News

Netflix-Doku über Americas Next Topmodel: Wie schlimm war es wirklich hinter den Kulissen? | ABC-Z

Am Make-over kam bei „Americas Next Topmodel“ keine vorbei. Wer die ersten Wochen der Model-Castingshow, die zwischen 2003 und 2018 beim US-Sender UPN lief, überstanden hatte, musste sich in die Hände der Stylisten begeben. Es wurden Haare geschnitten, gefärbt oder angeklebt. Doch damit nicht genug. Neben Brazilian Waxing vor laufender Kamera gehörten auch irreversible Zahneingriffe zur Typveränderung.

Als eine Teilnehmerin sich weigerte, ihre Zahnlücke schließen zu lassen, schmiss Supermodel und Host der Show Tyra Banks sie aus der Sendung. Nur wenige Jahre später überzeugte sie eine andere Teilnehmerin, ihre Zahnlücke künstlich vergrößern zu lassen. Ein anderes Model musste sich vier Zähne ziehen lassen, weswegen sie bis heute Schmerzen beim Kauen hat.

Sie ist nur eine von vielen Teilnehmerinnen, die ihre Erfahrungen von damals in der aktuellen Netflix-Doku „Reality-Check: Inside Americas Next Topmodel“ teilt. Sie erzählen von harten Kommentaren durch die Juror_innen („Du siehst aus wie ein Kinderpornostar“), körperlichen Zusammenbrüche und problematischen Fotoshootings bis hin zu sexuellen Übergriffen. Diese Erfahrungen lassen die Filmemacher Daniel Sivan und Mor Loushy dann von den Juror_innen Tyra Banks, Jay Manuel, J. Alexander und Nigel Barker kommentieren.

Zwischen Blackfacing und Kakerlaken

Ein Teil widmet sich den Fotoshootings, die über die Jahre immer extremer geworden sind. In einer Staffel mussten sich die Models als Obdachlose verkleidet auf der Straße zwischen Müll rekeln, ein anderes Mal eine Unterhose aus rohem Fleisch tragen oder mit Tauben und Kakerlaken posieren. Ein Extremfall ist das „Race-Swap“-Shooting. Ganz so als wären es Faschingskostüme verteilt die Jury die Rollen an die Kandidatin: Eine Schwarze Frau wird eine Südostasiatin, eine weiße Frau African American oder eine „traditionelle afrikanische Frau“.

Und obwohl schon damals nach der Ausstrahlung Kritik an dem Fotoshooting laut wurde, wiederholten sie es vier Jahre später noch einmal. Banks sagt dazu heute, sie hätte einfach zeigen wollen, wie schön braune und schwarze Haut sei.

Doch es sind nicht nur Fotoshootings, mit denen die Produzenten dramatische Bilder produzieren wollten. Ein besonders schlimmer Fall hat sich in der zweiten Staffel ereignet. Eines der Models berichtet, dass sie wegen Alkohol das Bewusstsein verlor und von einem Mann penetriert wurde. Anstatt sie aus der Situation zu befreien, hielten die Produzenten die Kamera darauf und filmten sie auch dabei, wie sie am nächsten Tag unter Tränen zusammenbrach, als sie ihrem Freund erzählte, sie habe mit einem anderen Mann geschlafen. Es wurde also eine Frau vor laufender Kamera vergewaltigt.

Eine andere Frau erzählt, wie sie bei einem Shooting von einem männlichen Model belästigt wurde, und im Nachhinein von Banks zurechtgewiesen wurde, weil sie sich wehren wollte.

Keine_r übernimmt Verantwortung

Es ist hart, eine Szene dieser Art nach der anderen zu sehen – auch für die ehemaligen Kandidatinnen. Man sieht ihnen an, wie sie noch immer mit den Erfahrungen von damals zu kämpfen haben. Und auch Banks und Co sehen ein, dass nicht alles richtig gelaufen ist. Doch so richtig Verantwortung übernehmen möchten weder sie noch die ehemalige UBN-Senderchefin oder der Produzent Ken Mok. Egal womit sie konfrontiert werden, sie haben stets drei Ausreden parat. Erstens: Die Modebranche an sich sei schuld. Zweitens: Das war eine andere Zeit. Drittens: Die Zuschauer wollten das so.

Doch warum haben sich die Verantwortlichen dann überhaupt bereit erklärt, bei so einer Doku mitzumachen? Aus dem Interview mit Tyra Banks lässt sich lesen, dass sie sich selbst als eine Pionierin und Retterin inszenieren möchte. Eine, die das Fernsehen und die Modebranche revolutioniert hat. Eine, die die Träume der jungen Frauen Wirklichkeit werden lässt. Eine, die „verschiedene Formen von Schönheit“ zeigt.

Und ja, vielleicht hatte sie gute Intentionen. Doch wer die Kandidatinnen von damals heute sprechen hört, weiß, dass ihr Plan nach hinten losgegangen ist. Statt Körpervielfalt gab es Bodyshaming, statt Frauen zu empowern, wurden sie kleingehalten.

So bleibt einem nach drei Stunden der Mund offen stehen, wenn Tyra Banks in den Raum stellt, ob die Show vielleicht mit einer 25. Staffel zurückkehren könnte. Wer nach diesen Bildern an ein Comeback denkt, der hat sicherlich nicht im Sinn, die Träume junger Frauen zu erfüllen.

Back to top button