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Neu illustrierte Märchen: Wettbewerb in Faulheit | ABC-Z

Und wenn sie nicht gestorben sind, … dann steht der Staubsauger noch immer unter der Uhr neben dem Esstisch. Eine Abendbrotszene, Mann und Frau vor vollen Tellern am Tisch, so hat Henrik Schrat das letzte Bild zum Märchen „Der starke Hans“ entworfen.

Ein wenig müde sehen beide aus, kein Wunder nach den Abenteuern zuvor. Da stand der Text weiß auf schwarzem Grund, aus dem ein tiefer Schacht und eine Höhle ausgespart waren: Sie führten zum Ort tief unter der Erde, wo der starke Hans eine gefangene Königstochter aus der Gewalt eines wilden Grafen befreit hat. Mehrere Stationen der dramatischen Geschichte, von Befreiung, Verrat und Betrug drängen sich hier zusammen, das Layout verstärkt die Emotionen von Angst und Wagnis.

Es ist vollbracht. Ende 2025 erschien der fünfte und letzte Band von „Grimms Märchen“ (240 an der Zahl), die Henrik Schrat neu illustriert hat. Mehr als fünf Jahre saß der Berliner Künstler an dem Projekt, seit 2020 erschien ein Band im Jahr. Und jedes Mal war das Lesen eine Überraschung, weil man neben den kollektiv gut abgespeicherten Märchen immer wieder auf seltsame, abgedrehte, freche und anarchistische Stücke traf, die eben auch zur Grimmwelt gehören.

Wie das Märchen „Die zwölf faulen Knechte“, ein Wettbewerb unter Maulhelden, die sich in wörtlicher Rede zu übertrumpfen suchen im Nichtstun, in Arbeitsverweigerung, im Verlotternlassen der ihnen anvertrauten Dinge. Schrat zeigt sie schlafend über Tastaturen und auf Baustellen. Ein Schuss vor den Bug der Leistungsträgerwelt.

Ohne pädagogische Korrekturen

Das eben macht in diesem Band wieder wie in den vorhergegangenen einen Teil des Lesevergnügens aus. Die Rache der Armen an den Reichen tritt prominent ins Bild, als wäre alles Notwendige für eine Theorie des Klassizismus schon vorbereitet in den Märchen. An den Texten, die manchmal auch nur aus wörtlicher Rede bestehen, oder aus Anhäufungen unwahrscheinlicher Lügen, hat Henrik Schrat nicht geschraubt, auch keine pädagogischen Korrekturen an den Märchen vorgenommen.

Doch es reicht, dass in seiner Bildwelt die Königstöchter nicht selten wie für den Nahkampf im Berliner Straßenverkehr gerüstet wirken: So schießen in den Raum zwischen Bild und Text genug Gedanken ein, um überholte gesellschaftliche Muster aus historischer Distanz zu betrachten, ohne die Lust an aktionsreicher Handlung, der schnelle Wandlung der Orte, der Spannung und der Komik zu verlieren.

Das Buch

Henrik Schrat: „Grimms Märchen, Band 5“. Textem Verlag, Hamburg 2025. 281 Seiten, 350 Abb., Silberschnitt, 34 Euro.

Die grafischen Mittel, Tusche und Pinsel, entwickeln nicht selten ein Eigenleben. Schwarz fließt die Nacht immer wieder über die Seite. Hochgetürmte Architekturen der Stadt drängen den Text auf schmale Spalten zusammen. Dass dabei auch nicht wenig Berlin auftaucht, ein U-Bahneingang hier, eine Imbissbude dort, ein Wachturm (von Rapunzel bewohnt) da, wurde schon bei früheren Bänden erwähnt.

Aus „Das Waldhaus“



Foto:
HenriknSchrat

Einen Riesen, zwar nicht von Grimm, aber aus den Sagen seiner Herkunftslandschaft im Vogtland, schickte Henrik Schrat übrigens 2024 vor der Landtagswahl in Thüringen in einen Aufklärungskampf. Der Riese Dreibart sollte die Werte der Demokratie verteidigen, sich gegen Sprachlosigkeit und für Wahlbeteiligung einsetzen. Das Fantasievolle zu mobilisieren gegen Strukturen der Erstarrung: Das war Schrats Strategie dort ebenso wie in seinen Märchenbildern.

Das vorletzte Märchen im Band ist das von Hänsel und Gretel. Am Ende des Textes sind sie glücklich zum Vater zurückgekehrt, der sie zuvor aus Hunger und Not im Wald zurückgelassen hatte. Das letzte Bild aber zeigt die beiden auf einem Motorrad, die Haare windzerzaust, rasen sie dem Betrachter entgegen. Denn wo das Märchen aus ist, geht das Leben weiter.

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