Dieser Verteidigungsplan ist Warnung an Putin – „Keine Schwäche leisten“ | ABC-Z

Diese Broschüre kann Leben retten, aber auch die Angst nehmen: „Was im Krisen- oder Kriegsfall zu tun ist“ heißt das Heft, das in jedem Haushalt Schwedens liegt. Auf 30 Seiten wird erklärt, wie man für den Notfall vorsorgt, wie man Wasser, Wärme und Kommunikation sicherstellt, Nahrung lagert und Bargeld zurücklegt. Erläutert wird auch, wie die militärische und zivile Verteidigung funktioniert, wie man sich bei Angriffen verhält und wo man Schutzbunker findet. Leitsatz: „Wird Schweden angegriffen, werden wir uns niemals ergeben.“
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Verantwortlich für die dramatische Unterweisung ist der schwedische Zivischutzminister Carl-Oskar Bohlin. Im Interview erklärt der 39-Jährige, was Schwedens Antwort auf die russische Bedrohung so besonders macht – und was Deutschland davon lernen kann. Bohlins Devise: Wenn Bürger die Instrumente haben, um selbst zu handeln, behalten sie ein Gefühl der Kontrolle – das beste Mittel gegen Unsicherheit.
Herr Minister, viele Menschen beunruhigt die Sicherheitslage in Europa. Was sagen Sie: Wie groß ist die Bedrohung durch Russland?
Carl-Oskar Bohlin: Der größte Fehler wäre, Russland nicht ernst zu nehmen. Russland hat immer wieder gezeigt, dass sie bereit sind, sehr große militärische Risiken einzugehen, um strategische Ziele zu erreichen. Wer hätte gedacht, dass sie so töricht sind, mit dem Überfall auf die Ukraine einen großen Landkrieg in Europa zu beginnen? Und sie machten es doch. Wenn wir das stoppen wollen, müssen wir anerkennen, dass die Aufrechterhaltung unserer europäischen Sicherheitsordnung mit Kosten verbunden ist. Die Art und Weise, wie wir unser Leben führen, gibt es nicht umsonst.
Sie haben als Zivilschutzminister Ihre Landsleute frühzeitig gewarnt, es könnte zu einem Krieg kommen, ohne dass die Vorbereitungen schnell genug vorangekommen seien. Wie ist der Stand heute?
Bohlin: Wir können einen Angriff nicht ausschließen. Wir leben in einer neuen Zeit, in einer neuen Sicherheitssituation. Wir können Frieden nicht mehr voraussetzen. Aber wir in Schweden haben uns schon im Kalten Krieg sehr gut vorbereitet, und das müssen wir jetzt wieder tun. Unser Konzept der Gesamtverteidigung macht diese Vorbereitung glaubwürdig. Es geht um Resilienz – und eine Verteidigungshaltung, die einem potenziellen Angreifer klar macht, dass unsere Gesellschaft widerstandsfähig ist, was die Kosten für einen Angriff stark erhöht. Aber das verlangt von allen Bürgern in Schweden etwas ab, nicht nur der Politik.
Die schwedische Regierung hat 2022 entschieden, dass es jetzt Zeit ist, loszulegen und die Gesamtverteidigung wieder aufzubauen. Seitdem gibt es auch das Amt des Zivilschutzministers, das ich ausübe. Das Problem war allerdings zunächst die Finanzierung. Aber unsere Regierung hat reagiert und die Ausgaben für den Zivilschutz um das Siebenfache erhöht, bis 2028 werden wir 7 Milliarden Euro ausgeben. Wir wissen, dass Russland jede Schwäche ausnutzt – deshalb dürfen wir uns keine Schwäche leisten. Wir werden jedem Herausforderer eine klare Antwort geben.
Der schwedische Zivilschutzminister Carl-Oskar Bohlin.
© picture alliance / Lehtikuva | Roni Rekomaa
Was heißt das Konzept der Gesamtverteidigung konkret für die Bürger?
