Kultur

Mette-Marit, Marius und Epstein-Skandal: Absturz einer Königsfamilie | ABC-Z

Damals, als wie im Märchen alles gut zu werden schien, erzählte Mette-Marit mit Tränen in den Augen von ihrer wilden Vergangenheit. Wenige Tage vor ihrer Hochzeit mit dem norwegischen Kronprinzen Haakon war das, im August 2001. Im Festsaal des Schlosses sagte Mette-Marit damals, sie sei in ihren Zwanzigern in Oslo in einem Milieu gewesen, „in dem experimentiert wurde und in dem wir Grenzen überschritten“. Das habe dazu geführt, dass sie „ziemlich ausschweifend gelebt“ habe. Sie sprach von einer „sehr teuer erkauften Erfahrung, die zu verarbeiten lange gedauert hat“. Aber all das habe zu „etwas Positivem geführt“; sie fühle sich inzwischen viel stärker und sicherer. Sichtlich gerührt strich ihr Haakon übers Haar. Es sei kein Wunder, dass er dieses Mädchen liebe, sagte er.

Drei Tage später heirateten die beiden. Die Bürgerliche mit der dunklen Vergangenheit und der Prinz. Eine Aschenputtel-Geschichte. Die Vorbehalte, die viele Norweger gegen Mette-Marit hatten, lösten sich mit der Zeit auf. Die beiden würden auch ein gutes Königspaar abgeben, war man sich sicher.

Das ist vorbei. Mette-Marits Name findet sich mehrere Hundert Mal in den Unterlagen des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Sie traf ihn mehrmals, und die beiden tauschten E-Mails aus, die von großer Nähe zeugen. Die Nachrichten zeigen zudem, dass die Kronprinzessin zuvor nicht die Wahrheit über ihren Kontakt mit Epstein gesagt hatte.

Es ist die schwerste Krise für das norwegische Königshaus

Damit stürzt Mette-Marit das norwegische Königshaus in seine bisher wohl schwersten Krise; nur knapp 29 Prozent der Befragten sprachen sich in einer jüngsten Umfrage dafür aus, dass sie noch Königin werden sollte. Schon davor war das Königshaus angeschlagen. Verantwortlich dafür war vor allem Mette-Marits Sohn Marius Borg Høiby; kurz nachdem die Vorwürfe gegen seine Mutter laut wurden, begann gegen diesen ein Prozess in Oslo, unter anderem wegen vierfacher mutmaßlicher Vergewaltigung.

In einer Erklärung bedauerte die Kronprinzessin am Sonntag die Inhalte der Epstein-E-Mails, am Freitag veröffentlichte das Königshaus eine weitere knappe Mitteilung von ihr. Darin heißt es, die Kronprinzessin wolle sich zutiefst für ihre Freundschaft mit Jeffrey Epstein entschuldigen. Es ist das erste Mal, dass sie in dem Zusammenhang das Wort „Freundschaft“ benutzt. „Ein Teil des Inhalts der Nachrichten zwischen Epstein und mir entspricht nicht dem Menschen, der ich sein möchte. Ich bedauere auch die Situation, in die ich das Königshaus gebracht habe, insbesondere den König und die Königin.“

Das Königshaus ging in der Mitteilung erstmals auf Distanz zur Kronprinzessin. „Wir verstehen die starken Reaktionen der Menschen auf das, was in den letzten Tagen bekannt geworden ist“, heißt es darin. Die Kronprinzessin distanziere sich entschieden von Epsteins Übergriffen und kriminellen Handlungen. Sie bedauere sehr, dass sie nicht früh genug erkannt habe, was für ein Mensch er gewesen sei. Sie wolle über das Geschehene berichten und sich ausführlicher dazu äußern. Aber derzeit sei ihr das nicht möglich. „Die Kronprinzessin befindet sich in einer sehr schwierigen Situation. Sie hofft auf Verständnis dafür, dass sie Zeit braucht, um sich zu sammeln.“

Womöglich wird sie später noch mehr zu erklären haben

In Norwegen heißt es nun, ein Auftritt wie damals kurz vor der Hochzeit könnte Mette-Marit vielleicht noch retten: wenn sie den Norwegern Einblick in ihre Gefühle geben würde. Aber für eine derartige öffentliche Läuterung dürfte der Kontakt mit Epstein wohl zu abgründig gewesen sein.

