Nachruf auf Peter Schneider: Die Gefühle des Augenblicks | ABC-Z

Der literarische Ruhm Peter Schneiders hatte sehr viel mit der Begabung zu tun, zum richtigen Zeitpunkt die Gefühle des Augenblicks zu transportieren. Die 1973 erschienene Erzählung „Lenz“ umfasst kaum 90 großzügig gesetzte Seiten und verhandelt bereits die Zweifel an der Zugehörigkeit zu der längst im Niedergang befindlichen 68er-Bewegung.
Peter Schneiders Protagonist ist Georg Büchners Gefühlsrebellen Lenz nachempfunden, und gleich auf den ersten Seiten begegnen einem Zitate von Karl Marx und Jim Morrison von den Doors. Schneiders Büchlein transportierte das Soundgefühl jener Zeit, die noch nicht reif für eine Abrechnung war. Vielmehr war ihm das Kunststück gelungen, die Schwingungen des Aufbruchs irgendwie beizubehalten, obwohl die inneren Zweifel an den politischen Folgen längst überwogen.
Sechs Mark steht unten links auf der Rückseite meiner Rotbuch-Ausgabe von 1976 als Preisangabe, und in einer kurzen Werbebotschaft wird das Buch als Auseinandersetzungmit den Unsicherheiten einer linken Intelligenz angepriesen, die zeige, dass Sensibilität und Radikalität durchaus vereinbar seien. Ohne die Rettung der Radikalität ging es damals nicht, und Schneiders Lenz war dazu das pophaltige Brevier einer Haltung, in der die Fahnen weitergetragen werden sollten, ohne sich noch länger in verkrampften Betriebsgruppen aufzuhalten.
Peter Schneider gehörte früh zu prominenten Vertretern der „68er“. Als er 1969 einen Preis von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Schütz erhalten sollte, waren zunächst aufwendige Überlegungen angestellt worden, die Veranstaltung zu einem Eklat geraten zu lassen. Schneider hatte sich zuvor jedoch mit seinem Freund, dem Anwalt OttoSchily, beraten, das Herumfuchteln mit einem Hammer aus Schaumgummi lieber zu lassen.
Befreiung durch Umarmung
Wie peinlich ihm das alles gewesen sei, gestand Schneider in einem langen Videogespräch mit der Neuen Zürcher Zeitunganlässlich des Jubiläums von 40 Jahren „68“ im Jahre 2008. Es ist eine kluge Auseinandersetzung mit dem politischen Aktivismus jener Zeit, den er atmosphärisch zu beschreiben versucht, ohne der Pose eines heroischen Renegatentums zu erliegen. „Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen.“
Die junge deutsche Demokratie habe bewiesen, dass sie eine war, indem sie die gestörte, zutiefst verunsicherte Generationletztlich integriert habe. Weit wichtiger sei ohnehin die kulturelleRevolte gewesen, die etwa das bis weit in die 1950er Jahre hineingeltende Tabu, einander zu berühren, weggefegt habe. In diesem Sinne hätten die Sit-ins der 68er wie ein Rausch gewirkt. Befreiung durch Umarmung.
Zweifellos verstand sich Schneider als politischer Autor
Zweifellos verstand sich Schneider als politischer Autor. Zwei Jahrenach „Lenz“ erschien das dokumentarisch-literarische „…schon bist du eine Verfassungsfeind“, in dem er die tatsächlichen Aktivitäten des Verfassungsschutzes mit dem weit verbreiteten Gefühl vieler Linker verknüpfte, unter Beobachtung zu stehen. In der Rückschau lassen sich Texte wie diese auch als Stück therapeutischer Literatur lesen, um in der eigenen Gesellschaft anzukommen.
Peter Schneider, 1940 als Sohn des Komponisten Horst Schneider in Lübeck geboren, war gerade einmal 25, als er in Berlin mit anderen im sogenannten Wahlkampfkontor der SPD mitwirkte und später alsRedenschreiber im Wahlkampfteam des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt tätig war. Als Essayist gehörte er später lange zur schnellen Eingreiftruppe der deutschen Publizistik, unter anderem mit einer scharfen Kritik an seinem Kollegen Peter Handke und dessen umstrittenen Texten über Jugoslawien.
Überwindung der Mauer
Zu seinem neben „Lenz“ nicht zuletzt wegen seiner historischen Prophetie erfolgreichsten Buch wurde „Der Mauerspinger“ von 1982, in dem er die Überwindung der Mauer in der „siamesischen Stadt Berlin“ zum Thema macht. So erzählt er darin die Geschichte von Michael Gartenschläger, der davon beseelt war, die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze abzubauen, und der schließlich von einem Stasikommando ermordet wurde.
Lange bevor die Metapher von den Mauern in den Köpfen zumGemeinplatz wurde, schrieb Peter Schneider: „Die Mauer im Kopfeinzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrissunternehmen für die sichtbare braucht.“
Peter Schneider, der nun im Alter von 85 Jahren gestorben ist, sei, so der Autor Marko Martin auf Facebook, einer der wenigen westdeutschen Schriftsteller gewesen, die sich für Osteuropa interessierten und den bedrängten Dissidenten beistanden.





















