Wirtschaft

Menschen in ihren Dreißigern ist Feiern nicht mehr wichtig | ABC-Z

Es ist Dienstagabend, die Tür der Kneipe schwingt auf. Am runden Tisch in der Ecke sitzen Millennials und nippen an ihrem Feierabendgetränk. Überwiegend alkoholfrei. Sie reden, spielen Karten. Vor ihnen liegen Handys, und wenn sie aufblinken, zeigt der Sperrbildschirm ein Bild vom Hochzeitstag, vom daheimgebliebenen Partner mit Hund oder Kind. Statt Partyfieber verbreiten die jungen Menschen ein Gefühl der Gelassenheit. Wer hat denn noch Lust auf wilde Partynächte?

Fragt man Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung in Augsburg, ist das mit Mitte dreißig eine ganz normale Entwicklung. „Man geht in diesem Alter nicht mehr so viel feiern wie früher, weil man auch ein bisschen gesättigter ist.“ Das liege daran, dass das eine Lebensphase sei, in der man einen anderen Erfahrungshorizont habe, sich in mancherlei Hinsicht nicht mehr unter Druck setzen lasse, sich generell freier fühle.

Aktuelle Freizeitstudien konstatieren ein zunehmendes Erholungsbedürfnis bei jungen Menschen. Faulenzen und entschleunigen könnten plötzlich ein wochenendfüllendes Programm sein. Das Bedürfnis, einfach nichts zu tun, nehme spürbar zu, heißt es. Aber nur, weil das Leben in ruhigeren Bahnen verlaufe, sei es nicht langweilig. Im Gegenteil. „Es gibt Studien, die belegen, dass die Menschen in der Zeit zwischen 30 und 40 glücklicher sind als zwischen 20 und 30“, sagt Maas, der die Werte, Verhaltensmuster und Herausforderungen unterschiedlicher Generationen erforscht.

Untersuchungen zeigen zudem, dass die Deutschen trotz ihres Wunsches nach Erholung immer sportlicher werden. Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, mindestens einmal wöchentlich Sport zu treiben: ein neuer Rekord. 2010 war es nur ein knappes Drittel. Fitnessstudios erlebten vor allem bei jungen Männern einen regelrechten Boom. 2025 hätten 36 Prozent der Männer unter 35 Jahren regelmäßig trainiert – mehr als doppelt so viele wie noch 2014. Auch bei jungen Frauen habe sich der Anteil deutlich erhöht, von 14 auf 23 Prozent.

Nicht verwunderlich also, dass es in den Whatsapp-Gruppen vieler Menschen um die dreißig nicht mehr vorrangig um Partygeschichten, sondern um gemeinsame Trainingserfolge geht. Statt „Wo gehen wir heute Abend aus?“ heißt es nun in der Laufgruppe: „Wer hat Lust auf einen Long Run am Sonntag?“

Markt für alkoholfreies Bier boomt

Damit einher geht auch der Trend, weniger oder gar keinen Alkohol mehr zu trinken. „Hast du schon mal alkoholfreies Bier probiert?“, lautet inzwischen eine oft gestellte Frage, wenn man sich mit Freunden trifft. Diese Entwicklung macht sich auch in Zahlen bemerkbar: Der Markt für alkoholfreies Bier boomt. Die Produktionsmenge hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt.

Rüdiger Maas sieht eine grundsätzliche Veränderung im Ausgehverhalten junger Menschen. „Das tägliche Feiern, wie die jungen Leute es in den Neunzigerjahren gemacht haben, gibt es so heute nicht mehr“, sagt der Psychologe. Feiern gehen sei keine „Wochenendpflicht“ mehr, sondern eine Option von vielen. „Der physische Austausch in einer Bar oder einem Club ist nicht mehr so wichtig“, sagt Maas.

Digital lasse sich viel kompensieren. Heute könne man zu Hause bleiben und in der digitalen Welt Menschen kennenlernen. Damit bezieht sich Maas vor allem auf die Gen Z, die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Ihnen sei das Ausgehen weniger „antrainiert“ als den Generationen vor ihnen. Der Bedarf am Feiern sei fast nicht mehr da, viele tanzten und tränken kaum noch. „Als wir in der Corona-Pandemie die Gen Z zu dem Ausgehverbot befragten, hatten 30 Prozent kein Problem damit.“

Langes, gesundes Leben gewünscht

Maas hält noch einen weiteren Punkt für ausschlaggebend beim Ausgehverhalten junger Menschen. Den Mitte Dreißigern sei es heutzutage wichtiger, die Kontrolle zu behalten, als etwa der Generation vor ihnen. Daher stehe auch das Thema „Longevity“, das Konzept für ein langes, gesundes Leben, im Fokus. Und dazu gehörten eine vorwiegend vegetarische Ernährung, viel Sport und eben weniger oder gar kein Alkohol.

Auch Sport-Apps werden immer beliebter. Adidas Running und Garmin Connect sind mehr als nur Lauf-Apps und schlichte Tracker, sondern bieten integrierte Challenges, die das tägliche Training mit spielerischem Wettkampfgeist verbinden. Das kann bedeuten, im Team 500 Kilometer zu laufen oder in einem Monat eine bestimmte Anzahl von Yoga-Einheiten zu absolvieren. Oder sich im Meditieren zu versuchen.

Die App Komoot hat sich zu einem virtuellen Treffpunkt für jene entwickelt, die das Glück in der Natur suchen. Hier tauscht man sich über die besten Wander- und Radrouten aus und teilt die schönsten Aussichtspunkte. Die Krone der sportlichen Selbstdarstellung gehört aber Strava, einer App, die unter Läufern und Radfahrern längst „als Instagram des Sports“ gilt. Das Posten der eigenen Bestzeit am Mainufer wird zum neuen Social-Media-Ereignis, bei dem man nicht mehr seinen persönlichen Rausch, sondern lieber seine Leistung zur Schau stellt.

Back to top button