Zudem werden laufend weitere E-Mails bekannt. Womöglich könnte Mette-Marit später noch mehr zu erklären haben. Fotos etwa. Eine unbekannte Person kontaktierte Epstein laut der Unterlagen wegen „unangemessener“ Bilder auf dessen Computer. „Zu diesen Fotos gehören auch Aufnahmen von Mette auf Ihrem Grundstück“, schrieb der Unbekannte. Womöglich kommt somit auf das Königshaus noch Schlimmeres zu. Zudem gibt es viele offene Fragen. War Mette-Marit wirklich nie auf Epsteins Insel? Wie oft traf sie ihn, und wie genau war ihr Verhältnis zu ihm?

Epstein war 2008 verurteilt worden, weil er minderjährige Mädchen, teils erst 14 Jahre alt, sexuell missbraucht hatte. Danach machte er damit offenbar einfach weiter. Dass Mette-Marit mit ihm Kontakt gehabt und ihn zwischen 2011 und 2013 getroffen hatte, war schon früher bekannt gewesen. Die Kronprinzessin hatte dazu angegeben, sie hätte niemals mit ihm Kontakt gehabt, wäre ihr die Schwere seiner kriminellen Handlungen bewusst gewesen.

2012 in New York: Mette-Marit schüttelt Epsteins Freundin Ghislaine Maxwell die Hand
2012 in New York: Mette-Marit schüttelt Epsteins Freundin Ghislaine Maxwell die HandEPA

Aus den E-Mails nun geht aber hervor, dass der Kontakt auch 2014 noch andauerte und dass Mette-Marit vermutlich sehr bewusst war, mit wem sie es zu tun hatte. So schrieb sie ihm in einer E-Mail im Oktober 2011, sie habe ihn gegoogelt. „Stimme zu, sah nicht gut aus.“ Smiley. Damals, das zeigen Recherchen norwegischer Medien, stand als zweiter Satz in Epsteins Wikipedia-Eintrag, er habe 13 Monate Haft als verurteilter Sexualstraftäter verbüßt.

Damals schrieb Mette-Marit ihm, Paris sei gut für Ehebruch. Und Skandinavierinnen seien „besseres Ehefrauenmaterial“. Epstein traf offenbar mit zwei jungen Norwegerinnen zusammen, die 24 beziehungsweise 25 waren. „Ich mag Oslo“, schrieb er. Woraufhin ihm Mette-Marit antwortete, offenbar in Anspielung auf seine Vorliebe für Minderjährige, „mein Gott“, er sei wohl betrunken, habe Schreibfehler gemacht. Die Mädchen seien 24 und 25? „Ich mag Oslo auch.“

Wusste Mette-Marit, was auf Epsteins Insel vorging?

Mindestens zweimal soll Epstein die Kronprinzessin auf seine Karibikinsel Little Saint James eingeladen haben. Auf dieser soll es vielfach zum Missbrauch von Minderjährigen gekommen sein. In Epsteins Kalender heißt es im Januar 2013: „Princess Mette to the Island“. Doch gibt es keine Beweise dafür, dass die Kronprinzessin selbst auf der Insel war. Das norwegische Königshaus teilte dazu dem Sender NRK mit, die Kronprinzessin sei nie auf der Privatinsel gewesen. Aber wusste sie, was dort geschah? Ende 2012 schrieb sie an Epstein: „U having fun on the island???“ Ein paar Tage später: „Ich vermisse meinen verrückten Freund.“

