Nanette Snoep hört in Köln auf | ABC-Z

Die wichtigste Ausstellung der siebenjährigen Kölner Amtszeit von Nanette Snoep trug den Titel „I Miss You!“. Die Präsentation der Benin-Bronzen des Rautenstrauch-Joest-Museums nahm im Frühjahr 2022 die Ende desselben Jahres getroffene Entscheidung des Stadtrats vorweg, das Eigentum an diesem Bestand aufzugeben. Wird man Nanette Snoep in Köln vermissen?
Das ist, wie alles im Museum, eine Frage des Kontexts, beziehungsweise, um einen akteurszentrierten Ansatz zu wählen, wie man heute in den Kulturwissenschaften sagt: Es hängt davon ab, wen man fragt. Die 2019 aus Dresden abgeworbene Direktorin wird das Haus zum Jahresende verlassen, die Stadt Köln hat ihren Vertrag nicht verlängert und die Stelle ausgeschrieben. Vor der schwarz tapezierten Kammer, in der 96 kostbare Objekte aus Afrika kommentarlos wie im Fundbüro dargeboten wurden, stand vor vier Jahren ein Tisch mit Museumsakten. Diese Zusatzausstellung war nur eine Fiktion oder, mit einem ins allgemeine Kulturgut eingesunkenen Topos der Ethnologie, eine symbolische Handlung, denn auch die Aktenordner waren ohne Kommentar abgestellt worden, und ohne dass eine Auswahl der für die Benin-Provenienzen tatsächlich einschlägigen Dokumente getroffen worden wäre.
Hackenbergs Akten blieben unkommentiert
Beim Blättern konnte man auf Briefe des legendären Kulturdezernenten Kurt Hackenberg stoßen. Genau vor fünfzig Jahren, im Februar 1976, schloss die Stadt Köln mit Peter Ludwig den Vertrag über die Übernahme von dessen Sammlung damaliger Gegenwartskunst. Ebenso hartnäckig hatte sich Hackenberg über Jahre um einen Düsseldorfer Sammler bemüht, der in seiner Wohnung ein Privatmuseum der Weltkunst unterhielt. Die Direktorin musste Hackenbergs Werbebriefe nicht kommentieren lassen, denn ihr Museumskonzept beruht auf dem Axiom, dass jede Aneignung etwas Übergriffiges hat und daher alles Sammeln dubios ist.
Die Rückabwicklung von Museumserwerbungen aus sogenannten kolonialen Kontexten wird meistens als universalistische Weiterführung der Restitutionen von Kulturgut an Opfer des Nationalsozialismus bewertet. Während aber die Rückgaben im NS-Kontext typischerweise an die Nachkommen von Privatsammlern erfolgen, die mit ihrem Kunsturteil und finanziellen Engagement eine wesentliche Grundlage für das goldene Zeitalter der europäischen und nordamerikanischen Museen gelegt hatten, soll bei außereuropäischen Objekten das Sammeln selbst rückgängig gemacht werden.
Nur auf Zeit, findet sie, sollen Museen die Objekte bewahren
Die Niederländerin Snoep, die ihre Laufbahn am Musée du quai Branly in Paris begonnen hatte, ist wie die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy eine eloquente Protagonistin einer kulturkritischen Idee von Museumsreform. Nur auf Zeit sollen die Museen die Objekte bewahren, bis sie den „Gemeinschaften“, aus denen sie kommen, zur „Resozialisierung“ in rituellen Zusammenhängen übergeben werden können.
Bei den eigenen Kuratoren stieß Snoeps Misstrauen gegenüber dem Objekt auf einen Widerstand, der im Titel einer zweiten programmatischen Ausstellung, „RESIST!“, nicht mitgemeint war. Ihr Vorgänger kritisierte sie, und der Vorsitzende des Freundeskreises von Museum Ludwig und Wallraf-Richartz-Museum gab ein Interview, um mitzuteilen, dass er aus seiner Kunstsammlung dem Rautenstrauch-Joest-Museum unter der gegenwärtigen Direktorin nichts schenken würde. In einer unheimlichen Weise passte Snoeps moralische Abwendung von der Sammlung indes zur Stadtpolitik, die aus Kostengründen ein Museum nach dem anderen einmottet.
Das Ende für Snoep muss nicht den Abschied von der postkolonialen Strategie der Belehrung durch Entleerung bedeuten. In der Ausschreibung steht, das Rautenstrauch-Joest-Museum widme sich „der Dekolonisierung und Kontextualisierung seiner Sammlungen“ und richte einen „Fokus auf Themen wie Migration, Identität, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit“. Treffend bemerkt der „Kölner Stadt-Anzeiger“, die Stellenbeschreibung lese sich wie „maßgeschneidert auf die Person Nanette Snoep“. Vermisst man sie im Rathaus schon?





















