Berlin

Mutmaßliche Vergewaltigung in Neukölln: Schützte der Jugendclub doch die Täter? | ABC-Z

Neuköllns Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) will die Meldeketten und das Krisenmanagement im Jugendamt des Bezirks überarbeiten. Das kündigte sie am Mittwoch an. Sie wolle damit auch auf den Umstand reagieren, dass Informationen über eine mutmaßliche Vergewaltigung, sexualisierte Übergriffe und Gewalt in einem Jugendclub in der Wutzkyallee nicht bei ihr ankamen. Nagel hatte demnach erst am 2. März von den Vorfällen erfahren, das Jugendamt hatte schon deutlich früher Kenntnisse.

Im Raum steht dabei weiterhin, dass Mit­ar­bei­te­r*in­nen des Jugendamts untätig geblieben sein sollen, weil sie keine Marginalisierung und Stigmatisierung der Jugendlichen Täter befeuern wollten. Die Behörde ist Träger der Einrichtung.

Die Stadträtin hatte diesen Vorwurf bisher zurückgewiesen. Am Dienstag hatten Mit­ar­bei­te­r*in­nen des Mädchenzentrums neben dem Jugendclub aber eine eidesstattliche Versicherung an das Bezirksamt und den Jugendhilfeausschuss verschickt, aus der der Tagesspiegel zitierte und die dieser Darstellung widerspricht.

Eine Mitarbeiterin soll gesagt haben, dass die muslimischen Jungen genug im Visier der Polizei stünden

Demnach hätten Mit­ar­bei­te­r*in­nen des Mädchenzentrums bereits Ende Januar das Jugendamt informiert und auf eine Strafanzeige gedrängt. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts aber soll demnach gesagt haben, dass die muslimischen Jungen bereits genug im Visier der Polizei stünden. Sie soll auch eingeräumt haben, dass es für den Jugendclub in der Wutzkyallee kein Schutzkonzept gebe, und „übergriffige Situationen während der Öffnungszeiten“ bestätigt haben.

Laut Tagesspiegel geht aus der Erklärung auch hervor, dass eine Ju­gend­amts­mit­ar­bei­te­r*in Ende Januar sowie auch noch mal Mitte Februar erklärt habe, dass die Leiterin der Behörde „vollumfänglich“ über die Vorfälle informiert sei. Ein Jugendlicher soll demnach ein 16-jähriges Mädchen im November 2025 an einem Abend im Garten des Jugendclubs vergewaltigt haben. Er habe die Tat auch gefilmt und die Jugendliche mit dem Video erpresst, heißt es. Mitte Januar sollen acht Jugendliche die 16-Jährige außerdem im Jugendclub sexuell bedrängt und angefasst haben.

Eine Probe für den Ernstfall

Eine Behörde sollte ihre Fehler nicht selbst aufarbeiten

Sarah Nagel, Stadträtin für Jugend in Neukölln

Sarah Nagel erklärte am Mittwoch auch, alle Schutzkonzepte in den bezirklichen Einrichtungen und den institutionellen Kinderschutz zu überprüfen. Dafür werde sie teils auch externe Unterstützung heranziehen. Es solle dazu Schulungen für alle Mit­ar­bei­te­r*in­nen geben. „Mir ist aber klar, dass es nicht nur darauf ankommt, dass es Konzepte und Meldeketten gibt. Wichtig ist auch, dass diese gelebt werden“, sagte Nagel. „Wir werden daher im April eine Probe für den Ernstfall durchführen und solche Simulationen dann regelmäßig wiederholen“, kündigte die Stadträtin an.

Aufarbeitung und Aufklärung der offensichtlichen Versäumnisse und mutmaßlich auch Vertuschungen im Jugendamt wird eine unabhängige Ex­per­t*in­nen­kom­mis­si­on begleiten. „Denn eine Behörde sollte ihre Fehler nicht selbst aufarbeiten“, stellte Nagel klar. In der Kommission sollen die Senatsverwaltung für Bildung vertreten sein und Ver­tre­te­r*in­nen aus der Wissenschaft, außerdem Fachberatungsstellen aus den Bereichen Jugendhilfe und sexualisierte Gewalt. Die Kommission werde einen Bericht verfassen und wohl auch Empfehlungen formulieren, sagte Nagel, erste Zwischenergebnisse erhofft sie sich schon für Ende Mai.

Das Jugendzentrum in der Wutzkyallee wird weiterhin geschlossen bleiben. Es könne nur „unter anderen Bedingungen und mit einem neuen pädagogischen Konzept“ wieder eröffnen, das sei wohl erst gegen Sommer möglich. „Es soll ein sicherer Ort sein, an dem sich alle wohlfühlen können“, sagt Nagel.

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