Nach sechs Jahren Bühnenabstinenz: Xavier Naidoo feiert Comeback – Kultur | ABC-Z

Um 20 vor acht, als vor der Kölner Lanxess Arena noch die dicke, kalte Warteschlange steht, hört man aus einem der Außenlautsprecher plötzlich das schöne, alte Lied: „Don’t Stop Believin’“ von Journey, das Rock-Menuett von 1981, der letzte Song, bevor bei den „Sopranos“ das Licht ausging. Und weil der Mensch eben so gebaut ist, dass er immer und überall nach Bedeutung sucht, fragt man sich instinktiv: Ist das wohl ein guter Rat, hier, heute Abend?
Also: Soll man weiter an den Sänger Xavier Naidoo glauben, gegen alle Widerstände – an den Mann, der doch selbst immer so viel von Zuversicht und Vertrauen erzählt hat, von den Wegen der Wahrheit und vom göttlichen Licht, das einem die Erkenntnis bringe? Oder hat er sich die Loyalität so dermaßen hart verspielt, dass man erst mal warten sollte, bis er sie sich selbst zurückverdient hat, zumindest ein Stück weit?
Köln, Dienstagabend. Das erste richtige Naidoo-Konzert seit sechs Jahren. Zugleich der große Tourstart, 16 Shows, das Comeback nach einer beeindruckenden Sammlung verschiedenster Zwangspausen. Nach der Covid-Zeit. Nach den schlimmsten und explizitesten Enthüllungen, die der Künstler je über seine eigenen Weltanschauungen gemacht hat. Und nach der daraus resultierenden Unwilligkeit der meisten Veranstalter, weiter mit ihm zu arbeiten. Auch viele seiner Freunde zogen sich damals zurück.
Im April 2022 veröffentlichte Naidoo dann das Entschuldigungsvideo. Das sehr effizient getextet war: In nur drei Minuten und 15 Sekunden distanzierte er sich im Rundumschlag einfach von allem, was er jahrelang an gefährlichem Blödsinn geredet hatte. Seither war – einer von vielen vorauseilenden Euphemismen – immer wieder die Rede von der zweiten Chance, die doch jeder Mensch verdient habe. Davon, dass Naidoo trotzdem, Zitat, „umstritten“ sei. Dass ihm „Vorwürfe“ gemacht würden, die allerdings durchweg bestens belegbar sind: antisemitische Sprüche, Holocaustleugnung, Nähe zum Reichsbürgertum, starke Sympathie mit der rechtsextremen QAnon-Bewegung sowie praktisch allen zeitgenössischen Verschwörungstheorien (mit Ausnahme der Spaghettimonster-Sekte).
Wenn der Auftritt in Köln nun also diese zweite Chance sein soll – dann hat sie tatsächlich viel mit Glauben zu tun. Mit dem Glauben daran, dass Menschen fähig sind, einen Moment lang aus sich selbst herauszutreten. Dass sie von dort aus eigene Fehler erkennen und Wege finden können, sie offensiv zu verarbeiten. Gleichzeitig ist die Lanxess-Show aber auch ein Test. Ein Experiment am lebenden Publikum. Mit dem herausgefunden werden soll, ob die Kunst von Xavier Naidoo, nach allem, was sich zugetragen hat, überhaupt noch funktioniert.
Zu den Irrungen und Wirrungen der letzten Jahre sagt Naidoo kein Wort
Die 16 000, die schon am ersten von zwei Abenden die Arena bis zum Rand füllen, haben keine Zweifel daran. Man spürt aufrichtige Freude. Es werden jede Menge turbulenter Wiedersehensfeiern zelebriert, Gruppenbilder in schwarzen Daunenjacken geschossen. Am Andenkenstand gibt es Strampelanzüge, die mit Versen aus Naidoos Song „Kleines Lied“ bedruckt sind. Und Erwachsenen-T-Shirts mit einem Zitat aus „Bei meiner Seele“, einem Stück der mittleren, blassblauen Schaffensphase: „Eigentlich können wir alle fliegen/ Eigentlich sind wir alle für die Liebe geboren.“
Es werden wenige Minuten später genau die Zeilen sein, mit denen der Sänger das Konzert eröffnet. A cappella, in die halbrunde Stille hinein, bevor die Band einsetzt. Naidoo, inzwischen 54, sieht aus der Ferne noch wie ganz früher aus. Auf dem Kopf die graue Plattmütze, tänzelnd in Turnschuhen, die Stimme wie ein junger, feuerschluckender Gospelpfarrer. Und wo bis dahin schon mal alles gut gegangen ist, warten die Leute nur noch darauf, was er denn sagen wird zu den Wirrungen der letzten Jahre. Spürbar erleichtert, trotzdem produktiv gespannt.
Man kann es vorwegnehmen: Xavier Naidoo wird sich in gut zwei Stunden Konzert überhaupt nicht zu den heiklen Themen äußern.
„Ziemlich crazy, muss ich sagen“, beginnt eines seiner ersten Grußworte. „Ihr seid schuld, dass ich hier stehe, zurück aus der Frührente. Wegen euch bin ich hier.“ Er wird es im Lauf des Abends immer und immer wieder betonen, als wolle er zu hundert Prozent sicher sein, dass alle die Botschaft mitnehmen: Xavier Naidoo ist nicht etwa zurück im Business, weil er nach so vielen Jahren mal wieder Geld verdienen oder die Marke pflegen müsste. Sondern weil das Publikum es unbedingt so will. Und die magenbitteren Cancel-Onkel es ihm schlicht nicht nehmen konnten.
