporteinrichtungen vor allem für junge Leute, wie Pumptrack und Outdoor Escape Game, bis zur Trinkwasservorsorge. Kohlert berichtet, wie er in der zweiten Woche vor der Stichwahl an Infoständen zunehmend Zuspruch erfahren habe. Immer wieder hätten Leute schlicht gesagt: „Ich wähle Sie.“

Beim ersten Wahlgang am 8. März mit vier Bewerbern war Kohlert dann auf 24,6 Prozent der Stimmen gekommen; Müller auf 43,1 Prozent. In der Stichwahl setzte sich der Vertreter der Geretsrieder Liste mit 51,8 Prozent gegenüber 48,2 Prozent durch. Dass er diesen Erfolg zu Hause, im Kreis nicht nur von Parteifreunden, sondern vor allem seiner Familie erlebte, belegt eine zentrale Haltung, die Kohlert betont: Die Familie stehe immer an erster Stelle. Er bezeichnet sich als „stolzen Vater“ zweier Buben im Alter von neun und zehn. Und mit einer geradezu privaten, warmen Direktheit sagt er im Gespräch mit der Zeitung: „Ich liebe meine Frau.“
Nach und nach arbeitet sich der künftige Geretsrieder Bürgermeister in seine Amtsgeschäfte ein. Viele Gespräche habe er schon geführt, erzählt er. Und eine Handvoll Mitarbeitende kenne er noch aus seiner beruflichen Anfangszeit, denn Kohlert hat seine Ausbildung 1997 bis 2000 im Geretsrieder Rathaus absolviert. Mehrmals hebt er hervor, wie professionell Bürgermeister Müller den Amtswechsel abwickle; dass er ihn bereits in die Sitzungsplanung einbeziehe und „alles für eine gute Übergabe“ tue. Auch in einem anderen Punkt zollt der Neue dem Amtsvorgänger Respekt. Müller habe sich um Kunst und Kultur in Geretsried verdient gemacht, sagt er. „Mit dem kulturellen Angebot sind wir extrem gut aufgestellt.“
Im Wahlkampf hatte Kohlert seinen Amtsvorgänger Müller auf Plakaten verulkt
So wertschätzend war es im Wahlkampf nicht zugegangen, da hatten Kohlert und seine Geretsrieder Liste (GL) Müller verulkt, weil der seinen steten Begleiter, den Hund Luigi, mit auf einem Wahlplakat abgebildet hatte und dazu den Slogan: „Wau, geht’s Geretsried gut“. Kohlert und die Seinen konterten mit einem Plakat, auf dem ein trauriger Hund vor einem leeren Napf sitzt, und dazu die Zeile: „Wau, Geretsried geht das Wasser aus.“ Auf der Homepage der GL war dazu nachzulesen, die Trinkwasser-Situation in Geretsried sei kritisch und der Bürgermeister verweigere Antworten.
Nach der konstituierenden Stadtratssitzung am 12. Mai wird Kohlert dazu als neuer Bürgermeister Erklärungen abgeben können – und müssen. Jedenfalls, wenn er seiner Linie treu bleiben will, die er so benennt: „Ich möchte mich durch das Amt nicht verändern.“
Zuvor spricht sich Kohlert, wie er betont, „mit allen“ neuen Fraktionen im Stadtrat ab. Dies sind die CSU mit neun Sitzen, die Freien Wähler mit sechs, die GL und die Grünen jeweils mit vier, die SPD mit drei und – neu: die AfD ebenfalls mit vier Sitzen. Ja, sagt Kohlert auf Nachfrage, er werde auch mit den AfD-Leuten sprechen, schließlich wolle er denen nicht die Gelegenheit geben, zu sagen, sie seien als einzige übergangen worden. Wie er künftig mit den Vertretern der in Teilen rechtsextremen Partei umgehen wolle, hatte Kohlert auf SZ-Nachfrage vor der Stichwahl nicht beantwortet – wegen Zeitmangels im Wahlkampf, wie er sagt.





