Anfang 2014 verbrachte Mette-Marit dann ein paar Tage in Epsteins Villa in Florida, offenbar zum Yogamachen. Auch in der Villa soll es vielfach zum Missbrauch Minderjähriger gekommen sein. Mette-Marit kam damals von einem Familienurlaub mit Haakon und den beiden Kindern auf der Karibikinsel St. Barth. In Palm Beach organisierte ihr Epstein – offenbar aus der Ferne von seiner Insel aus – einen Termin zum Zahnaufhellen; außerdem empfahl er ihr seinen Internisten. „Glaubst Du, ich brauche einen???????“, schrieb Mette-Marit. Epstein antwortete, er selbst gehe jedes Jahr zur vollständigen Untersuchung, „nur so als Gedanke, es gibt keine Ärzte wie diesen in Europa“. Sie antwortete: „Ich trainiere in deinem Fitnessstudio, rufe dich danach an.“ Ep­stein kam den Unterlagen zufolge einen Tag bevor Mette-Marit abflog, von seiner Insel zurück. Nach den Tagen in seiner Villa schrieb die Kronprinzessin an den „liebsten Jeffrey“, sie habe seit langer Zeit nicht mehr so viel „Frieden“ in sich gespürt.

Mette-Marit: Habe schlechtes Urteilsvermögen gehabt

Nachdem die E-Mails nun bekannt wurden, teilte Mette-Marit mit, sie müsse die Verantwortung dafür übernehmen, dass sie Epsteins Hintergrund nicht besser überprüft und nicht schnell genug verstanden habe, was für ein Mensch er war. Sie habe ein schlechtes Urteilsvermögen gehabt; es sei „einfach peinlich“. Doch in Norwegen herrscht Einigkeit, dass der Vorfall mehr ist als nur das. Gefragt wird auch, was daraus folgt, dass sie Verantwortung übernehmen will. Eine Kronprinzessin kann nicht einfach zurücktreten. Dass Mette-Marit aber jetzt noch Königin werden kann, wird bezweifelt. Dabei könnte der Schritt bald erfolgen. König Harald V. ist 88 Jahre alt und seit langer Zeit gesundheitlich schwer angeschlagen.

In Verbindung mit Epstein hatte Mette-Marit offenbar ein gemeinsamer Freund gebracht, der Investor Boris Nikolić. Der schrieb Epstein im Februar 2011, eine Freundin von ihm besuche New York und er fände es toll, wenn sie sich alle treffen könnten. „Sie ist GROSSARTIG! Verschroben ;)“. Keine von den typischen Royals.

Auftritt als Familie: Kronprinzessin Mette-Marit, Kronprinz Hakoon, die gemeinsamen Kinder Prinzessin Ingrid Alexandra, Prinz Sverre Magnus und Marius Borg Høiby im Jahr 2015
Auftritt als Familie: Kronprinzessin Mette-Marit, Kronprinz Hakoon, die gemeinsamen Kinder Prinzessin Ingrid Alexandra, Prinz Sverre Magnus und Marius Borg Høiby im Jahr 2015Picture Alliance

Mit Mette-Marit hatte sich Norwegens Königshaus auf ein Wagnis eingelassen. Vor ihrer Verbindung mit Haakon hatte sie als Kellnerin und Umzugshelferin gearbeitet. Und sie brachte einen kleinen blonden Jungen mit in die Ehe. Den kleinen Marius hatte sie im Alter von nur 24 Jahren bekommen, nach einer Affäre. Haakon bezeichnete den Jungen als „Geschenk“, zeigte sich öffentlich mit ihm auf dem Arm. Als das Paar kurz vor der gemeinsamen Hochzeit im Schloss auftrat, hieß es, die beiden widmeten dem damals Vierjährigen viel Zeit und Energie. Während der Pressekonferenz war der kleine Marius in Skaugum, der Residenz des Kronprinzenpaares, wo er unter anderem den Stall besuchen sollte.

Høiby steht derzeit wegen Vergewaltigung vor Gericht

Just dort soll Marius Borg Høiby im Dezember 2018 eine junge Frau sexuell missbraucht haben. Das Kronprinzenpaar sowie Høibys Geschwister, Prinzessin Ingrid Alexandra und Prinz Sverre Magnus, sollen in der betreffenden Nacht zu Hause in Skaugum gewesen sein. Es ist der zweite Fall, der just parallel zu den Vorwürfen gegen Mette-Marit derzeit das norwegische Königshaus ins Wanken bringt.