In den Proben hätten er und die Band „geblutet, geweint, geschwitzt“, merkt Naidoo später noch in Churchill’scher Kampfrhetorik an. Aber auch das sei freilich nur im Interesse der Fans geschehen, die im Kartenvorverkauf mit den Füßen für ihn abgestimmt hatten. „Im Januar geht die Tour weiter, dann bin ich wieder richtig drin.“ Spontan fällt einem kein anderer Fall ein, in dem sich ein Prominenter nach derart massiven, lang anhaltenden Ausfällen mit so minimalem Einsatz wieder auf die größten Bühnen zurückrehabilitiert hätte.
Man muss es zur Sicherheit noch einmal klar sagen: Auch wenn Naidoo es in der Drei-Minuten-Apologie ungefähr so dargestellt hat, er hat nicht einfach nur ein paar Mal Mist geredet. Der Sänger nutzte viele Jahre lang sehr gezielt die öffentlichen Plattformen und seine Musik, um die Nachricht von der angeblichen jüdischen Weltverschwörung zu verbreiten, mit Desinformationen die Legitimität der deutschen Demokratie zu untergraben, Klimaaktivisten als satanische Sekte zu präsentieren oder gegen Queere, Migranten und Wissenschaftler zu hetzen.
Selbstverständlich ist es möglich, solche gegen alle Grundsätze der Kunst stehenden Taten zu bereuen und aufzuarbeiten. Aber dann muss man es eben auch tun. Vielleicht sogar, indem man sich einigen der Leute stellt, denen man so eminent geschadet hat, und nicht nur den Claqueuren. Viele haben noch die Kinnpartie vor Augen, die in Naidoos von unten gefilmten Selfievideos immer im gequetschten Mittelpunkt stand. Im Prinzip hat er nun einfach wieder den Kopf gehoben. Die Falten geglättet, den Kragen gerichtet, bis alles so schön wie früher aussah. Mehr ist nicht passiert, bis jetzt. Es ist ein gigantisches Versäumnis.
Mit dem Wissen von heute klingen dieselben Songs jetzt wie eine ungute Mischung aus Joseph von Eichendorff und Uwe Tellkamp
Die notorische Trennung zwischen Künstler und Kunst funktioniert bei Xavier Naidoo ja schon gar nicht. Weil er selbst – und das merkt man ihm seit Graswurzelzeiten an – diese Unterscheidung unter allen Umständen vermeiden will. Immer hat er sein Anderssein poetisiert, seine Renitenz, sein alienhaftes Nicht-von-dieser-Welt-Sein. Das macht es im Konzert in Köln nun echt schmerzhaft, wenn man bestimmte seiner klassischen Songs wiederhören darf. Oder muss.
„Ihr veranstaltet Feste auf den Straßen, genehmigt von der falschen Instanz“, singt er zum Beispiel im eigentlich wunderbaren „Seine Straßen“, „vorbei sind die Zeiten der Vergebung.“ Und plötzlich zuckt man bei jedem Wort zusammen und hat den nächsten Reichstagssturm vor Augen. „Was wir alleine nicht schaffen“, heißt es im gleichnamigen Song, „das schaffen wir dann zusammen.“ Danach ist vom Verstand als einer martialischen Waffe die Rede, bis er insistierend die Refrainzeile wiederholt: „Nur wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.“ Und man will die ganze Zeit nur zurückfragen: Ja, was denn nur?
Das Unscharfe, Dräuende und Don-Quijote-Hafte, Heilsversprechende und manchmal Kitschige, wie man es zum Teil ja auch aus dem US-Soul kennt, konnte früher eine bezaubernde Stärke von Naidoos Werk sein. Mit dem verschwörungsmythischen Wissen von heute klingen dieselben Songs jetzt eher wie eine äußerst ungute Mischung aus Joseph von Eichendorff und Uwe Tellkamp. Im Interesse des Pop ist es eine sehr traurige Nachricht, aber der Kölner Abend zeigt es: Xavier Naidoo hat es tatsächlich geschafft, seine eigene Musik kaputt zu machen.
„Ich sag’s nochmal: Wir sind nur wegen euch da!“, ruft der Künstler noch einmal in die Menge, von der man schlecht sagen kann, wie gut oder schlecht sie die ganzen Untertöne registriert. Und die man schon deshalb gern in Schutz nehmen würde, weil man den meisten hier so deutlich anmerkt, mit wieviel Herzflattern sie diese Songs verbinden. Gegen Ende, als Xavier Naidoo das erfrischend sentimentale „Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)“ anstimmt, wird das Publikum plötzlich groß auf die LED-Screens projiziert. Man sieht die Kleinkinder auf den Elternschultern. Die Kerle mit Bierbechern und Mannheim-Mützen. Die schwer gerührten Frauen, die sich da oben auf der Leinwand plötzlich selbst ganz reizend finden.
Und nicht merken, dass Naidoo ihnen damit nicht nur die Ehre erweist, sondern sie auch als Ausrede benutzt. Ihr seid die, die mich zurückwollten, teilt er hier mit. Also habe ich mich auf den schweren Weg zu euch gemacht. Ich konnte ja nicht anders.





















