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München: Ostermarsch gegen Krieg und Wehrdienst – München | ABC-Z

Es werden immer mehr Kriege in der Welt, zuletzt kam der in Iran hinzu. Und die Friedensbewegung? Michael Vilsmeier vermutet, es liege an „Frustration“ und „Resignation“ in der Gesellschaft, am schwindenden Zutrauen in die Demokratie, am Glauben, sowieso nichts verändern zu können. Deshalb, so meint der Friedensaktivist, gingen nicht mehr Menschen gegen die Kriege auf die Straße.

Am Samstag kommen zum traditionellen Ostermarsch laut der Organisatoren vom Münchner Friedensbündnis gut 1000 Menschen; die Polizei geht von etwa der Hälfte aus, 550 Teilnehmende. Vor und nach der Demo, sie führt zum Gärtnerplatz und zurück, finden auf dem Marienplatz zwei Kundgebungen statt, unter dem Motto: „Völkerrecht statt Faustrecht“.

Kundgebungen mit Forderungen nach Frieden und Abrüstung fanden unter anderem auch in Stuttgart (etwa 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer), Berlin (1000), Mannheim (800), Köln und Leipzig statt. Im Ruhrgebiet startete am Samstag der dreitägige Ostermarsch von Duisburg nach Dortmund. Das Netzwerk Friedenskooperative erwartete an rund 70 Orten bundesweit mehrere Tausend Teilnehmende.

Viele Slogans an diesem Tag in München, geschrieben auf Schilder und Transparente, gesprochen auf der Bühne, klingen altbekannt: „Es gibt keinen gerechten Krieg“. Oder: „Die Waffen nieder! Deeskalation jetzt.“ Oder: „Frieden für Palästina bedeutet auch: Frieden für Israel.“ Manchmal ist allein der Name des Landes, das aktuell im Fokus steht, neu: „Hände weg vom Iran.“

Die Friedenstaube als wiederkehrendes Symbol – auf Schildern … Stefan Puchner/dpa
... und auf Ansteck-Buttons.
… und auf Ansteck-Buttons. Stefan Puchner/dpa

Mattias Gast vom Friedensbündnis erinnert an den ersten Ostermarsch in München, 1961 habe der von der KZ-Gedenkstätte in Dachau zum Königsplatz geführt; Erich Kästner, der große Schriftsteller, sei dabei gewesen. 65 Jahre später stellt Gast fest: „Es war noch nie so gefährlich wie heute.“ Schon ein kleiner militärischer oder politischer Fehler könne einen sehr großen Krieg auslösen.

Er und alle anderen auf der Bühne beklagen die Militarisierung der Politik, das vielfältige Leid auf der Welt und die Ungerechtigkeit. Sei es in Iran, sei es in Deutschland. Geopolitik wird mit Innenpolitik verknüpft, mit Sozialem, mit Klima, mit dem Rechtsextremismus.

Viele der Teilnehmenden sprechen sich gegen den neuen Wehrdienst in Deutschland aus, er war jahrelang ausgesetzt. „Unsere Kinder und Enkel nicht für ihren Krieg“: Ein Transparent mit dieser Forderung spannen Senioren der Gewerkschaft Verdi zwischen Besenstangen auf und tragen es auf die Bühne, als Claudia Weber spricht, die Verdi-Geschäftsführerin in München.

Sie zählt aktuelle Kriegs- und Krisenregionen auf: Libanon, Iran, Gaza, Sudan, Kongo. Wie viele andere auch beklagt sie die Erosion des Völkerrechts und fordert: „Wir wollen, dass Regeln gelten im Umgang der Völker, wenn es unterschiedliche Auffassungen gibt.“

Sie habe den Verdacht, dass Konflikte von Menschen mit speziellen Interessen geschürt würden. Als Indiz führt sie die Entwicklung von Rüstungsaktien an: Je mehr Kriege, desto mehr stiegen sie; sobald sich Frieden abzeichne, sänken sie. „Was ist das für ein perverses System!“, ruft Weber.

Die weltpolitische Lage verbindet auch sie mit der deutschen Innenpolitik, speziell im Sozialen, wo gespart werde. „Die Stimmung im Land ist schlecht und sie wird immer schlechter“, stellt sie fest und erklärt dies auch mit steigenden Kosten für Sprit, Mieten, Gesundheit. Das alles komme dem politisch rechten Rand zugute: „Rechtsextreme als Volkspartei der Arbeiter – wir furchtbar ist das!“ Ein Blick in die Geschichte zeige: „Das hatten wir schon mal.“ Das Land habe sich geschworen: „Das gibt es nie wieder.“

Brigitte Wolf, langjährige Stadträtin der Linken und immer wieder Rednerin auf Friedensdemos, wird mit einem kleinen Blumenstrauß vom Münchner Friedensbündnis verabschiedet. Sie hat bei der Kommunalwahl nicht mehr kandidiert. „Das Recht des Stärkeren wird immer öfter zur Richtschnur politischen Handelns“, beklagt sie, und dass sich die Politik der Mächtigen am Motto orientiere: „Nach uns die Sintflut.“ Sie zweifle inzwischen an der Fähigkeit des Menschen, sein Überleben zu sichern, und kritisiert, dass in Deutschland die Rüstungskosten stiegen, während Geld für Soziales gekürzt werde.

Neben der Bühne ist vor dem Rathaus eine temporäre Gedenkstelle eingerichtet: Sie erinnert an die 168 getöteten Schülerinnen einer Mädchenschule in Iran. Am ersten Tag des Krieges starben sie, als der Angriff der USA gerade begonnen hatte. Fotos der Kinder sind an ein Auto geklebt und liegen auf dem Boden. Menschen legen Blumen nieder.

Menschen ziehen beim Ostermarsch hinter einem Transparent mit Kinderfotos und dem Aufdruck „Children's blood, evidence of US crimes“ durch die Münchner Altstadt.
Menschen ziehen beim Ostermarsch hinter einem Transparent mit Kinderfotos und dem Aufdruck „Children’s blood, evidence of US crimes“ durch die Münchner Altstadt. Stefan Puchner/dpa

Der Großteil der Demonstrierenden an diesem Tag hat ganz offensichtlich schon viele Ostermärsche besucht. Wenig junge Menschen sind unter den Demo-Teilnehmenden, trotz der Debatte um den neuen Wehrdienst.

Ein junger Mann, der seinen kompletten Namen nicht sagen mag, wirbt auf der Bühne für den nächsten Schulstreik gegen den Wehrdienst am 8. Mai und bekundet, dass die Jungen nicht bereit sei, in den Kriegen der Reichen zu sterben: Die Reichen wollen Krieg, die Jugend will eine Zukunft. Dazu passt, was auf einem kleinen Schild steht, ein Mann hat es auf der Demo zum Gärtnerplatz getragen: „Wehrdienst? Ihr kriegt uns nicht!“

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