Kultur

Münchner Ausstellung „Antifascism: Now“: Wo geht’s zur Mitte der Gesellschaft? | ABC-Z

Schon auf der Straße im Münchner Stadtteil Haidhausen beginnt die Ausstellung. Im Schaufenster der Kunsthalle Lothringer 13 hängt eine riesige Kontaktanzeige: „Mann (37) aus Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, sucht eine Person, mit der er über Antifaschismus diskutieren kann“, darunter eine Telefonnummer. Die Anzeige, ein Projekt des Künstlers Bojan Stojčić, wurde auch in Lokalzeitungen geschaltet – und erhielt viele Antworten. Diskussionsbedarf beim Thema Antifaschismus besteht also.

Für Kalas Liebfried, seit einem Jahr künstlerischer Leiter der Lothringer 13, ist das Thema dringlich, denn rechte und autoritäre Stimmen werden immer lauter. Seine Ausstellung „Antifascism: Now“, zu der Stojčić’ Anzeigen gehören, ist gerade zur Angriffsfläche für rechte Agitation geworden. Kürzlich erschien beim rechten Online-Medium Nius ein Artikel mit dem Vorwurf, die öffentlich geförderte Schau rufe zu Gewalt auf. Man müsse ihr die Mittel streichen, so die Forderung im Subtext. Das passt allzu gut ins kulturpolitische Programm der AfD. Die Partei griff den Artikel auf, hetzte über ihre Kanäle weiter.

Die Ausstellung

„Antifascism Now“. Lothringer 13 Halle, München, bis 31. Juli

Die Folgen fürs Kunsthaus Lothringer 13 waren konkret: „Leute standen bei uns, stellten seltsame Fragen, bedrängten meine Mitarbeiter, scannten die Räume ab“, berichtet Liebfried. „Am Wochenende kamen zwei Gestalten mit neonazistischen Symbolen auf der Kleidung.“ Die Polizei wurde alarmiert.

Gleich zu Beginn der Ausstellung hängen großformatige Fahnen mit dem historischen Symbol der Drei Pfeile. Das polnische Kollektiv Office for Postartistic Services hat das 1931 für die Eiserne Front entworfene Zeichen aus seinem agitatorischen Ursprung gelöst und in eine zeitgenössische Bildsprache übersetzt, verwendet Regenbogenverläufe und andere queere Symbole.

Von rechts instrumentalisiert: Banner vom Office for Postartistic Services mit umgedeuteten agitatorischen Symbolen



Foto:
Christian Kain

Groteske Gleichstellung

Ausgerechnet diese Fahnen wurden zur Zielscheibe des Nius-Autors. Der verglich die Eiserne Front, die sich als Bündnis für die Demokratie in der Weimarer Republik gegen Nazis, Kommunisten und Monarchisten richtete, fälschlicherweise mit der SA – eine groteske Gleichsetzung und Strategie, antifaschistische Positionen zu delegitimieren. Dabei ist es das Ansinnen der Ausstellungsmacher, Antifaschismus breiter aufzustellen, ihn nicht nur als linke Identität verstanden zu wissen, sondern als anknüpfungsfähig auch für die Mitte der Gesellschaft.

Wie die wortlosen chassidischen Gesänge, die Nigunim, die durch die Halle der Lothringer 13 klingen. Talya Feldmann begreift in ihrer Soundinstallation „Sonics of their Living“ die menschliche Stimme als Mittel des Widerstands. Sie bezieht sich darin auf einen bis heute nicht ganz aufgearbeiteten Brandanschlag von 1970 auf ein Altenheim nahe der Synagoge Reichenbachstraße in München. Nach mehr als 50 Jahren steht der Fall nun vor der Aufklärung, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konzentrieren sich auf einen 2020 gestorbenen vorbestraften Rechtsextremisten.

Besonders aufrüttelnd sind in der Ausstellung die scheinbar harmlosen Postkarten von Lexi Fleurs und Nikol Goldman. Darauf sind abgefangene Telefonate russischer Soldaten aus dem aktuellen Krieg in der Ukraine transkribiert. Kriegsverbrechen – Plünderungen, Vergewaltigungen, Tötungen – werden nur beiläufig geschildert. Fleurs und Goldmann fügten reale Objekte getöteter russischer Soldaten und Täter hinzu: Helm, Stiefel, Uniformteile aus dem ukrainischen Isjum, wo Massengräber mit Hunderten zivilen Opfern entdeckt wurden. „There Are No Evil People in the World“ heißt ihre Installation, ein bitter ironischer Titel.

Nikita Kadan zerschmettert mit seinem „Brunnen der Völkerfreundschaft“ eine russisch-imperiale Erzählung (Detailansicht)



Foto:
Christian Kain

Emanzipatorische Politik im Krieg

Auch Aquarelle von Davyd Chychkan sind ausgestellt, Chychkan fiel im Sommer 2025 an der ukrainischen Front. Seine Bilder zeigen uniformierte Soldaten in Kampfszenen, dazu bunte Bänder in Regenbogenfarben oder schwarz-rote Fahnen der anarchistischen Bewegung. Chychkan zeigte antiautoritäre Linke in den Reihen der ukrainischen Armee, die sich weigerten, emanzipatorische Politik im Krieg aufzugeben.

Unter dem Titel „13 Scores Against Tech Fascism“ sind Projekte gegen technologische Kontrolle versammelt. Ein mithilfe von KI umgeschriebenes Buch des ultrakonservativen Jordan Peterson etwa, das von einem linken Kollektiv in Bibliotheken eingeschleust wurde. Oder „Mij (The Fog)“. Das ist der Prototyp für ein mobiles Verteidigungssystem gegen türkische Drohnen aus der kurdischen Region Rojava in Syrien. Die Figur stellt die lokale antike Gottheit Ninurta dar, aus ihrem Mund kommt Nebel, der die Zielerfassung von Angriffsdrohnen stören soll.

Die Münchner Ausstellung ist durchwachsen. Liebfried und sein Kuratoren-Team beziehen sich zentral auf den Kulturtheoretiker Alberto Toscano und seine Arbeit zum Spätfaschismus, der Faschismus nicht als historische Analogie, sondern als wandelbaren, in Kolonialismus und Kapitalismus verwurzelten Prozess begreift.

In einer Ecke ließ der Künstler Hussein al-Jerjawi symbolisch Hilfssäcke für den Gazastreifen aufstapeln, unweit davon sind Arbeiten über die Bombardierung ukrainischer Städte zu sehen. Eine unglückliche Parallele: Kann man Russlands imperialen Angriffskrieg auf die Ukraine mit dem Krieg in Gaza nach den Terrorangriffen des 7. Oktober 2023 vergleichen?

Wo bleibt die Kritik an der Korruption?

Gerade der Ansatz, Antifaschismus in die gesellschaftliche Mitte zu rücken, hätte Bezüge jenseits postkolonialer, linker Theorien nahegelegt. Anne Applebaum etwa zeigte in ihrem Buch „Autocracy Inc.“ kürzlich, dass Autokratie wie ein globales Korruptionsökosystem funktioniert. Eine solche Perspektive hätte die Ausstellung breiter vermittelbar gemacht.

„Antifascism: Now“ ist eine bisweilen streitbare, aber auch eine notwendige Ausstellung. Sie stiftet Diskussionen. Das ist gut, denn Antifaschismus ist nicht bloß historische Erinnerung, sondern notwendige gegenwärtige Praxis.

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