Høiby muss sich vor dem Osloer Amtsgericht verantworten. Er befindet sich in Untersuchungshaft. Die Anklage umfasst 38 Punkte, darunter vier Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch, Körperverletzungen, Drogenbesitz und mehr. Die Vergewaltigungen streitet Høiby ab; mehrere andere Anklagepunkte hat er eingestanden.

Eine Gerichtszeichnung zeigt Marius Borg Høiby vor Gericht in Oslo.
Eine Gerichtszeichnung zeigt Marius Borg Høiby vor Gericht in Oslo.AFP

Zum Prozessbeginn sagte eine der mutmaßlich Geschädigten gegen ihn aus. Nach einer Party in Oslo wurde sie von Høiby demnach nach Skaugum eingeladen. Sie tranken Alkohol, Høiby sei ihr auf die Toilette gefolgt, sie hatten demnach einige Sekunden lang Sex, bevor die Frau diesen abbrach. Die Zeit danach sei für sie wie ein „großes schwarzes Loch“ gewesen, sagte sie nun vor Gericht. Sie glaube, unter Drogen gesetzt worden zu sein. Høiby stritt das ab. Er soll sie laut Anklage im Geschlechtsbereich berührt haben, während sie schlief.

Was er beruflich mache? „Nichts“

Zwischen zwei Videos, die er von der entblößten Frau gemacht haben soll, schickte er laut Anklage eine Nachricht an einen Freund. Dazu sagte Høiby, es sei für ihn nichts Ungewöhnliches, während des Sex Nachrichten zu verschicken oder zu telefonieren. Er bestritt die Vergewaltigung und gab an, der Geschlechtsverkehr sei freiwillig erfolgt.

Die Videos wurden auf Høibys Rechner in einem Ordner namens „porrrr“ gefunden. Laut Anklage soll er sich Pornofilme mit Begriffen wie „Vergewaltigung“ und „ohnmächtig“ im Titel angesehen haben. Zudem soll er nach dem Unterschied zwischen Missbrauch und Vergewaltigung gegoogelt haben, teils auch in Verbindung mit seinem Namen.

Auf die Frage nach seinem Beruf oder seiner Position antwortete Høiby beim Prozessbeginn mit: „Nichts.“ Vor Gericht gab er an, dass er alles verfolge, was über ihn geschrieben wird. „Ich bekomme alles mit. Ich lese alles, was geschrieben wird, nicht nur in den Medien, sondern auch in Foren und sozialen Medien.“

Formell ist Marius kein Teil der Königsfamilie

Seit seinem dritten Lebensjahr, als Mette-Marits Beziehung zu Kronprinz Haakon öffentlich wurde, stand er stets im Rampenlicht; norwegische Boulevardmedien zahlten seiner Verwandtschaft Geld für Kinderfotos von ihm. Zugleich aber war er formell nie Teil der Königsfamilie, spielt in der Thronfolge keine Rolle. Deswegen stellte sich das Königshaus auch nicht vor ihn, als es schwierig wurde. Kein einziges Mitglied der Königsfamilie ist nun im Prozess zugegen. Mette-Marit erwog sogar, während dieser Zeit auf eine private Reise zu gehen. Die sagte sie dann aber ab, als die Vorwürfe gegen sie selbst bekannt wurden. Auch kein Sprecher des Königshauses spricht für Høiby, sucht ihn zu stützen wie im Fall seiner Mutter.

Høiby bekam also stets die Scheinwerfer ab, nicht aber den Schutz des Apparats. Dass das keine leichte Rolle ist, macht dieser Prozess immer wieder sehr deutlich. Unter Tränen sagte er bei seiner Vernehmung, bekannt sei er „hauptsächlich als der Sohn meiner Mutter, sonst für nichts“. Deshalb habe er „ein extrem hohes Bedürfnis nach Anerkennung, mein ganzes Leben lang“. Und das habe sich eben niedergeschlagen in viel Sex, viel Drogen und viel Alkohol.

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