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Münchner Goldschmiedin gestaltet Särge und Urnen neu: Wie Lydia Gastroph den Tod ins Leben holt | ABC-Z

Hinter dem Schaufenster der Hans-Sachs-Straße 13 erstreckt sich ein heller langer Raum, durchflutet von warmen Tönen wie Rot und Orange. Rot ist auch der Sarg, der direkt neben dem Eingang steht. Die Chefin des Ladens ist Lydia Gastroph (68). Ihr gehört der Bestatter “weiss – über den tod hinaus”, der vieles anders macht, als man es von einem Bestattungsunternehmen zu kennen glaubt.

Die erste Bestattung? War ihre Schwester

Nach dem auffallend roten Sarg im Vorraum geht es unkonventionell weiter: Auf einem weiteren Sarg ist goldener Schmuck ausgelegt – Lydia Gastroph hat ihn gefertigt. Die Münchnerin ist gelernte Goldschmiedin. Dass das ungewöhnlich ist für einen Bestatter, stört die 68-Jährige kein bisschen: “Das liegt da aus, weil ich zeigen will, was alles aus meinem Leben entsprungen ist.”

Ebenso ungewöhnlich wie ihr Laden ist der Weg, auf dem Lydia Gastroph von der Goldschmiedekunst zum Bestattertum kam. Die erste Beerdigung, die sie ausrichtete, war die ihrer eigenen Schwester. “Sie ist mit 39 schwer an Krebs erkrankt. Es war also klar, dass sie sterben wird”, erzählt Gastroph. Weil ihrer Schwester kein Bestatter zusagte, bat sie die kunstbegabte Lydia, ihre Beerdigung zu planen. Die Münchnerin erfüllte ihrer Schwester diesen Wunsch.

Lydia Gastroph gehört der Bestatter „weiss“.
© privat
Lydia Gastroph gehört der Bestatter „weiss“.

von privat

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Zum ersten Mal einen schönen Sarg gesehen

Das liegt nun fast 15 Jahre zurück. Doch die Auseinandersetzung mit dem Thema hatte bei Lydia Gastroph schon früher begonnen: Anfang der 2000er stellte sie ein Defizit in der Bestatter-Branche fest – ein Defizit an zeitgemäßer Ästhetik. Bei der Beerdigung ihres Professors, des bekannten Goldschmieds Hermann Jünger, habe sie dann zum ersten Mal einen schönen Sarg gesehen, erzählt sie. “Seine Kinder, alles Kunsthandwerker und Kunsthandwerkerinnen, hatten ihn gemeinsam gebaut.” 

Als ihre Schwester erkrankte und sie bat, ihre Beerdigung zu gestalten, dachte sie sich: “Ich habe so viele Freundinnen, Freunde und Kolleginnen, mit denen ich zusammen studiert habe, die solche Produkte entwickeln könnten.“ Und genau die fragte sie dann auch. Eine befreundete Schreinerin entwarf eine Sargkollektion, eine befreundete Keramikerin, die sonst Dinge wie Teekannen herstellte, gestaltete Urnen.

Einen Sarg kann man schon vor dem Ableben verwenden. Als farbenfrohen Schrank, findet die Münchner Bestatterin Lydia Gastroph.
Einen Sarg kann man schon vor dem Ableben verwenden. Als farbenfrohen Schrank, findet die Münchner Bestatterin Lydia Gastroph.
© Sophia Willibald
Einen Sarg kann man schon vor dem Ableben verwenden. Als farbenfrohen Schrank, findet die Münchner Bestatterin Lydia Gastroph.

von Sophia Willibald

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Galerie der Begräbniskunst

Mit den neuen Produkten wollte sich Lydia Gastroph schließlich mit einem Pop-up-Store versuchen. Aber nicht irgendwo, versteckt, unscheinbar, dunkel und verhangen. “Mitten in der Stadt und mit großen Schaufenstern war meine Idee”, erzählt die 68-Jährige.
Schon damals habe es geheißen, der Tod müsse ins Leben zurückgeholt werden. “Aber keiner hat etwas dafür gemacht“, sagt sie.
Der Pop-up-Store eröffnete 2010 für drei Monate, ebenfalls in der Hans-Sachs-Straße, nur ein paar Häuser weiter. Dauerhaft konnte sie den Laden jedoch nicht aufrechterhalten, weil ihr Sohn Leopold noch ein Kind war und sie ihn nicht so viel alleine lassen wollte.
Also führte sie ihr Unternehmen von zu Hause aus. “Ich habe alle Produkte in meine Wohnung gestellt, also in allen Zimmern standen Särge und Urnen – das war sozusagen eine große Galerie der Begräbniskunst.”

Sohn Leopold Gastroph arbeitet mit im Geschäft.
Sohn Leopold Gastroph arbeitet mit im Geschäft.
© Sophia Willibald
Sohn Leopold Gastroph arbeitet mit im Geschäft.

von Sophia Willibald

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Sohn wächst neben Särgen auf

Wie es für Sohn Leopold war, neben Särgen aufzuwachsen? Der heute 28-Jährige lacht und sagt: “Das war ganz normal. Das ist ja im Endeffekt auch nur ein Schrank oder eine Kiste.”

Apropos Schrank: Dass ein Sarg auch als Möbelstück funktionieren kann, zeigt Lydia Gastroph in ihrem heutigen Laden, den sie im Sommer vergangenen Jahres eröffnete. Neben dem Ladentisch steht ein großer roter Schrank. Darin befinden sich Regalbretter, auf denen Urnen ausgestellt sind. Der Schrank ist in Wahrheit ein senkrecht aufgestellter Sarg. Lydia Gastroph will damit zeigen, dass Dinge, die später einmal Teil der eigenen Beerdigung sein sollen, auch schon vorher Teil des Lebens sein können. “Das sind zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen ist es nachhaltig, weil Holz und handwerkliche Arbeit länger genutzt werden als nur für wenige Tage, bevor alles verbrannt oder beerdigt wird. Zum anderen hilft es den Menschen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen und darüber ins Gespräch zu kommen.“

Eine Urne als Vase

Ebenso gut könne man übrigens Urnen zu Lebzeiten noch als Vase nutzen bis sie später einmal mit der eigenen Asche gefüllt werden. Zu oft werde über das Sterben geschwiegen. Mit den ungewöhnlichen Zweifachnutzungen schaffe man Berührungspunkte. Ihre Schwester selbst habe ihren Sarg zwei Jahre lang im Wohnzimmer stehen gehabt, erzählt Lydia Gastroph. Und sie habe sie bis zu ihrem Tod immer wieder darin bestärkt, mit den Sargschränken weiterzumachen.

Das tat Lydia Gastroph und verkauft sie nun noch in ihrem Geschäft im Glockenbach – dort, wo sie jeder sehen kann.

Hans-Sachs-Straße 13,
Mo-Fr von 9-18 Uhr
Sa 11-16 Uhr

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