München: Mehrere Tausend Menschen demonstrieren auf Prüf-Demo gegen Rechtsextremismus – München | ABC-Z

„Prüf“? Was bitte schön soll das für eine Kundgebung sein? Nun, es ist in der Tat eine ungewöhnliche Demo am Geschwister-Scholl-Platz vor der Uni. Eine, die man eine gute Stunde später nicht beseelt von heiligem Ernst verlässt, sondern beschwingt, mit einem Lächeln im Gesicht und „Give peace a chance“ auf den Lippen. Aber von vorn: Neulinge bekommen erst mal eine Stempelkarte mit der Aufschrift „Geprüfte Demo-Teilnahmen“ in die Hand, mit noch zehn freien Feldern und der Ansage: „Wenn du alle Stempel hast, gibt‘s eine Demo umsonst.“ Ah, so läuft das hier: Protest, aber mit Spaß.
Dabei ist der Anlass dieser vom Satiriker Nico Semsrott ins Leben gerufenen Versammlungen ein sehr ernster. Es geht um eine Aufforderung: „Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden.“ Nötig ist dazu ein Beschluss des Bundesrats. Und so gibt es nun jeden zweiten Samstag im Monat in immer mehr deutschen Städten Demos unter dem Motto „Prüf heute, schütz morgen!“, in München zum vierten Mal organisiert von Bellevue di Monaco.
Es ist ein buntes, ein paar tausendköpfiges Völkchen, das sich da rund um den Uni-Brunnen versammelt hat: Junge, Alte, Familien mit kleinen Kindern sowie Engagierte und Plakatträger aller Art. Regenbogenfahnen wehen neben „No Kings“-Schildern, Omas gegen Rechts, Opas gegen Rechts. Auf den Plakaten stehen Slogans wie „Der Klügere prüft nach“, „Es reicht. Prüft!“, „Demokratische Parteien, macht endlich euren Job!“. Nur ein Plakat nennt den Feind mal beim Namen: „Kein Bock auf AFD“.
Ein junger Mann hält derweil ein Plakat mit drei süßen Katzen hoch, daneben steht „Katzis statt Nazis“. Roland Hummel heißt er und war schon bei der ersten Prüf-Demo dabei. Das von seiner Frau gezeichnete Plakat sei schon bei den großen Demos im Vorjahr im Einsatz gewesen. Den Claim muss er nicht groß erklären: „Katzis sind halt super, Nazis sind scheiße.“ Kein Widerspruch, nirgends.

Punkt 14 Uhr begrüßt Till Hofmann die Menge, übergibt das Mikro an Kabarettistin Christl Sittenauer, die mit Verve und guter Laune durch die Tagesordnung führt. Ja, hier wird ordentlich demonstriert! Und mit so viel Spaß und Originalität, dass man trotz des bitterernsten Themas sehr oft lachen muss. Und es wird gesungen, richtig viel sogar. Los geht‘s mit „Komm, lass uns prüfen!“ auf die Melodie von Marius Müller-Westernhagens Klassiker „Komm, lass uns leben“, gefolgt vom Demokratie-Chor, der sich sonst einmal im Monat zum Singen von Liedern mit demokratischem Bezug trifft.
Lady Gagas Freiheitshymne „Born this way“ darf ebenso wenig fehlen wie „Los, prüft endlich diese Parteien“ zur Melodie von „My bonnie ist over the ocean“ oder auch die Klassiker des Hippie Kammerorchesters: „Give peace a chance“ oder „Let the sun shine“. Die Sängerin ruft „Das ist die coolste Demo seit ’68!“ und trifft die Stimmung damit ganz gut. Ein Junge verteilt Gummibärchen- und Gummischlangen in der Menge. Seifenblasen fliegen durch die Luft, vor dem Brunnen purzeln beim Dosenwerfen bunte Dosen vom Tisch. Ein Demonstrant hat mit einem Meterstab ein Herz geformt, andere haben sich bunte Plastikkrönchen mit Prüf-Schriftzug aufgesetzt. So was nennt man dann wohl kreativen Widerstand. Wobei Christl Sittenauer darauf hinweist, dass man nicht gegen, sondern für etwas demonstriere: „Wir stellen positive Forderungen.“
Hauptredner Heribert Prantl schlägt in die selbe Kerbe: „Wir fordern die Politik auf, Artikel 18 endlich anzuwenden!“ Es gebe ja Leute, die halten Demokratie für eine Kiste, so Prantl. Aber Demokratie sei mehr als eine Abstimmungsprozedur, nämlich eine Wertegemeinschaft. Und die Werte gelte es zu leben und zu verteidigen, „mit den Waffen der wehrhaften Demokratie“. Denn Demokratie brauche Courage, um gegen den „sich aufblähenden Rassismus und Antisemitismus“ zu kämpfen. Prantl erinnert an Max Frischs Lehrstück „Biedermann und die Brandstifter“. Und zitiert Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“





















