Nachruf auf YouTube-Star Jan Zimmermann: Sein Humor wird fehlen – Panorama | ABC-Z

„Delfine sind schwule Haie“, ruft Gisela mal bei einem Besuch im Zoo. Gisela verzieht das Gesicht zu Grimassen und stößt scheinbar willkürlich Beleidigungen aus, sobald ihr Menschen entgegenkommen: „Mörder“ oder „Wichser“. Manche wundern sich, andere gehen weiter. Gisela, so nannte Jan Zimmermann sein Tourette-Ich.
Schon in seiner Kindheit zeigte sich bei Jan Zimmermann eine leichte Form des Tourette-Syndroms. Bei der neuropsychiatrischen Erkrankung zucken Betroffene plötzlich zusammen, ziehen Grimassen oder husten. Alles passiert unwillkürlich und ohne Kontrolle. Zimmermann entwickelte mit 18 Jahren die sogenannte Koprolalie, eine Sonderform von verbalen Tics, bei der Betroffene immer wieder Beleidigungen oder obszöne Worte aussprechen. Zimmermann ruft in unpassendsten Momenten Beleidigungen. Schätzungen zufolge hat ein Prozent der Menschen das Tourette-Syndrom.
Zwei Wochen nach einem Auftritt in der Fernsehsendung „Galileo“ startete er seinen Youtube-Kanal
Zimmermann wurde wohl einer der bekanntesten von denen, die darüber auch offen sprachen. 2019 veröffentlichte die Fernsehsendung „Galileo“ einen Beitrag über die Erkrankung, in dem zwei Betroffene in ihrem Arbeitsalltag begleitet wurden. Zimmermann war einer von ihnen, er musste damals seine Ausbildung zum Physiotherapeuten wegen seiner Tics abbrechen. In der Sendung berichtete er von seinen Schwierigkeiten bei der Jobsuche. Eine wichtige Rolle spielte sein langjähriger Schulfreund Tim Lehmann, der ihn bei seinen Bewerbungen unterstützte. Zwei Wochen nach der Ausstrahlung erstellte Jan Zimmermann zusammen mit seinem Freund den Youtube-Kanal „Gewitter im Kopf“. Das Video über Tourette im Zoo wurde einer der ersten Beiträge. Bis heute hat es mehr als 6,2 Millionen Aufrufe gesammelt.
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Innerhalb kurzer Zeit wurden die zwei Freunde bekannt, sie luden mehr als 500 Videos hoch und erreichten damit zwei Millionen Abonnenten. Der Kanal betrieb Aufklärung, in die die Tics selbst und damit auch der Humor immer wieder hineinkrachten. In manchen Videos beleidigte Zimmermann seine Gäste, zu denen Rezo und Felix Lobrecht gehörten, ohne Halt. Er und Lehmann lachten über Giselas Worte und wunderten sich oft selbst über die harten Beleidigungen, die aus Zimmermanns Mund kam. Zimmermann ging locker mit den Tics um und nahm es offenbar niemandem übel, wenn man ihn auslachte. Er war kein mahnender Aufklärer.
Zimmermann und Lehmann sahen es als ihren Auftrag, über das Tourette-Syndrom zu sprechen, und wollten zeigen, dass man trotz der Erkrankung ein ausgelassenes Leben führen kann. In einem Video trägt Zimmermann eine Hose, die vom Regen nass geworden ist. In einem Tic sagte er: „Ich bin feucht zwischen den Schenkeln.“ Nach dem Tic ergänzte er: „Ja, das bin ich tatsächlich, aber das kommt von dem Regen.“ Der ironische Umgang mit den unfreiwilligen Auffälligkeiten kam gut an.
Doch es gefiel nicht jedem, auf welche Weise Zimmermann öffentlich mit seiner Krankheit umging. Ende 2020 brachten er und sein Freund Lehmann eine App mit den originalen Sounds der Tourette-Tics von Zimmermann auf den Markt. Die Tourette-Gesellschaft Deutschland kritisierte: „Hier wird unter dem Deckmantel der Aufklärung letztendlich ein kommerzielles Geschäftsmodell betrieben beziehungsweise ausgebaut.“ Kurz danach, Anfang 2021, irritierte Zimmermann mit einer missglückten Song-Promo. Durch einen Beitrag, der nach Trauer aussah, entstand der Eindruck, Zimmermann sei gestorben. Fans reagierten panisch. Erst Stunden später löste das Duo das Missverständnis auf.
Im September 2022 bekam Zimmermann einen Hirnschrittmacher eingesetzt. Damit wurde sein Gehirn elektrisch stimuliert und „Gisela“ unterdrückt. Das Tourette-Syndrom war damit nicht geheilt, aber die Tics reduzierten sich. Eine Operation, die Zimmermanns Leben auf den Kopf stellte und seinen Alltag neu sortierte.
Nach der OP standen ihm wieder mehr Möglichkeiten offen – er begann eine Ausbildung im öffentlichen Dienst
Der wichtigste Anlass, den Account zu betreiben, war nun nicht mehr da. Im Juni 2023 verabschiedete sich Zimmermann von Social Media und seinem Youtube-Kanal. Durch den positiven Ausgang der OP ständen ihm wieder mehr Möglichkeiten offen und er wolle einen regulären beruflichen Alltag eingehen, erklärte Zimmermann. Er begann eine Ausbildung im öffentlichen Dienst.
Eineinhalb Jahre später tauchte dann ein neues Video auf dem Kanal auf. Die beiden Freunde sitzen darin wieder auf dem Sofa nebeneinander und verkünden ihr Comeback. Sie wollten den Kanal wieder aufleben lassen und vor allem Videos von Reisen machen. Inhalte, von denen es auf Youtube aber schon etliche gibt. Es schauten Zehntausende zu, an die Zahlen und auch die Einzigartigkeit der Videos, die sein Tourette thematisierten, reichte das nicht heran. An Zimmermanns Elan änderte das wenig. Bis zuletzt machte er humorvolle Videos, das letzte erschien am Tag vor seinem Tod.
Im Alter von 27 Jahren ist Jan Zimmermann am 18. November 2025 an einem epileptischen Anfall gestorben. Seine Angehörigen schreiben unter einem Instagram-Beitrag: „Sein Humor, seine Ehrlichkeit und sein großes Herz waren Geschenke, die er mit allen geteilt hat.“





