Bohlin: Wir haben zehn Vorbereitungssektoren festgelegt, von der Wehrpflicht über Energie, Gesundheitsversorgung, Landwirtschaft bis zur Kommunikation und so weiter. Jeder Bürger ist gesetzlich verpflichtet, im Spannungs- oder Verteidigungsfall in einem dieser Sektoren Dienst zu tun. Die Wehrpflichtigen leisten ihren Dienst beim Militär, die Zivildienst-Pflichtigen in den anderen Bereichen. Das Ziel ist nicht nur, dass die Basis der gesellschaftlichen Funktionen aufrechterhalten wird, sondern auch, dass der zivile Bereich die Durchhaltefähigkeit des Militärs erhöht.
Dazu ist notwendig, dass alle Bürger wissen, was im Krisenfall zu tun ist. Zur Unterstützung haben wir voriges Jahr eine umfangreiche Broschüre an alle Haushalte verteilt. Sie sollen vorbereitet sein für den Fall, dass die Stromversorgung nicht mehr funktioniert und aus den Leitungen kein Wasser mehr kommt. Es ist eine strategische Botschaft: Jeder einzelne ist gefragt, damit die Gesellschaft nicht zusammenbricht. Das ist das Fundament der Verteidigung.
Klappt die Selbstvorsorge, machen die Bürger mit?
Bohlin: Die Menschen in Schweden nehmen es sehr gut an, die Resonanz ist groß. Natürlich gab es Einwände, dass mit solchen Vorbereitungen erst einmal Angst erzeugt würde. Aber das Gegenteil ist der Fall: Indem wir den Menschen die Werkzeuge in die Hand geben und die Möglichkeit eröffnen, aktiv zu werden und selbst zu handeln, bekommen unsere Bürger auch ein Gefühl von Kontrolle und Wirksamkeit. Damit nimmt die Unsicherheit ab, nicht zu. Gut informiert und mit den richtigen Instrumenten zu handeln ist viel beruhigender, als nur die Nachrichten zu verfolgen.
Blick in eine Schutzbunker-Anlage in Nordersteht: Der Zählraum im Zugang zur Zivilschutz-Mehrzweckanlage am Rathaus Norderstedt. sie ausgelegt für rund 1200 Personen, aber nicht betriebsbereit.
© picture alliance/dpa | Markus Scholz
Was kann Deutschland von Schweden lernen?
Bohlin: Ich bin mit Ratschlägen vorsichtig, dazu kenne ich die Situation in Deutschland nicht ausreichend. Aber allgemein gesagt sehe ich die Herausforderung der zivilen Verteidigung darin, dass alle Akteure die Ausrichtung auf das gemeinsame Ziel verstehen müssen. Die militärische Verteidigung funktioniert anders, weil es eine starke Befehlskette gibt. Der Rest der Gesellschaft braucht ein Bewusstsein dafür, worum es geht, damit die Menschen ohne Zögern und gemeinsam mitmachen.
Ein weiterer Unterschied zum Militär: Die Soldaten sind die meiste Zeit in Bewegung, sie trainieren immer wieder ihre wichtigsten Aufgaben. Der Zivilist geht dagegen einer anderen Beschäftigung nach. Er braucht klare Botschaften, um die Zivilschutzaufgaben zu übernehmen. Der Fokus verschiebt sich. Das ist eine der Herausforderungen, die wir jetzt angehen.
Schweden verfügt über eine große Anzahl von Schutzbunkern. Braucht man die in dieser Größenordnung wirklich? In Deutschland wird das Thema eher zögerlich angegangen.
Bohlin: Wir sollten die Menschen in der Ukraine fragen – und ihre Antwort wird Ja sein. Sie verwandeln in der Ukraine U-Bahnhöfe in Schutzbunker, um sich vor den russischen Angriffen zu schützen. Wir haben ja auch die Drohnen in Polen gesehen. Es ist also gut, solche Bunker zu haben. Sie sind allerdings schwer erst im Nachhinein zu bauen, wenn die Gebäude bereits fertig sind. Auch wir haben irgendwann aufgehört, Bunker zu bauen, deshalb haben wir jetzt leere Stellen auf der Landkarte – wir haben aber Schutz für sieben der 10 Millionen Bürger. Allerdings haben wir eine große Instandshaltung-Lücke, viele Bunker müssen saniert werden. Dafür und für neue Bunker stellen wir jetzt mehr Geld zur Verfügung.














