Munich Re will Stellen nach Indien und Polen verlagern – Wirtschaft | ABC-Z

Der Rückversicherer Munich Re plant nach SZ-Informationen massive Stellenverlagerungen aus Deutschland nach Polen und Indien, um Kosten zu senken. Insidern zufolge könnten Tausende Stellen betroffen sein. Das Programm trägt den Namen „Sustain“ (auf Deutsch: aufrechterhalten) und ist Kernbestandteil der neuen Strategie „Ambition 2030“.
Der Konzern betont zwar, dass kein klassisches Stellenabbauprogramm vorliege, dementiert die mögliche Verlagerung ins Ausland jedoch nicht. Sie sei bei „selektiv definierten Funktionen“ in der Verwaltung möglich. Die Munich Re beschäftigt insgesamt 45 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 19 900 in Deutschland. Die deutschen Hauptstandorte sind München und Düsseldorf, wo die Tochtergesellschaft Ergo ansässig ist.
Christoph Jurecka, 51, der seit Jahresanfang als Konzernchef amtiert, übernimmt seinen Job inmitten großer Herausforderungen. Zwar erzielte der Konzern 2025 einen Gewinn von sechs Milliarden Euro, und Jureckas Vorgänger Joachim Wenning, 61, stellte für 2026 sogar 6,3 Milliarden Euro in Aussicht. Bis 2030 soll der Gewinn pro Aktie jährlich um acht Prozent steigen. „Sechs Milliarden sind nicht das Ende der Fahnenstange“, betonte Wenning vor drei Wochen. „Wir werden unser Nettoergebnis auf neue Rekordwerte hochschrauben.“
Trotz großer Erfolge, die dazu geführt haben, dass sich der Aktienkurs seit der Pandemie mehr als verdoppelt hat, schwächelt er seit April 2025. Der Grund: Nach einem jahrelangen Höhenflug sinken die Preise für Rückversicherungsschutz wieder. Selbst wenn die Munich Re manches Geschäft zugunsten der Marge aufgibt, wird die veränderte Marktsituation das Unternehmen treffen. Anleger sorgen sich, dass die Phase der Rekordgewinne enden könnte.
Um gegenzusteuern, verordneten Jurecka und Vorgänger Wenning dem Konzern harte Sparziele: 600 Millionen Euro jährliche Einsparungen will die Munich Re spätestens 2030 erreichen, im laufenden Jahr bereits 200 Millionen Euro. Wenn trotz der sinkenden Preise die Gewinne steigen sollen, müssen die Kosten runter. Dafür hat der Konzern sogar ein neues Vorstandsressort geschaffen, das der bisherige Personalchef Achim Kassow übernimmt. Sein Titel ist jetzt „Chief Transformation Officer“. In dieser Rolle als oberster Bauleiter für den Umbau verantwortet er auch die IT des Konzerns.
Munich Re will die Fluktuation nutzen und Abfindungsangebote machen
Das Sparprogramm zielt zum einen auf die IT-Infrastruktur und zum anderen auf die Verwaltung. Die IT-Systeme von Munich Re und Ergo, die zurzeit zusammengelegt werden, sollen zu einem Teil von einem indischen Sub-Unternehmer betrieben werden. Ein möglicher Partner könnte der Software-Anbieter und Berater HCL Tech mit Hauptsitz in Noida im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh sein, mit dem der Konzern bereits eng kooperiert. Stellen in der Personalabteilung, der Buchhaltung, dem Marketing und verwandten Bereichen sollen nach Gdansk in Polen gehen. Dort sitzt die Tochter Ergo Technology & Services.
Die Pläne könnten widersprüchliche Aussagen der Führung erklären. Bei der Vorstellung der Strategie am 11. Dezember 2025 verneinte Wenning die Frage nach einem Arbeitsplatzabbau vorsichtig: „Soweit ich das beurteilen kann, wird das nicht so sein.“ Gleichzeitig verkündete er, dass es Diskussionen mit Mitarbeitervertretungen gebe. „Die laufen noch“, sagte Wenning.
Die nun bekannt gewordene Verlagerungskampagne liefert die Antwort: Die Zahl der Arbeitsplätze mag stabil bleiben, aber durch die Verlagerung nach Indien und Polen sinken die Lohnkosten erheblich. Dazu kommen die ohnehin zu erwartenden Rationalisierungseffekte durch den Einsatz der künstlichen Intelligenz. Die Munich Re will die Zahl der Stellen hierzulande durch normale Fluktuation und durch Abfindungsangebote reduzieren.
Auf Anfrage der SZ reagierte der Konzern schmallippig. Man verfolge „Komplexitätsreduzierung und Kostenmanagement“, ohne dass ein Stellenabbauprogramm geplant sei. Das mehrjährige Transformationsprogramm diene dazu, Prozesse und IT enger zu verknüpfen. Wie viele Mitarbeitende letztlich betroffen sein werden, bleibt unklar. Ein Blick zurück lässt jedoch aufhorchen: Bei einem Effizienzprogramm im Jahr 2018 strich der Konzern 900 Stellen, um jährlich 200 Millionen Euro einzusparen. Bei dem jetzigen Sparziel von 600 Millionen Euro, das durch Verlagerung und nicht durch Stellenabbau erreicht werden soll, dürfte die Größenordnung weitaus höher liegen.




















